Arbeiten in Großbritannien/USA: Ab auf die Insel

Wenig Arbeitslose und Job-Chancen für jedermann – der Arbeitsmarkt in Großbritannien könnte derzeit kaum günstiger sein. Auch deutsche Arbeitnehmer haben auf der Insel gute Aussichten.

Kunsthistoriker werden hier in England nicht gerade dringend gesucht. Aber ich hatte Glück“, erzählt Daniela Reimers. Nur kurze Zeit nach ihrem Master-Abschluss an einer englischen Universität bekam die gebürtige Berlinerin einen Job in Oxford. Heute will sie am liebsten gar nicht mehr weg: „Die Engländer sind sehr gelassen, auch im Arbeitsalltag. Man duzt den Prof an der Uni genauso wie den eigenen Chef“, so die 31-Jährige.

Viele Jobs für Geringqualifizierte

Dass es mit einer Anstellung im Vereinigten Königreich recht schnell klappt, ist nicht erstaunlich: Anfang 2007 lag die Arbeitslosenquote bei 5,5 Prozent und damit fast um die Hälfte niedriger als in Deutschland. Kein Wunder also, dass Deutsche auf Jobsuche mit der britischen Insel liebäugeln. Knapp 9 400 wanderten laut Statistischem Bundesamt allein im vergangenen Jahr ins Vereinigte Königreich aus. Dort haben sie in fast allen Berufssparten gute Chancen. Sogar für Geringqualifizierte gibt es Jobs en masse. Insbesondere in der Lebensmittelindustrie, im Reinigungsservice oder im Einzelhandel warten freie Stellen darauf, besetzt zu werden.

Vor allem Fachkräfte werden händeringend gesucht: Handwerkern, Technikern, Ingenieuren und IT-Spezialisten bieten sich besonders große Chancen auf dem britischen Arbeitsmarkt. Auch Berufsgruppen, die es hierzulande eher schwer haben, wie zum Beispiel Sozialarbeiter oder Pädagogen, kommen in England derzeit gut unter.

Sprachkenntnisse unverzichtbar

Egal ob gering qualifiziert oder hoch spezialisiert – ein wenig Berufserfahrung sollte der Bewerber auf jeden Fall mitbringen. „Anfänger haben es oft schwer, eine Stelle im Ausland zu finden“, sagt Gerald Schomann, Teamleiter bei der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit. Neben der Berufserfahrung sollte ein Bewerber vor allem solide Sprachkenntnisse haben. „Frühzeitig Englischkurse besuchen, Filme auf Englisch anschauen oder Bücher auf Englisch lesen“, rät Schomann Auswanderungswilligen, die ihre Sprachkenntnisse aufpolieren wollen. Mit der Einstellung, dass man die Sprache im Ausland schon lernen werde, komme man nicht weit: „Spätestens im Einstellungsgespräch ist dann Schluss. Wer sich nicht gut präsentieren kann, der fällt durch.“

Ist das Interview erfolgreich gemeistert, steht einem Umzug nichts mehr im Wege. Innerhalb der Europäischen Union ist dafür keine Arbeitserlaubnis erforderlich.

Arbeiten in den USA oder Kanada

Anders sieht es schon aus, wenn eine Tätigkeit in den USA oder Kanada das Ziel ist. Ohne Arbeitserlaubnis geht dort erst mal gar nichts. „Die kriegt man in der Regel aber nur, wenn man einen Arbeitsvertrag vorlegen kann“, erklärt Schomann. Die Suche nach einem Job ist also der erste Schritt. In den USA gestaltet sie sich allerdings oft schwierig: Nach amerikanischem Recht ist es nicht erlaubt, mit einem Touristenvisum zum Zweck der Arbeitssuche einzureisen.

Ist diese Hürde erst einmal genommen, muss der Arbeitnehmer flexibel und lernwillig sein. Denn durch vier bis fünf Berufssparten jobbt sich der Durchschnittsamerikaner während seines Arbeitslebens. Auch Zeitarbeit ist in immer mehr Branchen gang und gäbe. Besonders gefragt in den USA sind Computerfachleute, aber auch Jobs im Gesundheitswesen: Krankenpflege und Hauspflegedienste gehören laut US-Arbeitsministerium zu den zehn Berufen mit dem stärksten Stellenzuwachs. Deutsche Bewerber ohne Fachausbildung haben auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt kaum eine Chance. Deshalb müssen die Bewerber – um überhaupt eine Arbeitserlaubnis zu ergattern – vor allem eines sein: gut qualifiziert.

Deutschen Arbeitnehmern eilt ein guter Ruf voraus: „Arbeitgeber schätzen die duale Ausbildung in Deutschland“, so Gerald Schomann. „Außerdem gelten die Deutschen als besonders motiviert.“ Die Kunsthistorikerin Daniela Reimers kann das bestätigen: „In England gibt es das geflügelte Wort der ,german efficiency', der deutschen Leistungsfähigkeit. Mit diesem Image werde ich hier auch gerne mal aufgezogen.“

Gelassenheit hat ihren Preis

Überstunden abbummeln, 30 Tage Urlaub – von solchen Konditionen können Angestellte in den USA oder Großbritannien nur träumen. Überstunden werden vom Angestellten geradezu erwartet und sind mit dem Lohn meist abgegolten. Drei Wochen Urlaub gelten in den USA als Luxus. Weitaus üblicher sind zehn Tage. In Großbritannien ist der Anspruch auf freie Tage ebenfalls gesetzlich nicht geregelt. In Verhandlungen mit dem Arbeitgeber einigt sich der Angestellte meist auf drei bis fünf Wochen.

Überhaupt sind schriftliche Arbeitsverträge nicht gesetzlich vorgeschrieben und zumindest in den USA nur für leitende Positionen üblich. In England ist der Arbeitgeber immerhin verpflichtet, dem Angestellten spätestens zwei Monate nach dem Arbeitsbeginn ein sogenanntes „statement“ auszustellen, das die wichtigsten Punkte des Arbeitslebens regelt. Das Papier hat allerdings keine juristische Bedeutung.

„Die Lebensgelassenheit der Leute hier hat ihren Preis“, sagt Daniela Reimers angesichts der im Vergleich zu Deutschland schlechteren sozialen Absicherung. Auch Sparen fällt schwer. Schließlich liegen die englischen Löhne rund ein Fünftel unter deutschem Standard. Das Leben ist aber viel teurer. „Man muss sich darüber klar werden, was man hier möchte“, so die Kunsthistorikerin. „Reich? Wird man nicht. Einen höheren Lebensstandard? Hat man nicht.“ Aber einen Job, den findet man auf jeden Fall.

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