Interview: „Hinsehen und ansprechen”

Was sind stoffungebundene Süchte?

Alle Suchtverhaltensweisen, die nicht auf Drogen zurückzuführen sind. Im Prinzip kann jedes Verhalten in die Sucht entgleisen.

Welche Süchte sind am weitesten verbreitet?

Nach der Ess- und Spielsucht die Arbeits- und Sexsucht. In Deutschland relativ neu ist die Kaufsucht. In jüngster Zeit häufen sich auch süchtige Verhaltensweisen im Bereich Extrem- und Ausdauersport.

Welche Süchte sind anerkannt?

In Deutschland sind bislang nur die Ess- und Spielsucht einigermaßen anerkannt. Aber auch die Alkoholabhängigkeit wurde erst vor 30 Jahren als Krankheit anerkannt, obwohl es sie schon vor Christi Geburt gab. Ich gehe davon aus, dass die Anerkennungen stoffungebundener Süchte weiter zunehmen werden.

Welche rechtlichen Konsequenzen hat das?

Es gibt immer wieder Gerichtsurteile, in denen die Spielsucht – zum Beispiel bei Beschaffungskriminalität wie Diebstahl oder Betrug – in schweren Fällen als schuldentlastend anerkannt wird. Das heißt, die Suchterkrankung wird beim Strafmaß berücksichtigt, aber auch Therapieauflagen kommen hier zum Tragen.

Was ist neu an den Süchten?

Neu ist, dass man sich mit ihnen systematisch beschäftigt, dass sie Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sind. Viele gab es schon immer, außer Internet- und Fernsehsucht natürlich. Die Spielsucht wurde schon in der Antike erwähnt und Dostojewski schrieb bereits im 19. Jahrhundert „Der Spieler“.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass es immer mehr Betroffene gibt ...

Die Tendenz ist eindeutig steigend. Es bilden sich immer mehr Selbsthilfegruppen. Vor zwei Jahren gab es nur zwei Gruppen für Workaholics, mittlerweile sind es an die 20. Eine steigende Zahl von Kliniken spezialisiert sich. Auch die Sozialgesetzgebung erkennt neue Süchte wie die Ess- und Spielsucht zunehmend an.

Wo fängt die Sucht an?

Wo sie dem Menschen oder seinem Umfeld schadet, seine Lebensgestaltung massiv negativ beeinflusst, Familie und Freundschaften zerbrechen, die Arbeitsstelle in Gefahr ist. Süchtige leiden unter ihrem Verhalten und brauchen in aller Regel Hilfe von außen, um das Problem überhaupt zu erkennen und damit fertig zu werden.

Was können Angehörige tun?

Hinsehen und ansprechen. Süchte werden niemals durch passives Aushalten und Dulden besser. Sie sollten ganz konkrete Wünsche gegenüber dem Süchtigen äußern und an Konsequenzen koppeln – aber nur an solche, die sie auch einzuhalten bereit sind. Zum Beispiel: „Wenn Du länger als eine Stunde täglich im Internet surfst, dann koche ich kein Abendessen.“ Wenn er sich noch unter Kontrolle hat, wird er die Vereinbarungen einhalten können.

Was sind die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von stofflichen und stoffungebundenen Süchten?

Gemeinsam sind ihnen vor allem die gedankliche Fixierung auf die Sucht und der Kontrollverlust. Der Unterschied ist, dass bei Drogen und Alkohol biochemische Prozesse stattfinden, die zu organischen Veränderungen führen. Stoffungebundene Süchte sind rein psychisch bedingt. Wenn das nicht so wäre, dann könnte man Sexsüchtigen eine Ersatzdroge geben oder körperliche Funktionen unterbrechen. Aber das funktioniert nicht.

Was ist dann der Kick?

Anerkennung, Wertschätzung, Verdrängung, Vermeidung von anderen Lebensbereichen. Es gibt Arbeitssüchtige, die Angst vor zwischenmenschlichen Kontakten haben, Kaufsüchtige, die sich so ihre Wertschätzung holen. Der Kick ist so individuell wie die Betroffenen.

Wie kommt ein Betroffener zu einer Therapie?

Er kann sich an den Hausarzt oder direkt an einen niedergelassenen Psychologen oder Psychotherapeuten wenden. Allerdings lautet die Diagnose selten „Kaufsucht“ oder „Arbeitssucht“. Da es diese Begriffe offiziell gar nicht gibt, weicht man auf Diagnosen wie „zwanghafte Persönlichkeitsstörungen“ oder „ vegetatives Erschöpfungssyndrom“ aus. Es gibt zunehmend Therapeuten, die sich auf stoffungebunde Süchte spezialisieren, insbesondere auf Spiel- und Arbeitssucht sowie Essstörungen.

Wie hoch ist die Rückfallquote?

Bei der Spielsucht relativ niedrig, denn es gibt ausgereifte Therapien. Aber Arbeiten, Kaufen, ein ausgewogenes Sexualleben – das alles sind unverzichtbare Bestandteile des Lebens. Bei diesen Süchten ist die Rückfallwahrscheinlichkeit extrem hoch, weil es keine Abstinenz gibt. Die Betroffenen müssen den maßvollen Umgang erlernen, was ungleich schwieriger ist.

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