Interkulturelle Unterschiede: England/USA: Mit Smalltalk läuft es wie geschmiert

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„Vielfalt feiern“ ist das Motto des gebürtigen Briten Robert Gibson. Der Fachmann für interkulturelle Kompetenz spricht über eigene Anpassungsschwierigkeiten und Deutsche im Ausland.

test: Mr Gibson, als Sie vor 22 Jahren nach Deutschland kamen, was ist Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben?

Mein Einkauf in der Bäckerei. Wir Engländer stehen gerne diszipliniert an. Also habe ich eine Schlange gesucht. Es gab aber keine, stattdessen war Chaos. Die Art, wie die Verkäuferin geredet hat, fand ich sehr grob. Anstatt mich anzupassen, wollte ich den Leuten meine Sitten beibringen. Das kam nicht so gut an.

test: Haben Sie inzwischen einen Kompromiss aus britischer Mentalität und deutschen Gepflogenheiten gefunden?

Ich versuche, beide Kulturen zu kombinieren. Ich musste aber vieles lernen. Zum Beispiel hat Humor in Deutschland eine ganz andere Funktion als in England. Wenn es hier in einem Meeting mal Spannungen gab, habe ich versucht, die Stimmung durch einen kleinen Witz aufzulockern. So kannte ich es aus England. Am Ende des Jahres sagte mein Chef zu mir: „Rob, deine Arbeit ist super, aber du nimmst die Sitzungen nicht ernst. Ständig erzählst du diese Witze.“ Heute spare ich meine Scherze lieber für die Pausen und das Feierabendbier auf.

test: Sind die Geschäftsstrukturen in Deutschland besonders hierarchisch?

Nach meiner Erfahrung hat die deutsche Führungskraft Autorität und sagt, wo es langgeht. Der englische Manager sieht sich eher als Koordinator. Er ist Generalist und hat oft nicht mal Betriebswirtschaft oder Jura studiert. Seine Rolle ist nicht, Fachfragen zu beantworten, sondern zu vermitteln und zu motivieren.

test: „Deutsche loben, indem sie nicht kritisieren, und Amerikaner kritisieren, indem sie nicht loben.“ Stimmt das?

Manchmal schon. Ich hatte mal einen amerikanischen Chef, der sich ständig erkundigte, ob er uns helfen könne und der viel lobte. Meine deutschen Kollegen waren irritiert. Sie glaubten, er würde ihnen nicht trauen. Dann bekamen wir einen deutschen Chef und hörten nie etwas von ihm. Ich dachte, er interessiere sich nicht für uns. Meine deutschen Kollegen meinten aber, sein Schweigen sei praktisch ein Lob.

test: Gibt es eine Berufsgruppe, die eine große interkulturelle Kompetenz hat?

Es ist schwer zu verallgemeinern. Aber ich finde, dass Sekretärinnen als Vermittler zwischen Chef und Mitarbeitern oft große soziale Kompetenz haben. Und interkulturelle Kompetenz ist ja nichts anderes, als die Erweiterung sozialer Kompetenz ins internationale Umfeld.

test: Deutsche sagen ihre Meinung oft sehr direkt. Wird das im Ausland geschätzt oder als unhöflich erlebt?

Für mich war das schon gewöhnungsbedürftig. Auch als Engländer ist man Feedback gewohnt, aber eher auf eine subtile Art. Mittlerweile weiß ich die direkte Art der Deutschen aber zu schätzen. Wenn ich mal in England bin, frage ich mich schon, warum die Leute nicht einfach sagen, was sie wollen.

test: Muss man einwandfrei Englisch sprechen, wenn man zum Arbeiten ins Ausland geht?

Nein, muss man nicht. Hauptsache, man interessiert sich für die Menschen und kann einigermaßen kommunizieren. Die englische Grammatik perfekt zu beherrschen, ist zweitrangig. Die meisten Menschen wissen es zu schätzen, wenn man sich bemüht, eine Fremdsprache zu sprechen. Ich finde es beispielsweise schade, dass die Lehrer in Deutschland bei Tests auf die Fehler- und nicht auf die Erfolgsquote achten. Vielleicht gibt es auch deshalb hier viele Leute, die eigentlich super Englischkenntnisse haben, aber Hemmungen, sie auch anzuwenden.

test: Womit ecken deutsche Arbeitnehmer im Ausland am häufigsten an?

Deutsche Arbeitnehmer sind es gewohnt, private Gespräche und die Arbeit stark zu trennen. In vielen Kulturen ist es aber genau umgekehrt: Wenn man kein Gefühl für den Menschen entwickelt, dann kann man auch nicht mit ihm arbeiten. Für Deutsche, die nach England oder Amerika gehen, heißt das vor allem, mehr Zeit in den Aufbau von Beziehungen zu investieren und die Kunst des Smalltalks zu erlernen. Die Engländer nennen das „oiling the machine“.

test: Was ist, wenn man die Gefühle von jemandem verletzt hat?

Einfach zugeben, dass man einen Fehler gemacht hat. Das ist wie in anderen Beziehungen in der eigenen Kultur. Fehler machen ist menschlich. Wenn man aus einem reichen Land wie Deutschland kommt, finden es die Leute auch mal ganz nett, wenn man zugeben kann: Ich bin nicht perfekt. Das ist ähnlich wie bei Karaoke, wenn Laien singen müssen.

Zur Person:

Robert Gibson, gebürtiger Engländer, kam 1985 nach Deutschland und arbeitete zunächst als Dozent an verschiedenen Hochschulen. Bei Siemens ist er verantwortlich für die Planung und Durchführung von interkulturellen Trainingskursen. Er ist Gründungsmitglied von SIETAR Deutschland, einer Organisation, die sich als Plattform für den Austausch interkultureller Themen in Wirtschaft und Gesellschaft versteht. Im Magazin „Business Spotlight“ veröffentlicht er regelmäßig Kolumnen zum Thema interkulturelle Kommunikation.

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