Steuer­bescheid prüfen Special

Selbst in Zeiten der elektronischen Steuererklärung kann der Bescheid fehler­haft sein. Zwei Drittel der Einsprüche waren 2015 erfolg­reich.

Finanz­amt und Steuerzahler machen Fehler. Mit einem Einspruch kann jeder teure Patzer ausbügeln und Posten nach­reichen.

Zahlendreher, über­sehene Kosten, falsche Berechnungen und Über­mitt­lungs­fehler – solche Schnitzer können zulasten des Steuerzah­lers gehen. Manchmal berück­sichtigen die Beamten auch bewusst Ausgaben nicht im Steuer­bescheid, weil sie eine andere Rechts­auffassung vertreten.

Besonders ärgerlich sind Meinungs­verschiedenheiten zwischen Finanz­amt und Steuerzahler bei Werbungs­kosten und außergewöhnlichen Belastungen. Denn mit diesen Kosten sichern sich Arbeitnehmer und Rentner oft eine Steuererstattung.

Es ist wichtig, mit ein biss­chen Ruhe und Zeit den Steuer­bescheid gründlich unter die Lupe zu nehmen. Ob die Erstattung nied­riger als erhofft ist, lässt sich meist auf den ersten Blick erkennen. Andere Fehler bleiben schnell unbe­merkt: „Viele Daten werden heute elektronisch über­mittelt, wie Kranken­versicherungs- oder Riester-Beiträge“, sagt Tobias Gerauer von der Lohn­steuer­hilfe Bayern. Das kann Folgen haben. Der Arbeits­lohn kann zu hoch angesetzt sein, Versicherungs­beiträge sind zu nied­rig ange­rechnet oder Riester-Beiträge fehlen ganz, weil die zentrale Riester-Stelle sie noch nicht über­mittelt hat.

Verlangt das Finanz­amt zu viel Steuern, lohnt es sich, Einspruch einzulegen. Etwa 65 Prozent aller Einsprüche waren 2015 laut Statistik des Bundes­finanz­ministeriums erfolg­reich. Eine Prüfung Punkt für Punkt hilft, Fehler zu finden. Auch wenn das Klein­gedruckte am Ende des Steuer­bescheids abschre­ckend wirkt, enthält es wichtige Erläuterungen. Ist das Finanz­amt von der Steuererklärung abge­wichen, muss es das an dieser Stelle erklären. Allzu lange sollte sich der Empfänger mit dem Prüfen nicht Zeit lassen: Der Einspruch muss einen Monat nach Bekannt­gabe des Bescheids beim Finanz­amt sein. Als bekannt gilt der Bescheid drei Tage nach seinem Datum.

Finanztest zeigt an einem Muster­bescheid für 2015 wichtige Prüf­punkte.

1. Sind Ihre voraus­gezahlten Steuern richtig verrechnet?

Steuer­bescheid prüfen Special

Auf der ersten Seite des Bescheids erfahren Sie, ob Sie nach­zahlen müssen oder Geld zurück­bekommen („verbleibende Steuer“ oder „mithin sind zuviel entrichtet“). Achten Sie darauf, dass die Lohn­steuer, die Sie übers Jahr gezahlt haben, richtig abge­rechnet wurde, also der monatliche Ab­zug vom Lohn korrekt erfasst wurde. Haben Sie außerdem Abgeltung­steuer in der Anlage KAP angegeben und die Güns­tiger­prüfung beantragt? Dann vergleicht das Amt, ob Ihr persön­li­cher Steu­ersatz oder die Abgeltung­steuer plus Solidaritäts­zuschlag güns­tiger ist. Hat das Amt die Abgeltung­steuer richtig als Kapital­ertrag­steuer ange­rechnet?

Wie prüfen? Vergleichen Sie den Betrag im Bescheid in Zeile: „ab Steuer­abzug vom Lohn“ mit dem auf Ihrer Lohn­steuer­bescheinigung vom Ihrem Arbeit­geber. Gleiches gilt für den Solidaritäts­zuschlag.

Über­prüfen Sie Ihre gezahlte Abgeltung­steuer anhand Ihrer Bescheinigungen von Ihrem Geld­institut.

Typische Fehler: Die Abzugs­beträge können aufgrund von Eingabe- oder Über­mitt­lungs­fehlern falsch sein.

Was tun? Sind sie zu nied­rig, legen Sie Einspruch ein (Musterbriefe).

Beispiel: Das Ehepaar in unserem Muster­bescheid erhält eine Erstattung von 3 615,00 Euro plus 198,77 Euro Solidaritäts­zuschlag. Das Paar hat 2015 für Kapital­einkünfte 36 Euro Abgeltung­steuer und 1,93 Euro Soli gezahlt. Beides muss von der fest­gesetzten Steuer abge­zogen sein, weil das Ehepaar den Sparerpausch­betrag von insgesamt 1 602 Euro nicht ausgeschöpft hatte. Der Abzug ist hier korrekt.

2. Gibt es für Ihre Riester-Beiträge eine Steuerermäßigung?

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Als Riester-Sparer, der in der Anlage AV den Sonder­ausgaben­abzug für Alters­vorsorgebeiträge beantragt hat, sehen Sie gleich auf der ersten Seite, wie hoch Ihre Steuerermäßigung dafür ausfällt. Die Summe wird gesondert ausgewiesen und wurde von der Steuer bereits abge­zogen. Die Ersparnis ermitteln die Beamten aus den einge­zahlten Riester-Beiträgen plus Zulagen. Um eine Doppel­förderung zu vermeiden, wird die fest­gesetzte Einkommensteuer (siehe Punkt 7 unten, „Berechnung der Steuer“) später um die Zulagen wieder erhöht.

Wie prüfen? Prüfen Sie anhand der aktu­ellen Stand­mitteilung von Ihrem Riester-Anbieter, ob die Höhe Ihrer Beitrags­zahlungen richtig über­tragen wurde. Schauen Sie, ob die staatlichen Zulagen – auch die für ­Ihre Kinder – in voller Höhe in Ihren Alters­vorsorgever­trag geflossen sind.

Typische Fehler: Für die Erhöhung der Einkommensteuer um die Zulagen kommt es nicht darauf an, ob Sie die Zulage tatsäch­lich abge­rufen haben. Deshalb ist es wichtig, die Förderung richtig zu nutzen. Viele Riester-Sparer tun das nicht: Sie zahlen zu wenig ein oder beantragen die Zulagen nicht.

Ein weiterer Fehler: Ihre Riester-Beiträge wurden von den Beamten noch nicht berück­sichtigt, weil die Meldung der zentralen Riester-Stelle noch fehlt.

Was tun? Im letzten Fall legen Sie Ihre Beitrags­belege dem Finanz­amt vor, dann geht die Bearbeitung meist schneller. Beantra­gen Sie Ihre Zulagen für 2015! Sie haben bis 2017 Zeit. Ein Einspruch ist in diesem Fall nicht nötig. Das Finanz­amt ändert den Bescheid von Amts wegen, sobald die Zulagen­stelle die Daten über­mittelt.

Beispiel: Die Ehefrau erhält für ihre private zertifizierte Riester-Alters­vorsorge eine Steuerersparnis von 262 Euro. Ob die Beamten die Riester-Zulagen korrekt berück­sichtig haben, zeigt sich unter Frage 6.

3. Stimmen Ihre Einkünfte und Werbungs­kosten im Steuer­bescheid?

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An dieser Stelle sehen Sie die Einkünfte, die jeder versteuern muss, und den Abzug für Werbungs­kosten. Das sind alle beruflich veranlassten Kosten, wie Fahrten zum Job, Fachbücher, Reise­kosten, Arbeits­zimmer, doppelte Haus­halts­führung, Bildungs- oder Umzugs­kosten.

Wie prüfen? Sind Sie als Paar gemein­sam veranlagt, prüfen Sie beide anhand Ihrer Lohn­steuer­jahres­bescheinigung vom Chef, ob der Brutto­lohn korrekt ist. Nehmen Sie danach die „Entfernungs­pauschale“ unter die Lupe. Stimmen Entfernungs­kilometer und Arbeits­tage? Die Zahl Ihrer Arbeits­tage errechnen Sie, indem Sie von 365 Kalender­tagen alle arbeits­freien Tage abziehen, zum Beispiel Wochen­enden, Feiertage, Urlaubs- und Krank­heits­tage und Zeiten von Arbeits­losig­keit. Bei einer 5-Tage-Woche erkennen die Finanz­ämter in der Regel 230 Tage an.

Haben Sie Jobkosten unter 1 000 Euro, müssen Sie Ihre Ausgaben nicht einzeln angeben. Das Finanz­amt muss pauschal 1 000 Euro abziehen, es sei denn Sie haben im Jahr weniger als 1 000 Euro Lohn erzielt.

Typische Fehler: Es fehlen Ausgaben, die Sie in Ihrer Steuererklärung angegeben haben, oder Sie haben selbst welche vergessen. Vergleichen Sie alle Posten, die Sie angesetzt hatten: Sind Konto­führungs­gebühren angesetzt? Wurden alle Aufwendungen für Arbeits­mittel wie PC-Kauf, Bücher oder Weiterbildung berück­sichtigt? Hatten Sie Reise­kosten? Fehlt­­ ­etwas, lesen Sie im Erläuterungs­text unten, warum das Amt Kosten nicht berück­sichtigt.

Über­legen Sie auch noch einmal, ob Sie Aufwendungen hatten, die Sie in Ihrer Steuererklärung einfach vergessen haben.

Was tun? Noch ist es nicht zu spät. Mit einem Einspruch (Musterbrief, Grund C) können Sie auch über­sehene Kosten nach­träglich noch geltend machen. Hat das Finanz­amt Ihre Kosten nicht anerkannt, weil es anderer Rechts­auffassung ist, legen Sie ebenfalls Einspruch ein (Musterbrief, Grund E) und hängen sich an einen Muster­prozess an (Special So profitieren Sie von aktuellen Musterprozessen, Finanztest 8/2016 ).

Beispiel: Beide Ehepartner haben ihre Brutto­arbeits­löhne verglichen. Sie sind korrekt angegeben. Die Jobkosten des Ehemanns wurden voll anerkannt. Sogar seine Mehr­aufwen­dungen für Verpflegung beim Monta­geein­satz in Dubai sind abzüglich der bereits durch ­seinen Arbeit­geber erstatteten Beträge für die Verpflegung voll abge­zogen.

Seine Ehefrau kommt trotz ihrer tägli­chen Fahrten zur nahegelegenen Arbeits­stätte und mit ihren übrigen Werbungs­kosten nicht über die Pauschale. Das Finanz­amt hat daher bei ihr 1 000 Euro pauschal abgezo­gen. Auch das war richtig.

4. Ist der Sparerpausch­betrag von Ihren Kapital­erträgen abge­zogen?

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Hatten Sie im Jahr 2015 Geld angelegt und ­daraus Einnahmen wie Zinsen oder Dividenden? Dann schauen Sie an dieser Stelle in ­Ihrem Bescheid, ob Ihre Kapital­erträge mit dem Sparerpausch­betrag in Höhe von 1 602 Euro für Ehepaare beziehungs­weise 801 Euro für Allein­stehende verrechnet wurde.

Wie prüfen? Die Höhe der Kapital­erträge auf Ihren Bank­bescheinigungen muss mit denen im Bescheid zusammenpassen.

Typische Fehler: Die Kapital­ertrag­steuer oder der noch nicht ausgeschöpfte Sparerpausch­betrag wurde von Ihrem Finanz­beamten über­sehen.

Was tun? Legen Sie Einspruch ein und weisen Sie darauf hin, dass der Sparerpausch­betrag nicht berück­sichtigt wurde.

Beispiel: Der Ehemann hat in der Anlage KAP 9 Euro Zinsen angegeben, die Ehefrau 525 Euro. Weil beide keinen Frei­stellungs­auftrag erteilt hatten, hat das Finanz­amt bei beiden jeweils den Sparerpausch­betrag in der benötigten Höhe abge­zogen. Dieser mindert die Einkünfte in diesem Fall auf 0 Euro. Die 36 Euro Abgeltung­steuer plus Soli (siehe Frage 1) erhält das Paar zurück.

5. Tauchen alle Ausgaben aus der Anlage Vorsorgeaufwand auf?

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Wenn Sie keine weiteren Einkünfte haben, folgen im Steuer­bescheid als Nächstes die Versicherungs­beiträge als „beschränkt abzieh­bare Sonder­ausgaben“. Kontrollieren Sie hier Ihre Posten für Alters­vor­sorge­auf­wendungen, Kranken- und Pflege­versiche­rung: Zunächst addiert die Behörde alle Beiträge zur Alters­vorsorge für die gesetzliche Rente, für berufliche Versorgungs­werke und Rürup-Verträge. Davon zählen 2015 bis zu 44 344 Euro bei gemein­sam veranlagten Ehe- und Lebens­part­nern und bis zu 22 172 Euro bei Allein­stehenden.

Nächste Posten sind die Basisbeiträge in der Kranken- und Pflege­versicherung, inklusive des Zusatz­beitrags für Ihre gesetzliche Krankenkasse (2015 lag dieser in der Regel bei 0,9 Prozent). Den Betrag finden Sie in Zeile 25 der Lohn­steuer­bescheinigung von Ihrem Chef.

Dann folgen die Beiträge zur gesetzlichen Pflegekasse. Der absetz­bare Betrag steht in Zeile 26 Ihrer Lohn­steuer­bescheinigung.

Wie prüfen? Vergleichen Sie mit Ihrer Lohn­steuer­bescheinigung, ob die vollen Kranken­versicherungs­beiträge anerkannt wurden. Rechnen Sie nach, ob auch Zusatz­beiträge enthalten sind. Beachten Sie, dass das Finanz­amt 4 Prozent für das mitversicherte Krankengeld abziehen darf.

Prüfen Sie, ob Ihre Kasse Ihnen einen Teil des Beitrags erstattet oder einen Bonus ­gezahlt hat. Beides wird als „Beitrags­rück­erstattung“ abge­zogen,

Typische Fehler: Beiträge werden elektronisch ans Finanz­amt gemeldet. Dabei kann es zu Über­mitt­lungs­fehlern kommen.

Was tun? Ob Bonuszah­lungen abge­zogen werden dürfen, muss der Bundes­finanzhof (Az. X R 17/15) entscheiden. Bescheide ergehen so lange vorläufig, Sie brauchen keinen Einspruch einzulegen.

Beispiel: Das Paar hat nur gesetzliche Rentenbeiträge: 17 298 Euro mit Arbeit­geber­anteil. Das Finanz­amt erkennt 80 Prozent an: 13 839 Euro. Abzüglich Arbeit­geber­anteil bleiben 5 191 Euro. Für die Krankenkasse hat der Mann 5 412 Euro bezahlt, die Frau 2 728 Euro: 8 140 Euro. Fürs mitversicherte Krankengeld gehen 104 Euro ab. Dazu kommen Pflegekassebeiträge: 816 Euro. Insgesamt erkennt das Amt 8 852 Euro an, zieht aber Arbeit­geber­anteil (3 478 Euro) und 120 Euro Krankenkassenbonus ab. Bleiben 5 254 Euro.

6. Gehen Sonder­ausgaben wie Kirchen­steuer und Riester ab?

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An dieser Stelle finden Sie folgende Ausgaben: Spenden, Kirchen­steuern, Kinder­betreuungs­kosten und Riester-Beiträge.

Wie prüfen? Hier kontrollieren Sie als Ries­ter-Sparer, ob die Höhe Ihrer Einzahlungen und die staatlichen Zulagen stimmen (hier 143 Euro).

Typische Fehler: Riester-Beträge fehlen, weil die Zulagen­stelle die Daten noch nicht über­mittelt hat. Übrigens: Die Zulage beträgt kor­rekt hier 143 und unten 142 Euro. Das Amt rundet jeweils zu Ihren Gunsten.

Was tun? Ein Einspruch ist nicht notwendig, wenn die Daten noch nicht über­mittelt sind. Das Amt ändert den Bescheid bei Erhalt der Daten von Amts wegen.

7. Wie viel Steuern sind für das Jahr 2015 fällig?

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Hier sehen Sie, wie hoch Ihr zu versteuerndes Einkommen ist und was Sie als zusammen­ver­anlagtes Paar nach dem Splitting­tarif an Steuern zahlen. Ausgaben für Hand­werk­erleistungen vermindern an dieser Stelle direkt Ihre Steuerlast. Das Finanz­amt erkennt jähr­lich Ausgaben bis zu 6 000 Euro an, maximal 1 200 Euro zieht es ab.

Wie prüfen? Fehlen Hand­werk­erkosten?

Typische Fehler: Ausgaben werden vergessen oder nicht anerkannt.

Was tun? Legen Sie Einspruch ein (Musterbrief Grund C oder D).

Beispiel: Das Paar hat die maximale Steuer­ersparnis für Hand­werker bekommen. Die Riester-Zulage (142 Euro) wird hier drauf­gerechnet, damit es nicht zur Doppelförde­rung kommt (siehe Frage 2).

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