Stichwort "Aut-Idem-Regelung" Meldung

Die Aut-idem-Regelung: Der Arzt verschreibt den Wirkstoff, der Apotheker wählt das Mittel aus. Kann so gespart werden ­ ohne Nachteile für Patienten?

Die lateinische Bezeichnung "aut idem" heißt wörtlich übersetzt "oder dasselbe". Auf dem Rezeptformular gibt es ein Kästchen mit dieser Bezeichnung, das der Arzt bisher ankreuzen konnte. Damit richtete er dem Apotheker aus, er könne statt des aufgeschriebenen Medikaments auch ein Arzneimittel mit derselben Substanz in derselben Konzentration an den Patienten abgeben ­ eine Regelung, die häufig im Notdienst genutzt wurde.

Diese wirkstoffidentischen Arzneimittel nennt man Generika. In Deutschland sind solche "Nachbauten" von Originalpräparaten unter Umständen mit anderen Farb-, Konservierungs- und Geschmacksstoffen versetzt. Sie können sich geringfügig in der Art und Wirksamkeit der Freisetzung des Wirkstoffs und dessen Aufnahme am "Zielort" im Körper unterscheiden (= Bioverfügbarkeit). In den USA und Kanada wurden Generika dagegen auch im Äußeren schon weitestgehend an die Originale angepasst. Hierzulande entfielen im Jahr 2000 bereits die Hälfte der verordneten Packungen auf Generika.

In der Diskussion überwiegt zurzeit das Wehgeschrei. Apotheker wüssten nicht immer, welche Generika der Patient vorher bekommen habe, eine Therapietreue bei Patienten mit chronischen Krankheiten, die an "ihre" Pillen gewöhnt seien, wäre nicht möglich: Was Sie nicht kennten, würden sie nicht einnehmen. Der Arzt verlöre seine therapeutische Verordnungsfreiheit und -verantwortung, der Apotheker die Neutralität gegenüber Pharmaherstellern. Die pharmazeutische Industrie erwartet Konkurse, Arbeitsplatzverluste und Preissteigerungen.

Perspektiven

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Welche Daten kommen auf den Chip und wer hat Zugriff?

Chancen sehen dagegen konstruktivere Kritiker: Voraussetzung seien präzise Angaben der Hersteller über ihre Produkte. Verbindliche Aufstellungen, welche Medikamente wie ersetzt werden können, sollen die sinnvolle Abgabe preiswerter Medikamente durch den Apotheker kontrollierbar machen. Das heißt auch: Alle Zusatzstoffe in Medikamenten wären offen zu legen.

Sind wirkstoffidentische Produkte in ihren Eigenschaften wirklich gleich? Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen sieht die Problematik der Bioverfügbarkeit bei vielen Mitteln überschätzt. Denn die Aufnahme und Wirkung des Wirkstoffs im Organismus hängt im Alltag auch von anderen Faktoren ab, wie der Einnahme des Medikaments vor oder nach dem Essen. Beim Rheumamittel Diclofenac geht hier zum Beispiel bis zu 50 Prozent der Wirksamkeit verloren. Allerdings gäbe es Medikamente, die wegen einer kritischen Bioverfügbarkeit nicht ohne weiteres auszutauschen wären, darunter viele Mittel zu Behandlung des Bluthochdrucks.

"Aut idem" wird mehr Transparenz schaffen. Ob sich die Erwartungen auf Ersparnisse von etwa 450 Millionen Mark erfüllen, steht dahin. Patienten werden sich umstellen müssen ­ und entweder der Wahl des Apothekers vertrauen oder darauf, dass es bald verlässliche Austauschlisten gibt.

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