Steuerhinterziehung Meldung

Wenn der Steuerfahnder klingelt, interessiert er sich nicht nur für Akten, sondern auch fürs Fotoalbum.

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n der Haustür sind viele noch ganz cool. Sie führen den Steuerfahnder Hans K. ins Wohnzimmer, sehen sich seinen Dienstausweis und den Durchsuchungsbefehl an und zeigen ihm, wo die Aktenordner stehen. Doch spätestens nach einer halben Stunde hat jeder kapiert, dass der Fahnder nicht nur Kontoauszüge und Firmenbelege kontrolliert. "Wir verschaffen uns einen genauen Eindruck, wie jemand lebt", sagt Hans K. Und deshalb blättert er in allen privaten Briefen und in jedem Fotoalbum: "Da sieht man dann Bilder von der teuren Geburtstagsfeier eines Unternehmers in Venedig, obwohl der Betrieb des Mannes angeblich seit fünf Jahren keinen Gewinn mehr abwirft."

Aufregung im Schlafzimmer

Am größten ist die Aufregung, wenn der Steuerfahnder Hans K. im Schlafzimmer ankommt. Dann ist die Intimität der Betroffenen zerstört, was viele panisch macht. Kurz vor Weihnachten, erzählt Hans K., hat er die Wohnung von zwei Prostituierten durchsucht ­ "auch sie waren völlig durcheinander, als wir angefangen haben, in die privaten Schlafräumen zu schauen". Worin sie sich übrigens nicht von reichen Firmenbesitzern und Managern unterschieden: "Gerade erfolgreiche Menschen halten nur schwer aus, dass ihre Macht eingeschränkt ist, wenn wir kommen", sagt Hans K. Bitter ist wohl auch, dass dem Fahnder kaum ein Geheimnis verborgen bleibt: Kontoauszüge allein vermitteln schon ein genaues Bild von einem Leben, und sobald sie durch private Details ergänzt werden, kommt sich der Durchsuchte plötzlich vor wie geröntgt.

Steuerfahnder ­ das ist in den letzten Jahren zum Trendberuf geworden. Einerseits stehen Hans K. und seine Kollegen immer öfter mit Durchsuchungsbefehl vor deutschen Türen. Andererseits hat ihre Arbeit gleichzeitig eine erstaunliche Aufwertung erlebt: Der Job, der früher Assoziationen von Spitzelei und Polizeistaat auslöste, ist für junge Leute zum attraktiven Beruf geworden. Denn bei Durchsuchungen der Großbanken schufen sich die Zasterfahnder das Image der Kämpfer für Finanzgerechtigkeit ­ nach dem Prinzip: Wer die Chefetage der Deutschen Bank durchstöbert, hat vor der Macht keinen Respekt.

Die massenhafte Steuerflucht nach Luxemburg und in andere Pseudo-Oasen war vermutlich sowieso das Beste, was den deutschen Fahndern passieren konnte. Denn die Finanzminister gewährten nun massenhaft neue Stellen für die vielen Fälle ­ manche Länder wie Nordrhein-Westfalen erhöhten den Personalstand um mehr als die Hälfte. Dabei sind die miserablen Zustände noch nicht lange her: 1994 zum Beispiel musste die Steuerfahndungsstelle München zugeben, dass die Fahnder ihre Arbeit "nicht mehr erfüllen" konnten. Der interne Bericht meldete damals: "Die ,normale? Steuerhinterziehung, also der Ermittlungsfall mit Mehrergebnis bis 100.000 Mark, wird im Regelfall nicht mehr verfolgt." Im Klartext: Hatte ein Betrüger "nur" 50.000 Mark Steuern hinterzogen, rückte manchmal niemand an und manchmal nur der Betriebsprüfer, der wegen geringerer Kompetenzen weniger genau ermitteln kann. Solche Zustände, sagt Hans K., sind inzwischen erledigt.

Er wirkt überhaupt nicht besonders traurig über die "Bankenfälle", wie sie im Hausjargon heißen. Manches amüsiert ihn sogar ­ etwa die große Panik einiger Steuerflüchtlinge: "Die haben uns Selbstanzeigen geliefert, in denen sie auch noch das Schwarzgeld ihrer Oma von 1978 aufgelistet haben", sagt Hans K. und grinst. Im Fahndungsalltag hätte das niemand bemerkt. Auch Sparer, die "nur" 20.000 Mark nach Luxemburg geschafft hatten, meldeten sich plötzlich mit Selbstanzeigen, um einer Ermittlung zu entgehen ­ "dabei hätten uns so geringe Summen sowieso nicht interessiert".

"Bankenfälle" bald erledigt

Ein Jahrzehnt nach Theo Waigels erster Quellensteuer sind diese Fälle weitgehend erledigt: Durchsucht wird fast nirgends mehr, weil Hans K. und Kollegen in allen Großbanken schon waren. Dokumente für mehr als 200.000 Auslandsüberweisungen wurden beschlagnahmt, und die 20.000 Verfahren, die es nach Expertenschätzungen gab, sind meist schon bearbeitet.

Überhaupt gelten die Bankenfälle als harmlos: "Es ist zwar eine Knochenarbeit, weil man ewiglange Listen von Konten durcharbeiten muss. Nur so sieht man, wer alles Geld nach Luxemburg geschafft hat", sagt Hans K. Doch einen erfahrenen Fahnder fordert das nicht heraus: "Die Fälle waren leicht zu lösen, denn es ging nie um Schwarzgeld. Die Leute haben ihre Einkünfte fast immer korrekt versteuert und nur Steuern auf Zinsen unterschlagen."

Richtig spannend wird es offenbar erst, wenn die Gegenseite mit krimineller Energie arbeitet. Dann spürt Hans K., dass er einen Zweikampf aufgenommen hat.

Normalerweise sitzt er dann wochenlang in seinem Büro neben einem Stapel mit Kartons, in denen alles lagert, was er zuvor bei einem Verdächtigen beschlagnahmt hat. Neulich zum Beispiel war es die gesamte Buchführung eines Farbengroßhändlers. Hans K. prüfte die Statistiken für das letzte halbe Jahr ­ und entdeckte keinen Fehler: Der Unternehmer hatte für fünf Millionen Mark Farben eingekauft und für fünf Millionen Farben verkauft ­ angeblich ohne nennenswerten Gewinn. Trotzdem wusste Hans K. vom Lebensstil des Mannes, von seiner teuren Wohnung und von den aufwendigen Festen. "Da sitzt man dann und sucht nach einem Schlüssel, mit dem sich der Fall knacken lässt", sagt der Steuerfahnder.

Hans K. fand den Schlüssel. Er nahm die Rechnungen, die der Händler an seine Kunden geschickt hatte und summierte, was verkauft wurde: Drei Paletten Farbe am 2. Januar, zwei Eimer am 3. Januar, zehn am 4. Januar ­ und so weiter. Das Resultat dieser endlos langen Addition verglich er mit der Menge, die der Händler selbst eingekauft hatte. Wie erwartet, passten beide Summen nicht zusammen ­ denn der Händler hatte manche Verkäufe nicht auf den Rechnungen vermerkt, sondern schwarz kassiert. Jetzt wartet der Mann auf den Strafbefehl der Justizbehörde.

Neugierig wird Hans K. immer dann, wenn irgendwo Bargeld auftaucht: "Größere Summen Bares sind eigentlich immer Schwarzgeld", lautet sein Satz, der im Lehrbuch für Steuerfahnder stehen könnte.

Manches freilich überrascht selbst Hans K. ­ trotz seiner zwei Jahrzehnte Berufserfahrung. Vor drei Monaten bekam er den Tipp, dass eine Schicki-Kneipe in der Münchner City nicht gerade viel Steuern zahlen würde. Der Fahnder wollte sich die Akten der Firma kommen lassen, aber im Finanzamt existierten keine: "Kein Steuerbescheid, nichts ­ obwohl der Laden fünf Jahre alt war." K. glaubte an eine Verwechslung; vielleicht war der Betrieb unter anderem Namen gemeldet.

"Ich habe es selber nicht für möglich gehalten: Eine Szenekneipe, die dauernd mit der Polizei und der Gewerbeaufsicht zu tun hat, zahlt jahrelang keine Steuern." Doch der Verdacht bestätigte sich, und der Wirt machte sich nicht mal Mühe, eine Begründung zu erfinden: Er sperrte die Bar zu, eröffnete im Nachbarviertel ein neues Lokal und wartet auf seinen Prozess.

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