Es gibt spannendere Texte als den Steuer­bescheid. Trotzdem sollten Sie ihn lesen und prüfen, denn Fehler gehen meist zu Ihren Lasten.

So sollte Ihr Steuer­bescheid beginnen: „Der Bescheid ist nach § 165 Absatz 1 Satz 2 AO teil­weise vorläufig.“ Das bedeutet, dass die Abrechnung mit dem Finanz­amt in einigen Punkten offenbleibt.

Die höchsten Gerichte müssen noch etliche Steuerfragen klären, die viele Steuerzahler betreffen, zum Beispiel diese: Ist der Solidaritäts­zuschlag verfassungs­gemäß? Sind Renten­versicherungs­beiträge als vorweggenom­mene Werbungs­kosten voll abzu­ziehen statt wie bisher nur begrenzt als Vorsorgeaufwendungen?

Gehen die Prozesse zugunsten der Steuerzahler aus, profitieren alle, deren Bescheid in dem jeweiligen Punkt offen ist. Hinten im Bescheid – unter „Erläuterungen zur Fest­setzung“– sollte stehen, in welchen Streitfragen das Finanz­amt Ihren Bescheid für vorläufig erklärt. Ist das nicht der Fall, sollten Sie Einspruch einlegen und um eine Erklärung bitten (Musterbrief).

Steuer­abzug vom Lohn

Nach den ersten Zeilen im Bescheid erfahren Sie, ob Sie nach­zahlen müssen oder Geld zurück­bekommen (siehe Bild). Wichtig ist, dass die Steuern, die Sie während des Jahres gezahlt haben, richtig abge­rechnet wurden, dass also der Steuer­abzug vom Lohn korrekt erfasst ist. Vergleichen Sie den Betrag im Bescheid mit dem auf Ihrer Lohn­steuer­bescheinigung. Gleiches gilt für den voraus­gezahlten Solidaritäts­zuschlag.

Der abge­bildete Beispiel­bescheid gehört einem Ehepaar mit 15-jährigem Sohn. Das Ehepaar bekommt 2 597 Euro zurück.

Falls auch Sie eine Erstattung bekommen, ist die Freude sicher groß. Trotzdem sollten Sie Ihren Bescheid weiter auf Fehler prüfen.

Berechnung der Werbungs­kosten

Von Ihrem Brutto­lohn des Jahres 2012 hat das Finanz­amt Ihre Werbungs­kosten abge­zogen. Im besten Fall sind die Posten wie Weg zur Arbeit, Arbeits­mittel, Fort­bildungs­kosten, Reise­kosten einzeln aufgelistet und das Finanz­amt hat alle Ihre Angaben anerkannt. Prüfen Sie, ob die Zahlen mit Ihrer Steuererklärung über­einstimmen und ob sie richtig zusammenge­rechnet sind.

Wenn in Ihrem Steuer­bescheid nur ein Betrag für alle Ihre Werbungs­kosten steht, müssen Sie nach­rechnen, ob Ihre Einzel­beträge zur Summe des Finanz­amts passen.

Haben Sie gar nichts oder weniger als 1 000 Euro als Werbungs­kosten angegeben, sollte das Finanz­amt von Ihrem Lohn auto­matisch den Arbeitnehmerpausch­betrag von 1 000 Euro abziehen.

In unserem Beispielfall macht allein der Weg zur Arbeit bei jedem Ehepartner mehr als 1 000 Euro aus. Hinzu kommen die „Aufwendungen für Arbeits­mittel“, in diesem Fall Ausgaben für Fach­literatur und Schreib­utensilien. Der Mann hat 141 Euro geltend gemacht, die Frau 252 Euro.

Die „übrigen Werbungs­kosten“ der Frau von 16 Euro sind Ausgaben für Konto­führungs­gebühren.

Sonder­ausgaben

Prüfen Sie, ob Ihre Beiträge zur Renten-, Kranken- und Pflege­versicherung richtig über­nommen sind. Vergleichen Sie die Zahlen im Steuer­bescheid mit denen auf Ihrer Lohn­steuer­bescheinigung.

Zuerst kommt die „Summe der Alters­vorsorgeaufwendungen“. Das sind die Beiträge, die Sie und Ihr Arbeit­geber für die Basis­versorgung im Alter gezahlt haben, zum Beispiel an die gesetzliche Rentenkasse. Beiträge bis 20 000 Euro – bei Ehepaaren 40 000 Euro – wirken sich steuer­mindernd aus. Aber erst im Jahr 2025 zählen Ihre Beiträge voll. Für 2012 werden nur 74 Prozent anerkannt. So können Sie als Allein­stehender maximal 14 800 Euro von der Steuer absetzen, als Ehepaar 29 600 Euro.

Renten­versicherung. Der Ehemann ist Beamter und zahlt damit keine Renten­versicherungs­beiträge. Der aufgeführte Betrag im Steuer­bescheid von 8 754 Euro stammt von der Frau und ihrem Arbeit­geber. Es handelt sich um Einzahlungen in die gesetzliche Rentenkasse. 74 Prozent davon sind 6 478 Euro. Davon zieht die Behörde 4 377 Euro ab, weil die Hälfte des Beitrags vom Arbeit­geber stammt. Übrig bleiben 2 101 Euro, die abzu­ziehen sind.

Hätte einer der Ehepartner noch Ausgaben für eine Rürup-Rente oder ein berufs­stän­disches Versorgungs­werk gehabt, wären die Beiträge einge­rechnet und auch an dieser Stelle zu prüfen.

Krankenkasse. Unter „Beiträge zur Kranken­versicherung“ sind nicht nur die Beiträge der Ehepartner aufgeführt, sondern auch die des Kindes. Diese können berück­sichtigt werden, wenn das Kind selbst zu wenig verdient, um seine Kranken­versicherungs­beiträge geltend zu machen und noch Anspruch auf Kinder­geld besteht.

Der Ehemann ist als Beamter privat versichert, auch der Sohn ist privat versichert. Die Frau ist Angestellte und als einzige gesetzlich versichert. Das Finanz­amt zieht von ihren Kranken­versicherungs­beiträgen 4 Prozent ab. Das ist der Betrag für das mitversicherte Krankengeld, das steuerlich nicht absetz­bar ist –, in ihrem Fall sind es 146 Euro. Bei Mann und Sohn sind die Beiträge für die Kranken­tagegeld­versicherung von vorn­herein von denen der Kranken­versicherung getrennt. Sie tauchen im Steuer­bescheid deshalb gar nicht auf.

Tipp: Wenn Sie 2012 Zusatz­beiträge an Ihre Krankenkasse gezahlt haben, prüfen Sie, ob diese im Gesamt­betrag enthalten sind.

Pflege­versicherung. Unser Ehepaar hat 602 Euro an die Pflege­versicherung bezahlt. Mit der Kranken­versicherung macht das 6 890 Euro. Von diesem Betrag zieht das Finanz­amt 681 Euro Beitrags­erstattung ab, die der Mann von seinem privaten Kranken­versicherer erhalten hat. So bleiben 6 209 Euro für Kranken- und Pflege­versicherung. Plus Renten­versicherung von 2 101 Euro sind damit 8 310 Euro als Vorsorger­aufwendungen von den Einkünften abzu­ziehen.

Weitere Versicherungen. Beiträge für Policen wie Berufs­unfähigkeits-, Unfall- oder Haft­pflicht­versicherungen tauchen in der Rechnung Ihres Finanz­amts nur auf, wenn Sie ein sehr geringes Einkommen haben und als Allein­stehender weniger als 1 900 Euro (Ehepaare 3 800 Euro) für die Kranken- und Pflege­versicherung zahlen.

Kinder­frei­beträge oder Kinder­geld

Wenn Sie Kinder haben, dürfen Sie entweder das Kinder­geld steuerfrei behalten oder das Finanz­amt berück­sichtigt in Ihrem Steuer­bescheid die Frei­beträge für Kinder.

Für ein Kind haben Sie zum Beispiel 2 208 Euro Kinder­geld pro Jahr erhalten, die Frei­beträge für ein Kind für das Jahr 2012 liegen bei 7 008 Euro Euro. Das Finanz­amt prüft, welche Option für Sie güns­tiger ist.

In unserem Beispielfall rechnet das Finanz­amt aus, wie hoch das zu versteuernde Einkommen der Eltern ist, wenn es die Frei­beträge von 7 008 Euro abzieht: Das Paar muss dann für 75 666 Euro Einkommen Steuern in Höhe von 16 470 Euro zahlen.

Was der Bescheid nicht zeigt, ist die Vergleichs­rechnung, die das Finanz­amt angestellt hat: Die Behörde hat ausgerechnet, dass die Eltern ohne die Frei­beträge für Kinder für ihr Einkommen von 82  674 Euro Steuern in Höhe von 18 988 Euro zahlen müssten. Der Vergleich ergibt, dass die Eltern mit den Kinder­frei­beträgen 2 518 Euro weniger Steuern zahlen müssen als ohne.

Die Steuerersparnis durch die Frei­beträge ist damit mehr wert als das Kinder­geld in Höhe von 2 208 Euro. Deshalb setzt das Finanz­amt im Steuer­bescheid die Kinder­frei­beträge an und holt sich an späterer Stelle das Kinder­geld zurück. Die Eltern machen so 310 Euro plus.

Berechnung der Steuer

Nachdem der „Gesamt­betrag der Einkünfte“ unseres Beispiel­paares um Vorsorgeaufwendungen und Kinder­frei­betrag gekürzt ist, bleibt ein zu versteuerndes Einkommen von 75 666 Euro. Dafür sind nach der Splitting­tabelle 16 470 Euro Steuern zu zahlen.

Wenn Sie im Jahr 2012 Ausgaben für Hand­werker hatten, sollten die Kosten an dieser Stelle im Bescheid stehen. Von Ihren Ausgaben werden 20 Prozent direkt von der Einkommensteuer abge­zogen.

Unser Paar hat eine Rechnung in Höhe von 100 Euro für die Heizungs­wartung einge­reicht. Das Finanz­amt zieht dafür 20 Euro von der Steuerschuld ab.

Auf die zu zahlenden Steuern schlägt das Finanz­amt nun noch das Kinder­geld drauf. Die 2 208 Euro holt sich das Finanz­amt zurück, da die Eltern bereits von den Frei­beträgen von 7 008 Euro profitiert haben.

Solidaritäts­zuschlag

Um die Kosten der deutschen Wieder­ver­einigung zu finanzieren, wurde 1991 der Solidaritäts­zuschlag einge­führt. Wenn Sie Kinder haben, ermäßigt sich der Solidaritäts­zuschlag, da Kinder­frei­beträge berück­sichtigt werden. Sie werden – einschließ­lich der Frei­beträge für Betreuungs-, Erziehungs- und Ausbildungs­bedarf – vom steuer­pflichtigen Einkommen abge­zogen.

Bei unserem Ehepaar beträgt der Soli deshalb 5,5 Prozent von 16 450 Euro und nicht 5,5 Prozent der fest­gesetzten Einkommensteuer von 18 658 Euro. Das Ehepaar zahlt 904,75 Euro Solidaritäts­zuschlag.

Sollte der Streit um den Soli vor dem Bundes­verfassungs­gericht zugunsten der Steuerzahler ausgehen, bekäme das Paar diesen Betrag erstattet. Für die Vorjahre wären es ähnlich hohe Beträge.

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