Stornierte Buchung Special

Sagen Kunden einen Flug ab, behalten die Fluggesell­schaften den Ticket­preis ein. Das tun sie oft zu Unrecht, wie erste Urteile zeigen. Wenn Kunden ihre Rechte kennen und durch­setzen, können sie im Stornofall häufig viel Geld sparen – und sogar fast den gesamten Reise­preis zurück­erhalten.

Geld zurück auch bei Storno aus persönlichen Gründen

Rana Güner* buchte für ihren Mann und ihre drei Kinder Anfang Januar 2013 Flüge von Frank­furt am Main nach Istanbul. Ende März sollte die Familien­reise losgehen. Dann starb unerwartet Güners Vater. Die Frank­furterin stornierte die Flüge wenige Tage vor Abflug. Die Fluggesell­schaft Turkish Air­lines weigerte sich, die rund 1 200 Euro für die Flüge zu erstatten. Das ist typisch. Auch andere Gesell­schaften mauern in solchen Fällen. Güner wehrte sich vor Gericht – und gewann. Das Amts­gericht Frank­furt am Main sprach ihr 1 140 Euro zu, 95 Prozent des Preises (Az. 29 C 2391/13 (44)). Das Urteil wird viele Flug­gäste über­raschen. Es liegt nahe, zu denken: Wer aus persönlichen Gründen nicht fliegen kann, hat eben Pech gehabt. Doch das Gesetz stellt Kunden besser als gedacht.

Passagiere dürfen jeder­zeit stornieren

Die Buchung eines Fluges ist ein Werk­vertrag. Diesen Vertrag darf ein Kunde vor dem Flug­termin ohne Angabe von Gründen kündigen. So steht es im Paragrafen 649 des Bürgerlichen Gesetz­buches (BGB). Jeder Kunde, der vor Abflug kündigt, muss wenigs­tens einen Teil des Flugpreises wiederbe­kommen. Denn die Fluggesell­schaft hat weniger Ausgaben für Kerosin, wenn ihre Maschine weniger Passagiere trans­portiert, und sie hat weniger Kosten für Essen und Getränke. Auch die Gebühren und Steuern, die ein Flug­gast über den Ticket­preis bezahlt hat, entfallen, wenn er nicht mitfliegt. Die ersparten Ausgaben muss eine Fluggesell­schaft dem Kunden erstatten. Kann sie den freigewordenen Sitz­platz sogar noch zum gleichen Preis weiterverkaufen, hat die Air­line gar keinen Schaden und muss den Ticket­preis komplett zurück­geben.

Fluggesell­schaften machen keine Rechnung auf

Spätestens vor Gericht müssen die Fluggesell­schaften genau abrechnen, welche Ausgaben sie durch die Kündigung gespart haben. Doch die Praxis sieht anders aus, hat der Wiesbadener Reiserechtler Holger Hopperdietzel fest­gestellt: „Ich habe es noch nicht erlebt, dass eine Fluggesell­schaft eine solche Abrechnung vorgenommen hat.“ Hopperdietzel ist Güners Anwalt.

Turkish Air­lines weigert sich

Den Flug­linien ist die Abrechnung offen­bar zu mühsam. Das Gericht entscheidet dann nach der 95-Prozent-Regel des Paragrafen 649 BGB: Die Fluggesell­schaft muss dem Kunden 95 Prozent vom Ticket­preis zurück­zahlen, 5 Prozent darf sie behalten. Auf diese Weise bekam auch Rana Güner den größten Teil ihres Geldes zurück. In den Beför­derungs­bedingungen versuchen die Fluggesell­schaften, den für sie ungüns­tigen Paragrafen 649 BGB durch eigene Storno­regeln zu ersetzen. Dort heißt es dann gerade bei güns­tigen Tickets: keine Erstattung nach Storno. Solch eine Stornoklausel gilt aber nur, wenn der Kunde bei der Buchung darauf hingewiesen wurde und die Klausel fair ist. Beides ist oft nicht der Fall.

Versteckte Klauseln gelten nicht

Buchen Kunden zum Beispiel einen Turkish-Air­lines-Flug über das Onlinereiseportal Opodo.de, erfahren sie nur allgemein, dass sie die Vertrags­klauseln irgendwo auf der Internetseite von Opodo nach­lesen können. Das reicht nicht. Der Kunde muss bei der Online­buchung wenigs­tens einen Link erhalten, der zu den Beför­derungs­bedingungen der Fluggesell­schaft führt. In Rana Güners Buchungen fehlte dieser Link zu den Klauseln. Das Erstattungs­verbot von Turkish Air­lines galt deshalb nicht für sie. Für Kunden anderer Portale wie Fluege.de sieht es ähnlich aus. Fluege.de weist zwar auf die Bedingungen von Turkish Air­lines hin. Den Text gibt es aber nur in Eng­lisch. Das Amts­gericht Köln entschied: Der Text muss deutsch sein (Az. 114 C 22/12).

Unfaire Klausel von Condor gekippt

Viele Klauseln gelten aber auch dann nicht, wenn der Kunde deutlich genug darauf hingewiesen wird. Sie sind unwirk­sam, weil sie Kunden unan­gemessen benach­teiligen. Im Jahr 2011, nach dem Reaktor­unfall in Fukushima, stornierte eine Kundin der Fluggesell­schaft Condor drei Monate vor Abflug ihren Flug. Er hatte sie von Frank­furt am Main über Anchor­age in Kanada nach Honolulu bringen sollen. Nun fürchtete die Condor-Kundin um die Gesundheit ihrer mitreisenden Tochter, die wegen einer Epilepsie­erkrankung Medikamente nahm, und sagte die Flüge ab.

Erstattungs­verbot im Vertrag ist unwirk­sam

Auch in diesem Fall sprach das Gericht der Kundin 95 Prozent des Flugpreises zu. Condor musste ihr rund 2 784 Euro zurück­zahlen. Die Storno­regeln von Condor, wonach im Basis­tarif der Ticket­preis nicht erstattet wird, waren zwar Bestand­teil des Vertrages zwischen der Kundin und der Air­line. Aber das Gericht erklärte die Klausel aus inhalt­lichen Gründen für ungültig. Ein Erstattungs­verbot im Vertrag ist unwirk­sam. Die Verbots­klausel nimmt dem Kunden die Möglich­keit, zu beweisen, dass der Air­line durch die Ticketkündigung gar kein Schaden entstanden ist.

Ist das Flugzeug ausgebucht?

Ein Passagier, der sein Ticket storniert hat, könnte zum Beispiel kurz vor dem Abflug der Maschine telefo­nisch bei einem Reisebüro nach­fragen, ob das Flugzeug ausgebucht ist. Wenn ja, hat seine Kündigung keinen oder nur einen geringen finanziellen Schaden verursacht. Dann müsste die Fluggesell­schaft das Ticket erstatten. Weil der Wort­laut der Condorklausel den Nach­weis nicht zulässt, gilt sie nicht (Amts­gericht Rüssels­heim, Az. 3 C 119/12 (36)).

Fluggesell­schaft zur Zahlung zwingen

Bisher haben nur Richter an Amts­gerichten Urteile in diesen Streitfragen gefällt. Passagiere, die ihr Recht durch­setzen wollen, müssen auf jeden Fall mit Widerstand von der Fluggesell­schaft rechnen. Die Air­lines werden freiwil­lig allenfalls die Steuern und Gebühren erstatten und dafür teil­weise noch eine saftige Bearbeitungs­gebühr verlangen. Wer einen teuren Flug stornieren musste und eine Rechts­schutz­versicherung hat, sollte sich auf jeden Fall einen Anwalt nehmen zum Test Rechtsschutzversicherung. Kunden ohne Rechts­schutz, die nicht auf eigenes Risiko klagen wollen, können sich an die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (Söp) wenden. Die Söp nimmt seit kurzem auch Beschwerden von Flug­gästen an. Wie die Schlichter solche Fälle entscheiden werden, ist noch unklar. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Das Schlichtungs­verfahren ist für Passagiere kostenfrei, eine spätere Klage immer noch möglich.

* Name von der Redak­tion geändert.

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