Stationäre Pflege Special

Rund 2,7 Millionen Menschen in Deutsch­land sind pflegebedürftig. Fast jeder Dritte lebt im Heim. Wie Betroffene und Angehörige gute Einrichtungen finden – und was neue Pflegegesetze bringen.

Am meisten fürchten die Deutschen Natur­katastrophen und Terrorismus, dicht gefolgt von der Sorge, im Alter zum Pflegefall zu werden. Das ergab eine aktuelle Studie der R+V Versicherung unter rund 2 400 Bürgern.

Die Angst, den Alltag nicht mehr allein bewältigen zu können, ist begründet: Das Bundes­gesund­heits­ministerium verzeichnete 2014 rund 2,7 Millionen Pflegebedürftige. Fast jeder Dritte lebt im Heim. Derzeit gibt es rund 10 900 voll­stationäre Einrichtungen mit 848 000 Plätzen.

Der Bedarf nimmt weiter zu: Zum einen steigt mit der Lebens­erwartung auch die Zahl der Pflegefälle. Zum anderen ermöglichen moderne Familien- und Arbeits­strukturen nicht immer, hilfs­bedürftige Menschen zuhause zu betreuen.

Wir haben die wichtigsten Informationen und Tipps zusammen­getragen. Sie richten sich an die Pflegebedürftigen, aber auch an ihre Angehörigen. Diese müssen oft einspringen und entscheiden, wie ihre Lieben auch im Heim die best­mögliche Pflege erhalten.

In guten Händen

„Die Versorgung zuhause gilt gemeinhin als Ideal, ist aber keineswegs immer die beste Lösung“, sagt Pfle­geexpertin Adelheid Kuhlmey von der Charité Universitäts­medizin Berlin. „Vielmehr kann sie für Gepflegte und Pflegende mit gravierenden Belastungen einhergehen.“ Erstere können etwa vereinsamen, wenn sie außer ihrem Pfleger niemanden zu Gesicht bekommen – Letztere unter der Aufgabe zerbrechen.

Heime können da die bessere Alternative sein. Doch der Umzug fällt oft schwer. Angehörige quälen sich mit einem schlechten Gewissen, Pflegebedürftige leiden unter dem Gefühl, abge­schoben zu werden. Hinzu kommt die Sorge vor über­fordertem Personal und schlechter Pflege.

Sind diese Ängste begründet? Wir wollten es genau wissen und haben Menschen aus unterschiedlichen Bereichen des Systems zu Wort kommen lassen. Zudem führten wir eine große Onlineumfrage unter Angehörigen von Pflegebedürftigen durch. Von allen 259 Teilnehmern sind in den zwei Jahren zuvor Familien­mitglieder in eine stationäre Einrichtung gezogen. Die Mehr­zahl der Pflegebedürftigen ist laut der Umfrage weiblich und 85 Jahre oder älter. Gut die Hälfte hat eine Demenz. Diese Angaben decken sich weit­gehend mit der offiziellen Pfle­gestatistik.

Viel Licht, viel Schatten

Die gute Nach­richt: Knapp drei Viertel der Befragten sind mit der stationären Pflege ihres Angehörigen zufrieden oder sehr zufrieden. Mehr als 80 Prozent nennen das Personal „respektvoll“ und „zugewandt“. Die schlechte: Die Umfrage offen­bart auch deutliche Probleme. 32 Prozent der Befragten stellten Unregelmäßig­keiten oder Fehler bei der Versorgung mit Arznei­mitteln fest. Und 42 Prozent bemerkten ernst­hafte pflegerische Versäum­nisse. Drei Beispiele: „Verklebte Hände und Mund­winkel, egal zu welcher Tages­zeit.“ „Nicht erkannte Lungen­entzündung.“ „Sieben Tage Durch­fall ohne Information der Angehörigen – bis zur Austrock­nung und Klinik­einweisung“.

Eigen­initiative lohnt

Mehr als 80 Prozent der Befragten sind über­zeugt, dass Angehörige die Pflegequalität positiv beein­flussen können – indem sie häufig zu Besuch kommen und regel­mäßig mit dem Heim­personal sprechen. Ein Teilnehmer schreibt sogar: „Man muss kontrollieren, was gemacht wird. Gnade denen, die keine regel­mäßig anwesenden Angehörigen haben.“

Die Miss­stände führen die Teilnehmer über­wiegend auf den Personal­mangel in den Heimen zurück. Das sehen Pfle­gekräfte genauso. Eine Angestellte, die anonym bleiben will, sagt zum Beispiel: „Wir stehen oft enorm unter Druck, müssen ständig auf die Uhr schauen.“ Ein Kollege meint: „Man will Menschen helfen, aber die Rahmenbedingungen frustrieren. Vor allem Zuwendung und Zeit zum Zuhören kommen zu kurz.“

Umstrittene neue Gesetze

Diese Probleme kennen auch die Politiker – und versuchen seit Jahren, die Qualität der Pflege zu verbessern. Das jüngste Projekt: die Pflegestärkungsgesetze I und II. Das erste trat bereits 2015 in Kraft, das zweite soll Anfang 2016 folgen.

Für Kritiker gehen die neuen Rege­lungen nicht weit genug. Sie stoßen sich unter anderem daran, dass in Heimen zwar mehr Betreuungs­kräfte arbeiten sollen, die Bewohnern Gesell­schaft leisten. Für Pfle­geaufgaben sind die Helfer aber nicht ausgebildet, dürfen sie also auch nicht ausüben. Die Personalnot bleibt bestehen.

Immerhin: Angehörige, die nach einer passenden Pfle­geeinrichtung suchen, haben Anspruch auf umfassende Beratung (Wo Sie kompetente Beratung erhalten). Zudem steigt die Zahl der Alternativen zum Heim, was die Wahl­freiheit erhöht (Welche alternativen Wohnformen es gibt).

Enorme Heraus­forderung

Dennoch bleibt noch viel zu tun. „Wir müssen die Heime ausbauen und weiter­entwickeln, damit Bewohner größt­mögliche Würde, Privatheit und Selbst­bestimmung bewahren“, sagt Expertin Kuhlmey.

Und noch eins zählt: offene Türen. Nur wenn Angehörige, ehren­amtliche Helfer und Nach­barn zu Besuch kommen und frischen Wind ins Heim bringen und die Bewohner umge­kehrt nach draußen gehen, sind sie nicht abge­schirmt von der Welt – sondern stehen mitten im Leben.

Stationäre Pflege Special

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