„Mehr Hilfen beim Sterbe­wunsch“

Sterbe­hilfe - Was in Deutsch­land erlaubt ist

Dr. Josef Mischo, Vorsitzender der Berufs­ordnungs­gremien der Bundes­ärztekammer.

Das Verbot ärzt­licher Hilfe zur Selbst­tötung von Patienten wurde gestrichen. Dr. Josef Mischo, Unfall­chirurg aus dem Saar­land, erklärt, was das für Ärzte und Patienten bedeutet.

Dr. Mischo, auf dem Ärztetag wurde beschlossen, dass Ärzte berufs­recht­lich nicht sanktioniert werden, wenn sie Patienten beim Sterben helfen. Was bedeutet das?

Es bedeutet zunächst Rechts­sicherheit für Ärztinnen und Ärzte. In der neuen Berufs­ordnung setzen wir das Urteil des Bundes­verfassungs­gerichts vom Februar 2020 um. Das Gericht urteilte damals: Jede und jeder hat ein Recht auf selbst­bestimmtes Sterben.

Wie können Ärzte Menschen helfen, die sterben möchten?

Jede Patientin und jeder Patient, der einen Arzt aufsucht, um mit ihm über einen Sterbe­wunsch zu sprechen, kann davon ausgehen, dass sich der Arzt sorgfältig mit dem Wunsch befasst und berät. Ein vertrauens­volles Gespräch gehört zum Kern ärzt­licher Tätig­keit.

Worum geht es in solch einer Beratung?

Es gilt, die Ursache für den Sterbe­wunsch ­heraus­zufinden. Studien belegen, dass suizidale Menschen, die mit dem Leben hadern und keine Hoff­nung mehr haben, häufig psychisch leiden. Psychische Erkrankungen sind heute gut zu behandeln.

Welche Behand­lungen sind dann möglich?

Bei einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung helfen oft Medikamente. Viele Betroffene ­erreichen damit trotz ­Erkrankung eine vernünftige Lebens­qualität.

Was hilft noch?

Psycho­soziale Beratungsangebote sind sinn­voll. Ein Therapeut oder eine Ärztin, die mit dem ­Patienten über dessen Ängste und Zweifel redet, findet vielleicht heraus, dass hinter einem Suizid­gedanken die Sorge um eine Erkrankung, ein Schicksals­schlag in der Familie oder finanzielle Nöte stehen. Ein Mensch an der Seite, der Zuver­sicht gibt, kann Leben retten. ­Akute Suizidalität vergeht manchmal schon nach Stunden oder wenigen Tagen. Suizidprävention ist ein wichtiger Baustein und soll ausgebaut werden.

Manche Patienten wünschen sich ärzt­liche Hilfe, weil sie schwerst erkrankt sind und keine Aussicht auf Heilung haben ...

Die Palliativmedizin hat Konzepte und Mittel, schwerst erkrankte Menschen so zu be­handeln, dass sie eine Symptomlin­derung erfahren. Ein angst­freies Sterben ohne Schmerzen ist in den meisten Fällen möglich.

Dürfen Ärzte Hilfe zum Sterben leisten?

Ja. Beihilfe zum frei­ver­antwort­lichen Suizid ist laut Rechts­ordnung ­erlaubt. Patienten, die unter dieser Bedingung einen unabwend­baren Sterbe­wunsch haben, dürfen Hilfe von Dritten in Anspruch nehmen, auch von Ärzten. Eine Ärztin oder ein Arzt darf zum Beispiel ein tödlich wirkendes Medikament verordnen, das ein Patient selbst­ständig zu sich nimmt. Strafbar ist eine Hilfe­leistung, wenn der Helfende selbst den Tod des anderen herbeiführt oder beschleunigt, etwa ihm ein Medikament verabreicht. Die „Tötung auf Verlangen“ ist nach Paragraf 216 Strafgesetz­buch weiterhin verboten.

Alle Infos zu Patienten­verfügung, Vorsorgevoll­macht und Betreuungs­verfügung

Durch Unfall oder Krankheit kann eine Situation eintreten, in der Sie nicht mehr selbst entscheiden können. Mit einer Vorsorgevoll­macht regeln Sie, wer für Sie handeln darf. In einer Patienten­verfügung legen Sie fest, welche Maßnahmen Ärzte ergreifen sollen. Hier finden Sie die wichtigsten Informationen zum Thema Rechtliche Vorsorge.

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