Können sich Schwerhörige auf die Hörgeräteakustiker verlassen? Wir fragten bei Akustikern nach Aufwand, Hörgerätewahl und Preisen. Ergebnis: Extreme Unterschiede beim Service.

Das Geschäft der Hörgeräteakustiker transparenter zu machen - darum ging es uns bei einer offiziellen Befragung. Wir wollten wissen, ob Schwerhörige mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis rechnen können. Dazu konstruierten wir einen Modellfall: Beide Ohren sollten mit Hinter-dem-Ohr-Hörgeräten versorgt werden. Wir erkundigten uns nach dem geschätzten Aufwand - sowohl für Hörgeräte, für die nichts zugezahlt werden muss, als auch für teure volldigitale "Spitzengeräte". Der geschätzte Preis für die Gesamtleistung interessierte uns auch.

So viel vorweg: Einfach ist es nicht, für Transparenz zu sorgen. Viele Hörgeräteakustiker reagierten ablehnend und heftig. Die Hälfte der Angeschriebenen antwortete nicht. Ein gutes Drittel lehnte die Befragung schriftlich ab. Das häufigste Argument: Ohne Testpatienten könnten Leistungen nicht beurteilt werden. Richtig: Ein Audiogramm kann eine konkrete Anpassung am Kunden nicht völlig ersetzen. Aber richtig ist auch: Ein Mehr- oder Minderaufwand durch unterschiedlich subjektives Hörempfinden ist zum Beispiel bei der Anpassung eines Hörgeräts selten so gravierend, dass sie nicht kalkuliert werden könnte. Der "Hörakustik-Mittelstandskreis" gibt bis auf die Mark genaue "unverbindliche Verkaufspreisempfehlungen" heraus.

Zum Schluss beteiligten sich etwa 15 Prozent der Angeschriebenen an der Befragung.

Frage 1: Zuzahlungsfreie Geräte

Stichprobe: Preise für Hörgeräte Meldung

Bei den volldigitalen Geräten Interton Quantum und Siemens Signia (Bild unten) gab es große Unterschiede beim geschätzten Aufwand für die Anpassung und auch beim Preis.

Hörgeräte, für die Schwerhörige nichts zuzahlen müssen, gliedert der Medizinische Dienst der Krankenkassen in drei Festbetragsklassen:
Klasse 1: einkanalige Hörgeräte
Klasse 2: einkanalige Hörgeräte mit einer automatischen Verstärkungsregelung (AGC),
Klasse 3: mehrkanalige Hörgeräte mit automatischer Verstärkungsregelung (AGC).

Zur Geräteauswahl gab es relativ wenig zutreffende Antworten. Nur zwei Akustiker teilten mit: "Nach dem (vorgegebenen) Tonaudiogramm kämen nur Geräte der Gruppe 3 in Betracht. Falls ... die Unbehaglichkeitsschwelle später liegt, könnten auch Gruppe-2-Geräte infrage kommen."

In der Tat: Wenn bei einer Hochtonschwerhörigkeit die Unbehaglichkeit für Sinustöne im Tieftonbereich schon bei 80 Dezibel liegt, ist diese Hörstörung mit Geräten der Klasse 1 kaum zu versorgen und auch mit Klasse-2-Geräten unter Umständen schwierig. Dennoch haben einige Akustiker ungeeignete Geräte der Klasse 1 vorgeschlagen. Die meisten empfahlen Geräte der Klasse 2, nur wenige aber die hier theoretisch viel geeigneteren Geräte der Klasse 3.

Service in Stunden

Stichprobe: Preise für Hörgeräte Meldung

Interessant war der recht unterschiedlich geschätzte Dienstleistungsaufwand für ein und dasselbe Hörgerät, zum Beispiel für das Modell Oticon Swift 7 bis 12 Stunden, für das Hörgerät Interton Integra 3 bis 25 Stunden(!).

Allgemein klafften die Schätzungen für den Dienstleis-tungsaufwand heftig auseinander. Sie lagen zwischen 3 und 25 Stunden für eine Erstversorgung und zwischen 3,5 und 20 Stunden für eine zuzahlungsfreie Folgeversorgung.

Frage 2: Volldigitale "Spitzengeräte"

Bei einer Versorgung mit volldigitalen "Spitzengeräten" kommen Geräte der Gruppe 3 in Betracht. Genannt wurden fast ausschließlich gängige Modelle mit allerdings zum Teil erheblichen Unterschieden in Preis und Dienstleistungsaufwand. Dazu zwei Beispiele:
• Interton Quantum 20 Stunden für 1.990 Mark oder 12 Stunden für 2.650 Mark;
• Siemens Signia 20 Stunden für 3.620 Mark oder 6 Stunden für 3.900 Mark.

Ein für das gleiche Modell höherer Preis bei erheblich geringer geschätztem Dienstleistungsaufwand fällt auf - und umso mehr ins Gewicht. Den vom Gesetzgeber vorgesehenen Abschlag von 20 Prozent auf das zweite Gerät, der bei einer beidohrigen Versorgung infrage kommt, gewährten nur wenige Hörgeräteakustiker.

Ingesamt liegt der geschätzte Anpassaufwand in der Spitzenklasse dieser Geräte zwischen 4 und 30 Stunden für die Erstversorgung, für die Folgeversorgung zwischen 5 und 25 Stunden. Dass bei den hochwertigen volldigitalen Geräten generell ein höherer Dienstleistungsaufwand geschätzt wird, ist nach unseren Informationen schwer verständlich: Wer mit dem Computer umgehen kann, für den ist der digitale Anpassaufwand bei einem volldigitalen Gerät weit geringer als bei herkömmlichen. Ein Aufwand von 25 Stunden erscheint besonders übertrieben. Er ist allenfalls durch hohe Anschaffungskosten für besonders teures Equipment erklärbar.

Reaktionen und Misstöne

Die hier vorgelegte Untersuchung zur Hörgeräteanpassung hatten Kunden von Hörgeräteakustikern nach Lektüre unseres Berichts "Immer kleiner, immer besser?", "Hochpreismarkt und Preisbrecher" in test 1/2000 angeregt. Weniger gut zu sprechen auf unsere umfassen-den Informationen waren Hörgeräteakustiker: "Oberflächlich recherchiert", "völlig falsch abgeschrieben", "ein fachliches Dilemma", "schwerer Tatbestand der Rufschädigung". Die Spartipps seien ein Aufruf zum Verstoß gegen das Rabattgesetz. Falsch ­ sie sind ganz legal. Und die von Hörgeräteakustikern vielfach kritisierten Informationen zur Reparaturpauschale der AOK aus test 1/2000 stimmen ebenfalls. Sie bringen Kunden beim Akustiker ein weiteres Plus.

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