Stoffungebundene Süchte „Ich brauche den Kick“

Krank durch Arbeit, Sex und Spiel. Während der Konsum von Alkohol, Tabletten und harten Drogen stagniert, breiten sich nichtstoffliche Süchte aus. Sie ruinieren Existenzen, aber noch sind nicht alle als eigenständige Krankheit anerkannt.

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Spielhölle Sankt Pauli, Reeperbahn. Nacht für Nacht steht Matthias* hier an den Automaten, hetzt von Gerät zu Gerät auf der Jagd nach dem Jackpot. An Slot Machines, einarmigen Banditen, oder Roulette-Automaten verspielt er Zehntausende bis zum Morgengrauen, wenn er wieder einmal die Halle gemietet hatte – der selbst ernannte „Graf von Sankt Pauli“.

Etwa 60 Casinos und 200 000 Spielautomaten stehen in Deutschland. In den 90er Jahren ist der Glücksspielmarkt explosionsartig gewachsen, im Jahr 2000 erreichte der Umsatz mit 52,7 Milliarden Mark seinen Höhepunkt. Der Staat verdient kräftig mit: Mit 8,7 Milliarden Mark lagen die Erträge weit über denen aus der Alkoholsteuer.

Hupgeräusche und Lichtgeflacker – Signale täuschen Erfolg vor, programmieren die Ströme im Spielerhirn, so die Meinung von Experten. Nicht von ungefähr spielen 90 Prozent der Süchtigen an Automaten, nur wenige spielen Roulette, Karten, wetten auf Pferde oder sind dem Internet verfallen. Bis zu 130 000 pathologische Spieler schätzt die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren in Hamm, andere gehen von bis zu 500 000 Betroffenen aus – fast ausschließlich Männer.

Der „Graf“ ist einer von ihnen. Außer Kontrolle: „Ich brauche den Kick, die Anspannung, das Gefühl der Macht“, so Matthias. Erst betrügt er Eltern, Frau und Freunde. Als auch sie verschuldet sind, setzt er auf Schmuggel und Drogenhandel. Gewissen kann er sich nicht leisten. Die Delikte steigern sich mit der Sucht. Der „Graf“ ist ein Junkie auf der Suche nach Stoff. Was für Heroinsüchtige die Nadel, ist für ihn der Hebel am Automaten.

Dosissteigerung, Kontrollverlust, Beschaffungskriminalität, Verfall familiärer und beruflicher Werte. Stoffungebundene Süchte, sie werden auch nichtstoffliche Süchte genannt, weisen Parallelen zur Drogen- und Alkoholsucht auf. Nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker haben sich in Deutschland seit den 80er Jahren immer mehr Selbsthilfegruppen gebildet, Spiel-, Sex-, Arbeits- und Kaufsüchtige den Zwölf-Schritte-Entzug der Amerikaner übernommen.

„Sie sind nur labil“

Matthias schwört auf die Gruppe, ohne sie hätte er es nicht geschafft. Eine Odyssee zwischen guten Ratschlägen und Therapien ist dem Entzug vorausgegangen. „Spielsucht gibt es nicht. Sie sind nur labil, hieß es immer wieder“, erzählt der Mittdreißiger. Dann der Zusammenbruch: Wegen der „Ersatzdroge“ Alkohol wurde er in die Klinik eingeliefert. Die Sucht über der Sucht wurde therapiert, das eigentliche Problem aber nicht, meint Matthias. Das war Anfang der 80er.

Erst Anfang der 90er wurde die Spielsucht als Sucht anerkannt. Noch bis vor einem Jahr gab es keine klaren Regelungen, wer die Kosten für eine Therapie zu tragen hat. 20 Jahre wurde Matthias von der Sucht getrieben: „Hatte ich verloren, musste ich Geld zurückgewinnen. Hatte ich gewonnen, musste ich weiterspielen.“ Erst durch die Gruppe konnte er den Teufelskreis durchbrechen. Seit drei Jahren ist er „trocken“. „Hätte ich damals nicht aufgehört, dann wäre ich tot – oder zumindest im Knast“, sagt er heute.

Trotzdem, dran ist er lebenslänglich: Vorbe­straft, 75 000 Euro Schulden, kein Job, keine Familie mehr, die ihm den Rücken stärkt. Seine Frau hat ihn verlassen, die Lügen, den Betrug, die Misshandlungen eines Mannes, der Nacht für Nacht um die Häuser zieht, nicht mehr ertragen. Aber das hat Matthias M. erst verstanden, als er alles verzockt, verspielt, verloren hatte. Wo aber hört der Spaß auf und wo fängt die Abhängigkeit an?

„Ich hatte Sex gesoffen“

Die Grenzen sind fließend, besonders bei der Sexsucht. Was für die einen die schönste Sache der Welt ist, hätte Marion* fast in den Tod getrieben: Hunderte von Männern, Zigaretten, Alkohol, Rauschgift – immer höher musste die Dosis sein, um die innere Leere zu verdrängen. Lange hielt sie sich für emanzipiert und aufgeklärt. Ihre 68er Freundinnen beneideten sie. Täglich wechselnde Partner. Egal, ob der eigene Chef, der Mann der besten Freundin oder ein Fremder von der Straße – für die Mutter und Ehefrau war nichts tabu.

„Ich stand ständig unter Hochspannung, wollte sie loswerden. Ich habe jeden Mann angebaggert, der mir begegnet ist.“ Aber in erster Linie wollte Marion eins: siegen. Siegen über das „Opfer“ Mann, das sie „erlegt“. Nähe zu einem Mann, selbst zum eigenen – völlig unmöglich. Erst mit Ende vierzig merkt sie, dass es so nicht weitergeht, dass viele Menschen auf der Strecke bleiben: die dritte Ehe zerbrochen, die Söhne kaum gesehen, den Job als Buchhalterin verloren, beinahe gegen den Baum gefahren – die Gedanken kreisten ständig um den nächsten Akt. Am Ende hatte sie nur noch blanke Angst: vor Aids.

Anders bei Dieter*: Während Marion sich auslebt, ist er gehemmt. Ergeht sich in Onanie, Gewaltphantasien, Selbstverstümmelung – „mit der Rasierklinge im Genitalbereich“. Wenn der frühere Schauspieler das heute erzählt, klingt es wie aus einem Aufklärungsbuch, sachlich und präzise. „Ich habe ein Doppelleben geführt. Im Kopf immer auf der Suche nach der großen Liebe, aber erregt haben mich nur Gewalt und Demütigung.“

Dass die Sucht ihn – und unter Umständen auch andere – das Leben hätte kosten können, das ahnte Dieter schon ziemlich früh. Doch seine Hilferufe blieben unerhört. „Sexsucht – das gibt es nicht“, bekam er immer wieder zu hören. Selbst in der Klinik, wo er jahrelang wegen Depressionen therapiert wurde. Also begab er sich auf die Suche, durchforstete Bibliotheken und Internet, bis er auf die Anonymen Sexsüchtigen stieß.

In der Selbsthilfegruppe hat Dieter auch Marion getroffen. Beide sind seit einigen Jahren „trocken“, wie es in Anlehnung an die Anonymen Alkoholiker heißt. „Ich hatte Sex gesoffen“, sagt Dieter rückblickend. Nach und nach nimmt der Schauspieler kleinere Engagements an, kann sich wieder konzentrieren. Allerdings nur da, wo Gruppen sind. Zweimal pro Woche muss er hin, reden mit Gleichgesinnten, keine Heimlichtuerei.

Von allen Süchten ist die Sexsucht wohl am stärksten mit Tabus belastet. Hinter dem niedlichen Wort „Nymphomanie“, von Naturgöttinnen der griechischen Mythologie abgeleitet, verbergen sich tragische Schicksale. Erst der Begriff für die männliche Ausprägung „Don-Juanismus“, der sich auf die Sadomaso-Orgien von Don Juan de Tenorio im 14. Jahrhundert bezieht, wird dem Leid, das die Lust schafft, gerechter.

Patrick Carnes, wissenschaftlicher Urvater der Sexsucht („Wenn Sex zur Sucht wird“, Minneapolis 1983, München 1992), schätzt, dass drei bis sechs Prozent der Amerikaner süchtig sind. In den Staaten ist Sexsucht eine eigenständige Krankheit, die in vielen Spezialkliniken therapiert wird. Auch Hollywood-Star Michael Douglas (Basic Instinct) soll davon schon Gebrauch gemacht haben. Aber deutsche Krankenkassen erkennen die Diagnose Sexsucht nicht an, obwohl auch hierzulande immer mehr Menschen Leidensdruck empfinden: Mittlerweile haben sich Selbsthilfegruppen in etwa 100 Städten gebildet.

Wie Spielsucht kann auch Sexsucht zu Überschuldung und Beschaffungskriminalität führen. Oft flüchten sich Betroffene in die Welt der Bordelle und Straßenstrichs, um schnellen Sex zu holen oder außergewöhnliche Wünsche bedienen zu lassen. Eine Rolle spielen sicher auch 0190er Nummern und das Internet: sauber, schnell, unverbindlich – und vor allem anonym.

„Ich hielt mich für einen faulen Hund“

Schwieriger noch als für Sex- und Spiel-Geplagte ist es für die „sauberen“ Süchtigen, die kaufen oder arbeiten, Gehör zu finden. In der westlichen Zivilgesellschaft sind Job und Konsum zu Statussymbolen avanciert. Japan, USA, Deutschland gehören zu den „tüchtigen“ Nationen. Arbeiten bis zum Umfallen ist hier angesagt. In Japan hat der Tod durch Überarbeitung schon einen Namen: Karoshi. Witwen hatten gegen die Firmen ihrer verstorbenen Männer geklagt, die Diagnose wurde anerkannt und Schadenersatz zugesprochen.

Psychologen rechnen mit bis zu 200 000 Arbeitssüchtigen in Deutschland. Wie die Sexsucht hat auch die Arbeitssucht zwei Seiten: Die einen arbeiten bis zum Umfallen, die anderen schieben alles auf, sind durch den bloßen Gedanken an Arbeit blockiert. Zu letzteren gehört Klaus*. Schon in der Grundschule hat er Listen gemacht, was er alles „schaffen“ muss. Damals war es noch harmlos: Freunde treffen, Spiele ausdenken, beim Sport gewinnen. „Abhaken“ konnte er nichts davon. „Ich war wie gelähmt, hielt mich für einen faulen Hund“, erzählt der Ingenieur. Mit dem Studium wurden seine Probleme größer: Zehn Jahre hat er gebraucht bis zum Fachhochschul-Diplom – doppelt so lange wie seine Kommilitonen. Schon damals fühlte er sich als Versager.

Viele Jahre war er krank, arbeitsunfähig. Heute erledigt er Hilfstätigkeiten in einem Labor. Sein Selbstwertgefühl geht gegen Null. Mehr und mehr schottet er sich von der Außenwelt ab. Sein einziger Kontakt: die Anonymen Arbeitssüchtigen. „Bei mir sind keine Beziehungen durch die Sucht in die Brüche gegangen. Mein Problem ist, dass ich niemals welche aufbauen konnte, weil meine Gedanken Tag und Nacht um die Arbeit und den (ausbleibenden) Erfolg kreisen“, muss er sich mit Mitte fünfzig eingestehen.

Erlösung sucht er im Essen. Zwei Zentner wiegt er schon. Süßigkeiten sind Streicheleinheiten für seine Seele – kurzfristig, bis er erbricht. Wie bei vielen Betroffenen haben sich auch bei Klaus mehrere Süchte ausgeprägt. Spieler, die trinken; Sexsüchtige, die Drogen nehmen; Kaufsüchtige, die Tabletten schlucken sind an der Tagesordnung. Die Sucht sucht sich ihren Weg. Wird eine unterdrückt, hat eine andere freien Lauf. Es gibt nicht den typischen Spiel- oder Arbeitssüchtigen. Aber es gibt suchtanfällige Persönlichkeiten.

„Trocken“ heißt nicht geheilt

Das neueste Phänomen sind die Shopaholics, die Kaufsüchtigen. Hierzulande gern als frustrierte Hausfrauen mit Klamottenfimmel belächelt. Die Falle: Kaufen ist eigentlich die normalste Sache der Welt. Aber was, wenn eine Frau nicht nur Hunderte von Schuhen besitzt, sondern auch Gartenmöbel kauft, obwohl sie keinen Garten hat? Oder ein Mann so viele Autoersatzteile sammelt, bis er selbst nicht mehr in seine Wohnung passt? Oft verstecken sich hinter leidenschaftlichen Sammlern Kaufsüchtige. Ihr größtes Problem: die Überschuldung. In Berlin hat sich derweil eine erste Gruppe Anonymer Kaufsüchtiger gebildet, will aber nicht an die Öffentlichkeit gehen.

Für die meisten Betroffenen sind solche Selbsthilfegruppen der einzige Weg, jemals von der Sucht loszukommen. Erst die Anonymen Spieler haben Matthias wieder auf die Beine geholfen. Heute kann er beim Gruppentreffen aufstehen und sagen: „Hallo, ich bin der Matthias, ich bin Spieler. Heute habe ich noch nicht gespielt.“ In der Gruppe zählt nur das Hier und Jetzt, denn jeden Tag kann der Rückfall kommen. Auch lange noch nach dem „Entzug“.

Denn „trocken“ heißt noch lange nicht geheilt. Nichtstoffliche Süchte sind unheilbar, nur therapierbar. Bis heute kann Matthias kein Monopoly mit seinem Sohn spielen, der ihn wieder besucht. Marion dreht sich auf dem Absatz um, sobald sie einen Mann sieht, der ihr gefällt. Und auch Klaus arbeitet sich nur nach und nach aus den Tiefen seines Labors wieder in das gesellschaftliche Leben zurück. Eines ist allen gemein: Ohne die Gruppe hätten sie es nicht geschafft.

* Die Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert.

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