Steuer­bescheid durch­sehen Special

Teure Fehler im Steuer­bescheid gibt es nach wie vor. Gerade weil jetzt vieles elektronisch läuft, ist es wichtig, alles pingelig zu prüfen. Wir sagen, wie Sie über­prüfen, ob Fahrt­kosten und Hand­werk­errechnungen richtig anerkannt wurden und ob die Abzüge für Kinder, Krank­heits­kosten und Zweit­haushalt korrekt sind.

Zwei von drei Einsprüchen gegen Steuer­bescheide haben Erfolg

Eine Portion Skepsis gepaart mit Genauigkeit brauchen Steuerzahler, wenn sie ihren Steuer­bescheid in den Händen halten. Vieles kann falsch sein. Fast zwei Drittel der angefochtenen Bescheide waren in den vergangenen Jahren fehler­haft und mussten zugunsten der Steuer­pflichtigen geändert werden. „Das ist beacht­lich“, resümiert der Berliner Steuerberater Wolfgang Wawro. „Da liegt die Vermutung nahe, dass die Finanz­ämter oft recht restriktiv handeln.“

Kurze Wider­spruchs­frist

Viel Zeit haben Steuerzahler nicht, sich gegen ihren Bescheid zu wehren. Inner­halb eines Monats, nachdem der Bescheid in der Post war, können sie Einspruch dagegen beim Finanz­amt einlegen – auch per E-Mail. Um die Frist zu wahren, genügt erst mal ein kurzes Einspruchs­schreiben mit dem Hinweis, bis wann die ausführ­liche Begründung folgt.

Noch weitere Rechnungen einreichen

Neuerdings können viele höhere Krank­heits­kosten und andere außergewöhnliche Belastungen als bisher absetzen. Denn das Finanz­amt muss die zumut­bare Belastung nach neuem Schema errechnen. Das hat ein Steuerberater in eigener Sache vor dem Bundes­finanzhof erstritten, nachdem seit Jahr­zehnten das Einkommensteuergesetz anders ausgelegt wurde. Deshalb sollte jeder seine Unterlagen nach Belegen durch­forsten, die jetzt Steuer­abzug bringen.

So reichen Sie Wider­spruch ein

Ist darunter zum Beispiel noch eine Rechnung für ein Hörgerät oder andere Heil- und Hilfs­mittel? Dann genügt folgendes Schreiben inner­halb der Einspruchs­frist ans Finanz­amt: „Bei Durch­sicht meiner Unterlagen habe ich erst jetzt fest­gestellt, dass ich noch folgende Ausgaben für 2016 geltend machen kann. Ich bitte, diese in Höhe von ... Euro anzu­erkennen. Belege füge ich als Anlage bei.“

Hilfe, falsche Daten über­mittelt

Häufig geht aus dem Bescheid nicht hervor, warum das Finanz­amt Angaben aus der Steuererklärung ignoriert. Es hält sich stur an die Daten, die ihm elektronisch von Arbeit­gebern, Krankenkassen, Renten­versicherern oder anderen Behörden über­mittelt wurden. Die Beamten verlassen sich blind auf die amtlichen Über­mitt­lungen, die natürlich auch mal fehler­haft sind. Nach­fragen gibt es nicht. „Arbeit­geber müssen fehler­hafte Lohn­abrechnungen nach­träglich korrigieren“, erklärt Wawro. Haben sie jedoch gar nichts oder erst später berichtigt, liegen diese Daten dem Amt für das jeweilige Steuer­jahr nicht vor.

Schwarzer Peter beim Steuerzahler

Ähnlich ist es bei Krankenkassenbeiträgen. Wurde der Beitrag erst Ende Dezember über­wiesen, ist das Geld typischer­weise erst im neuen Jahr beim Versicherer und wird so von der Versicherung gemeldet. „Wieder über­nimmt das Finanz­amt die über­mittelten Daten und nicht die vom Steuer­pflichtigen richtig angesetzten Beiträge“, kritisiert Wawro. Auch von der Renten­anstalt erhält das Finanz­amt gelegentlich fehler­hafte oder über­holte Daten. In jedem Fall hat der Steuerzahler den schwarzen Peter und muss das Miss­verständnis aufklären. Dabei ist das eigentlich Aufgabe des Finanz­amtes. Bestenfalls steht im Steuer­bescheid im Klein­gedruckten unter „Erläuterungen“, dass die über­mittelten Daten angesetzt wurden – und nicht die erklärten. Steuerzah­lern bleibt die Mühe des pingeligen Zahlen­vergleichs mit den eigenen Angaben nicht erspart.

Belege gar nicht beachtet

„Wichtig ist zu prüfen, ob alle Informationen berück­sichtigt wurden, die zusätzlich zur elektronischen Steuererklärung per Post ans Finanz­amt geschickt wurden“, macht Uwe Rauhöft, Geschäfts­führer beim Bundes­verband Lohn­steuer­hilfe­ver­eine BVL aufmerk­sam. Immer öfter laufen elektronische Erklärungen auto­matisch beim Finanz­amt durch und landen nicht auf dem Tisch des Bearbeiters. Treffen zusätzliche Belege oder Informationen per Post beim Finanz­amt ein, ist eventuell der Bescheid bereits erstellt. Da kann es passieren, dass zum Beispiel nach­träglich einge­reichte Scheidungs­kosten durchs Raster rutschen. Solche erkennt das Amt nach derzeitigem Recht nicht an. Der Bescheid muss aber dennoch in der Frage offen bleiben, weil der Bundes­finanzhof erst klären muss, ob das rechtens ist (Az. VI R 19/15).

Rentner sauer über Nach­forderungen

Verärgert sind Rentner, die hohe Steuern nach­zahlen sollen, sagt Dagmar Gericke, Beratungs­stellenleiterin bei der Vereinigten Lohn­steuer­hilfe in Thüringen. Vielen ist nicht klar, dass jede Renten­erhöhung voll steuer­pflichtig ist. Nur ein Teil­betrag der Rente zu Renten­beginn bleibt ein Leben lang steuerfrei.

Miss­verständliche Steuerformulare

Deshalb sind im Steuerformular die Renten­anpassungen für alle Jahre in einer Summe anzu­geben, seitdem der Rentenfrei­betrag fest­steht. Das wird oft miss­verstanden, bestätigt Wawro. Wie hoch die Summe ist, steht in der „Rentenbe­zugs­mitteilung“, die extra bei der Rentenkasse ange­fordert werden muss. Zwar verlangt das Finanz­amt die Nach­zahlung meist zu Recht. Aber nicht die Rentner sind schuld an dem Ärger, sondern das komplizierte Steuerrecht und die zum Teil miss­verständlichen Steuerformulare.

Tipp: Sie haben die einmonatige Einspruchs­frist verpasst? Was Sie trotzdem noch tun können, lesen Sie in unserem Special: Steuerbescheid: Wann Sie Schreib- und Rechenfehler korrigieren können, Finanztest 9/2017.

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Unser Rat

Chance. Müsste die Steuererstattung höher ausfallen oder die Nach­forderung nied­riger? Nehmen Sie Ihren Steuer­bescheid genau unter die Lupe und vergleichen Sie die Daten mit Ihrer Steuererklärung.

Prüfen. Wurden alle Ihre Abzugs­posten berück­sichtigt? Stimmen Arbeits­löhne, Versicherungs­beiträge, Renten-, Eltern-, Kranken- und Arbeits­losengeld? Es kann sein, dass die Daten falsch ans Finanz­amt über­mittelt wurden.

Einspruch. Stimmt etwas nicht? Dann legen Sie gegen Ihren Steuer­bescheid schriftlich Einspruch ein – das ist auch per E-Mail möglich. Sie haben dafür einen Monat Zeit. Die Frist beginnt am dritten Tag, nachdem das Finanz­amt den Bescheid abge­sandt hat. War er am 24. Juli 2017 im Post­ausgang beim Finanz­amt, beginnt die einmonatige Einspruchs­frist am 28. Juli und endet am 27. August 2017.

Ausnahme. Das Finanz­amt muss neuerdings Schreib- und Rechen­fehler oder falsch über­mittelte elektronische Daten auch noch später korrigieren, wenn die Einspruchs­frist längst abge­laufen ist.

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