Sprachen lernen als Erwachsener: Motiviert zum Ziel

Mit guter Laune, viel Zeit und einem starken Willen können auch Erwachsene rasch und erfolgreich eine Fremdsprache lernen. Moderner Sprachunterricht und die neuen Medien helfen dabei.

Guiseppe Mezzofanti gilt als eines der größten Sprachgenies der Geschichte. Der italienische Kardinal lebte von 1774 bis 1849 und soll über 70 Sprachen fließend gesprochen haben. Kurioserweise hat der Gottesmann sein Heimatland nie verlassen. Der Legende nach eignete sich Mezzofanti die Sprachen an , während er fremdsprachigen Gläubigen die Beichte abnahm. Ein schöner Fall von „learning on the job“.

„Es gab schon immer Ausnahmen, die nicht zu erklären sind und niemanden entmutigen sollten“, sagt Gerhard von der Handt, Lernforscher und Experte für Fremdsprachendidaktik beim Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE). Für ihn steht fest: „Jeder kann eine Fremdsprache lernen, wenn er wirklich will.“ Entscheidend ist die Motivation.

Wissen, wofür man lernt

Ob ein Jobangebot aus Madrid winkt oder die große Liebe in New York wartet – wer einen konkreten Anlass hat, ist hochmotiviert und prägt sich eine fremde Sprache viel leichter und schneller ein. „Es hilft enorm, wenn man weiß, wofür man lernt“, bestätigt Dr. Ludger Schiffler, Professor für Fremdsprachendidaktik an der Freien Universität Berlin. Mit Blick auf die Schulen fügt er hinzu: „Viele Schüler wissen nicht, warum sie abgesehen von Englisch weitere Fremdsprachen lernen sollen – entsprechend schlecht sind ihre Kenntnisse.“

Zu alt, um eine Fremdsprache zu lernen, ist man nie. Zwar nimmt die Lerngeschwindigkeit schon mit 17 Jahren ab, und von der Lebensmitte an kann schwächere Seh- und Hörkraft das Lernen erschweren. Doch auch hier gilt: Wer motiviert ist, kann diese Hürden überwinden. „Auch ein 60-Jähriger kann noch eine Fremdsprache lernen“, betont Professor Dr. Angela Friederici, die am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften erforscht, wie das Gehirn Sprache verarbeitet. „Entscheidend ist vielmehr, wie viele Sprachen jemand in seinem Leben bereits gelernt hat.“

Je mehr Kenntnisse jemand hat, desto besser, lautet die Formel. Denn das Gehirn stellt sich dann umso schneller auf eine neue Sprachstruktur ein. Den größten Vorsprung hat derjenige, der als Kind zweisprachig aufgewachsen ist.

Wenn Erwachsenen das Lernen schwer zu fallen scheint, sind häufig längere Lernpausen der Grund. Für die meisten liegt der letzte Fremdsprachenunterricht Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück. „Lernen ist eine Frage des Trainings und der Gewöhnung“, erklärt der Fremdsprachendidaktiker Gerhard von der Handt. „Wer nach der Schulzeit nie wieder etwas hat lernen müssen, muss das Lernen erst wieder lernen.“

Schlechte Erinnerung an die Schule

Auch wegen schlechter Lernerfahrungen in der Schulzeit zögern viele Erwachsene, endlich den schon lange ins Auge gefassten Spanischkurs zu buchen oder das Lernpaket mit Audio-CDs „Englisch für Fortgeschrittene“ zu kaufen. Das ist kein Wunder: Hirnforscher haben herausgefunden, dass Gelerntes am besten im Gehirn haften bleibt, wenn mit Spaß und Freude – mit positiven Gefühlen also – gelernt wurde. Wer mit Grausen an den Französischlehrer zurückdenkt, empfindet automatisch Unbehagen und erwartet ähnlich negative Erlebnisse auch im nächsten Sprachkurs. „Menschen sind geprägt durch ihre Lernbiografien“, behauptet Privatdozentin Dr. Annette Berndt von der Universität Kassel, die eine Studie zum Sprachenlernen im Seniorenalter erstellt hat. „Die Lernerfahrungen, die wir als Schüler gemacht haben, bestimmen nicht nur unser Lernverhalten als Erwachsene, sondern auch unsere Erwartungen an den Unterricht.“

Zum Glück sieht Fremdsprachenunterricht heute anders aus als noch vor 50 Jahren. Die Grammatik-Übersetzungsmethode, bei der Texte stupide Wort für Wort erschlossen wurden, ist passee, und auch die Rollen von Lehrern und Schülern haben sich gewandelt.

Moderner Fremdsprachenunterricht zielt im besten Fall auf Kommunikation und umfasst Rollenspiele, Partner- und Gruppenarbeiten. Darüber hinaus knüpft er an die Sprachen an, die die Kursteilnehmer bereits können. Mehrsprachigkeitsdidaktik heißt das unter Pädagogen. Die gute Nachricht lautet nämlich: Niemand fängt bei Null an. Mit der Muttersprache hat jeder schon eine ausgeklügelte Grammatik und einen enormen Wortschatz erworben. Dieses Wissen hilft ihm auch bei der Fremdsprache. Wer Französisch in der Schule gelernt hat, wird zu einer anderen romanischen Sprache wie Spanisch oder Italienisch viele Wortverwandtschaften und andere Querverbindungen entdecken und die neue Sprache dadurch schneller aufnehmen.

Vom Vorwissen profitieren

„Man versteht immer mehr, als man sagen kann“, sagt Dr. Franz-Joseph Meißner, Professor für Sprachlehrforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Gerade Anfänger kann das sehr motivieren. Als Meißner Achtklässlern eines Saarbrücker Gymnasiums einen spanischen Text über ein vertrautes Thema – das Saarland nämlich – vor die Nase legte, löste das zunächst Kopfschütteln aus, dann aber Begeisterung. „Wir können ja Spanisch“, staunten die Schüler. Sie hatten bislang nur Französischunterricht. Professor Meißner betont: „Ein guter Lehrer knüpft an das an, was Lerner schon wissen.“

Der gängigste Weg, um eine Sprache zu erlernen, ist ein Sprachkurs. Auch die meisten Erwachsenen üben eine Fremdsprache am besten in einer Gruppe – ideal sind bis zu fünf Personen. „Auf diese Weise lernt man nicht nur voneinander, sondern kann sich auch gegenseitig motivieren“, erklärt Hochschullehrer Schiffler. „Im Idealfall entwickelt sich ein richtiges Wir-Gefühl.“

Lernformen kombinieren

Allein lernt es sich weniger gut, da ist große Selbstdisziplin gefragt. Wer ständig auf Geschäftsreise ist, auf dem Land lebt oder kleine Kinder erzieht, hat heute mehr Alternativen, eine Sprache zu lernen. Da gibt es einerseits den traditionellen Fernunterricht, andererseits Kombikurse aus Audio-CDs und Lehrbuch sowie Sprachkurse auf CD-Rom, moderne Lernsoftware also für den Computer.

Wer wie gut mit welcher Methode klarkommt, hängt von persönlichen Vorlieben ab. Experten raten dazu, verschiedene Lernformen kombiniert zu nutzen – abgestimmt auf das Lernziel. Interessierte sollten sich zunächst fragen, welche Kompetenz sie in der Fremdsprache vor allem schulen möchten: Lesen, Hörverstehen, Sprechen oder Schreiben?

Keine Fremdsprache lässt sich im Handumdrehen lernen. Und: „Je mehr wir eine Sprache perfektionieren wollen, desto langsamer wird der Lernfortschritt“, sagt Ludger Schiffler. Ein einfaches Kommunikationsniveau, die Frage nach dem Weg oder der Uhrzeit, lässt sich seiner Meinung nach schon nach wenigen Wochen erreichen, vorausgesetzt, der Lernende übt täglich und besucht mindestens zweimal pro Woche einen Sprachkurs.

Wichtig ist vor allem, die fremde Sprache auch zu praktizieren. Das muss nicht gleich ein Aufenthalt in Spanien sein. Gerade in Bezug auf die Praxis haben die Lernenden heute einen ungeheuren Vorteil. „Was früher nur durch eine Reise ins Ausland möglich war, geht heute mit dem Laptop vom Sofa aus“, so von der Handt. „Das Internet ist eine Revolution fürs Fremdsprachenlernen.“

Praxis im Internetforum

Warum nicht mal seinem Hobby in einem fremdsprachigen Internetforum nachgehen und mitdiskutieren? Foren gibt es zu allen erdenklichen Themen, von Motorrädern bis zu Schnittmustern. „Sprachanfänger werden staunen, wie viel sie verstehen, weil sie sich für die Inhalte interessieren und wissen, worum es geht“, ermuntert von der Handt.

Podcasts auf Spanisch und Englisch

Auch Audiobeiträge aus dem Internet, so genannte Podcasts, eignen sich zum Sprachenlernen. Die meisten gibt es kostenlos zum Herunterladen und auf dem Computer oder dem MP3-Player Abspielen. Podcasts zum Englischlernen bietet zum Beispiel der Spotlight-Verlag unter www.business-spotlight.de/podcast oder die Financial Times unter www.ftd.de/div/podcast/business_english/ 67283.html. Wer sich fremdsprachige Audiobeiträge zu politischen und kulturellen Themen anhören möchte, wird bei Radio Multikulti aus Berlin und der Deutschen Welle fündig.

Darüber hinaus ermöglicht das Internet eine neue Form des Konversationskurses – mit Sprachlernpartnern, die Tausende von Kilometern entfernt im weltweiten Netz sind. Getauscht wird Mutter- gegen Fremdsprache. Und das funktioniert per Mail, im Chat oder telefonisch – am PC mit der Software Skype sogar kostenlos. Lernpartner in aller Welt vermittelt die Ruhr-Universität Bochum.

Abgesehen vom Internet raten Fachleute außerdem, möglichst „authentische“ Materialien wie Tageszeitungen, Romane oder Spielfilme in der Fremdsprache zu nutzen, weil das – anders als Lehrbücher – die wirkliche Sprache ist.

Vokabeln in ganzen Sätzen

Mit ein paar Tricks und Strategien lässt sich das Lernen zusätzlich erleichtern. Eine wichtige Hilfe ist zum Beispiel eine Vokabelkartei – aber keine, die nur Wort für Wort übersetzt. „Sprache muss man immer im Zusammenhang lernen“, sagt Ludger Schiffler. Vokabeln notiert man deshalb am besten in ganze Sätze „verpackt“. So lassen sich gleich unterschiedliche Bedeutungen mitlernen. Beispiel: Das englische Verb „to say“ bedeutet „sagen“. Als Substantiv kann es mit „Meinung“ – „Have your say“/„Sag deine Meinung“ – oder „Wort“ – „She always has the last say“/„Sie hat immer das letzte Wort“ – übersetzt werden. Leichter hat es nach Schifflers Meinung auch, wer häufiger in kleineren Zeiteinheiten die Sprache übt, denn das Gehirn lernt durch Wiederholung: „Es ist besser, viermal täglich fünf Minuten zu verschiedenen Zeitpunkten zu lernen, als einmal 20 Minuten.“

Lernen in Bewegung

Schiffler empfiehlt außerdem, beim Lernen immer mindestens zwei Sinne miteinander zu koppeln – also Vokabeln aufzuschreiben und gleichzeitig laut mitzusprechen oder im Lehrbuch mitzulesen, wenn die Audio-CD läuft, und nach dem Hören laut nachzusprechen. Auch Körpereinsatz kann sich positiv auswirken, zum Beispiel Vokabeln mit ausholenden Gesten in die Luft schreiben, Wörter und Sätze pantomimisch darstellen oder beim Sprechen mimisch untermalen. Je vielfältiger die Art und Weise ist, in welcher Sprache und Wörter im Gehirn vernetzt werden, desto besser lassen sie sich später abrufen.

Dennoch: Ohne Ausdauer und Fleiß dringt niemand zu den Feinheiten einer Sprache vor. Ein hohes Sprachniveau erreicht und hält eben nur der, der lebenslang lernt.

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