Kontra Sterbe­hilfegesetz: „Feige und paternalistisch“

Sterbe­hilfe Special

Svenja Flaß­pöhler, Philosophin und Expertin zum Thema Sterbe­hilfe

„Ich halte die beschlossene Regelung für falsch. Menschen wissen heute sehr genau, wenn sie unter einer tödlichen Krankheit leiden. Sie wissen, wie viel Zeit ihnen voraus­sicht­lich noch bleibt; man denke an den tumorkranken Schrift­steller Wolfgang Herrn­dorf, der sich aus Verzweiflung eine Kugel in den Kopf jagte. Dazu kommt, dass sich nicht alle Schmerzen palliativ lindern lassen. Wenn ein Mensch in einer solchen Situation frei für sich entscheidet, eine Assistenz in Anspruch zu nehmen, sehe ich keinen vernünftigen Grund, ihm diesen Wunsch zu verwehren. Ein umfassenderes Recht auf Suizid­assistenz, wie es etwa in der Schweiz gilt, halte ich hingegen für falsch. Wer eine Assistenz leistet, hilft immerhin dabei, ein Leben zu beenden, das ansonsten fortgedauert hätte.

Deutsch­land hatte die Chance, ein vernünftiges, mora­lisch vertret­bares Gesetz zu verabschieden – mit sehr engen Kriterien für eine Suizid­assistenz im oben­genannten Sinne. Diese Chance ist vertan. Mit dem Gesetz, das geschäfts­mäßige Suizidbei­hilfe verbietet, verschließt sich der Staat der faktischen Ausweglosig­keit vieler Todkranker und zwingt sie, bis zum bitteren Ende durch­zuhalten. Das ist feige und paternalistisch.“

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