Sterbe­hilfe Meldung

Dr. Matthias Thöns, Anästhesist und Palliativ­arzt aus Witten. Er betreut jähr­lich etwa 400 Schwerst­kranke, die zu Hause sterben.

Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns klagt gemein­sam mit anderen Ärzten, ­Vereinen und schwer Erkrankten gegen das 2015 in Kraft getretene Sterbehilfegesetz vor dem Bundes­verfassungs­gericht in Karls­ruhe.

Suizid­hilfe offen­bar unabsicht­lich voll­ständig verboten

Herr Thöns, Sie sind einer der Kläger vor dem Bundes­verfassungs­gericht gegen das neue Sterbe­hilfegesetz. Warum?

Verboten wurde darin die „geschäfts­mäßige“ Durch­führung der Beihilfe zum Suizid. Darunter verstehen Normalbürger, dass jemand mit einer zweifelhaften Dienst­leistung Geld verdienen will. Das finden hier wohl alle abstoßend. Doch Juristen verstehen darunter, wenn jemand etwas wieder­holt plant oder macht. Wenn also ein Arzt in einer schlimmen Notlage am Lebens­ende Leiden des Patienten mit allen Möglich­keiten moderner Palliativmedizin nicht lindern kann und hier Auswege nennt, wird er ja in der nächsten Notlage wieder so handeln. Und schon wird er mit Gefäng­nisstrafe bedroht. Mithin ist das neue Strafgesetz ein Suizid­hilfetotal­verbot. Das wollte angeblich keiner.

Sind Sie in Ihrer Arbeit häufig mit dem konkreten Sterbe­wunsch konfrontiert?

Ich betreue etwa 400 Menschen jähr­lich am Lebens­ende, von denen jeder Vierte irgend­wann einmal einen Sterbe­wunsch äußert. Hier fanden es früher viele tröstlich, in mir einen Arzt zu haben, der auch hilft, wenn Leidens­linderung nicht klappt. Da aber die letzte Lebens­phase dank guter Leidens­linderung für viele doch über­raschend erfüllend ist, hat mich am Ende fast kein Patient darum gebeten.

Wer nimmt Ihre Hilfe in Anspruch?

Angehörige und Haus­ärzte von Patienten, die sehr schwer erkrankt sind. Sie wenden sich an unser Palliativnetz, bestehend aus Fach­pflegern und Ärzten. Die Patienten haben ­eine begrenzte Lebens­erwartung, wünschen sich keine Schmerzen in der letzten Lebens­phase und möchten nicht zum Sterben in die Klinik.

Ähnlich­keit mit Diskussion um Schwanger­schafts­abbruch

Welche Regelung ist für die Zukunft wünschens­wert?

Ich halte die Hilfe bei der Selbst­tötung weder für eine verpflichtende ärzt­liche Aufgabe noch für eine geld­werte Dienst­leistung, sondern für eine Notlösung im Gewissens­konflikt. Die Konfliktlage um den Schwanger­schafts­abbruch damals ist vergleich­bar. Auch er ist bis heute „illegal“, aber unter gewissen Beratungs­auflagen straffrei. Auch hier wurde vor Damm­brüchen gewarnt, die Entwick­lung ist gegen­läufig.

Wann wird das Gericht entscheiden?

Ein Urteil ist für die zweite Jahres­hälfte 2019 in Aussicht gestellt.

Alle Infos zu Patienten­verfügung, Vorsorgevoll­macht und Betreuungs­verfügung

Durch Unfall oder Krankheit kann eine Situation eintreten, in der Sie nicht mehr selbst entscheiden können. Mit einer Vorsorgevoll­macht regeln Sie, wer für Sie handeln darf. In einer Patienten­verfügung legen Sie fest, welche Maßnahmen Ärzte ergreifen sollen. Hier finden Sie die wichtigsten Infos zum Thema rechtliche Vorsorge.

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