Interkulturelle Unterschiede: Spanien/Lateinamerika: Besser nicht barfuß zum Kopierer gehen

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„Deutschen diese Insel und das Land erklären“ will Ciro Krauthausen, Chefredakteur der „Mallorca Zeitung“. Der kulturelle Grenzgänger spricht über Deutsche, Spanier und Lateinamerikaner.

test: Die „Mallorca Zeitung“ hat über einen deutschen Bestatter berichtet, dessen Geschäft geschlossen wurde, weil ihm notwendige Genehmigungen fehlten. „Ich dachte, so läuft das auf der Insel“, wird er zitiert. Hat er die spanische Geschäftskultur falsch eingeschätzt?

Ich glaube in der Tat, dass er da etwas falsch verstanden hat. Das ist ja das traditionelle Image Spaniens: Hier ist alles ein wenig laxer, und Regelungen werden mediterran-lässig gehandhabt. Meine persönliche Erfahrung mit Spaniern ist jedoch, dass sie häufig gründlicher, disziplinierter und autoritätsgläubiger sind, als viele glauben. Ich denke, dass es auch dieser oft falsche Eindruck von den Spaniern sein könnte, dem dieser Bestatter erlegen ist. Interessant ist, dass er sich hier niedergelassen hat, ohne Spanisch zu sprechen: Möglicherweise handelt es sich also weniger um ein kulturelles als um ein sprachliches Problem.

test: Glauben Sie, dass man auf Mallorca wenn nicht Mallorquín, so doch zumindest Spanisch sprechen sollte, um hier auf Dauer zurechtzukommen?

Es gibt überraschend viele Deutsche, die hier leben und kein Spanisch sprechen. Sie können das, weil die deutschsprachige Infrastruktur steht – wir sind ein Teil davon. Aber ihnen entgeht eine Menge: Die Sprache erschließt eine Welt. Mallorca hat zum Beispiel eine ausgeprägte Inselkultur. Die entgeht einem, wenn man nicht Spanisch oder Mallorquín spricht.

test: Sieht die Mallorca Zeitung ihre Aufgabe auch darin, Deutschen die hiesige Kultur näherzubringen?

Ja, ich sehe uns in einer Vermittlerrolle. Wir versuchen, den deutschen Lesern, die der Sprache nicht so mächtig sind, die spanisch-mallorquinische Kultur, Politik und Gesellschaft zu vermitteln. Unsere Aufgabe ist es, den Deutschen diese Insel und das Land zu erklären.

test: Sie sind mit der deutschen und spanischen Geschäftskultur vertraut. Welche Unterschiede sind auffällig?

In spanischen Unternehmen zählen Hierarchien noch wesentlich mehr. Order von oben werden meist unwidersprochen umgesetzt. Auch ich als Chefredakteur einer relativ kleinen Zeitung sollte zum Beispiel – wenn ich eine Frage an die Grafik habe – zuerst mit dem Chef-Layouter sprechen, der dann mit den anderen Layoutern redet.

test: Ist es zum Beispiel möglich, Kritik am Vorgesetzten zu äußern?

Von unten nach oben nur mit großer Vorsicht: In spanischen Unternehmen wird es nicht gern gesehen, wenn Angestellte kritisch nachfragen oder den Chef in Frage stellen. Das ist meist tabu, deshalb muss Kritik gut verpackt werden.

test: Gelten strengere Regeln auch für andere Bereiche, etwa die Dresscodes?

Dazu fällt mir die Geschichte eines deutschen Kollegen ein: Im Sommer hatte er einmal Sandalen an, was ja nicht ungewöhnlich ist. Aber dann ging er barfuß zum Fotokopierer und auch barfuß wieder zurück – was dann doch für einiges an Aufregung gesorgt hat. So etwas kommt hier nicht so gut an. Abgesehen von solchen Anekdoten sind die Unterschiede aber nicht allzu groß.

test: Was sollte man tun, wenn man in ein Fettnäpfchen getreten ist?

Wenn es ein schwerwiegenderer Fall ist, würde ich dafür plädieren, das offen zu thematisieren – also zu sagen, hier liegt möglicherweise ein Missverständnis vor, so habe ich das nicht gemeint.

test: Auch die Sprache an sich wird in Deutschland und Spanien unterschiedlich verwendet. Duzten wir uns zum Beispiel, wenn wir Spanisch sprächen?

Wir hätten uns von Anfang an geduzt. Andererseits komme ich aus Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, wo grundsätzlich gesiezt wird – sogar in der Familie. Es ist also alles relativ. Die spanischen Umgangsformen sind ziemlich burschikos; das Du mag dazu zählen. In Lateinamerika etwa gehen die Leute pfleglicher miteinander um. Höflichkeitsformen haben eine sehr viel höhere Bedeutung. Provokant gesagt, halte ich Lateinamerikaner für kultivierter als Spanier.

test: Lateinamerika ist für viele Europäer unbekanntes Terrain. Ist es deshalb schwieriger, dort zurechtzukommen?

Das Lateinamerika-Bild ist klischeebeladen. Dadurch wird es nicht einfacher, dort Fuß zu fassen. Fakt ist, dass die sozialen Unterschiede wesentlich größer sind als in Europa. Aber einige Klischees, etwa die Ursprünglichkeit des Kontinents, sind überholt. Ist zum Beispiel bekannt, dass sich Bogotá – und Kolumbien hat nun wirklich einen schlechten Ruf – ein hochmodernes Bibliotheks-Netzwerk, riesige Parks und ein weltweit beachtetes öffentliches Verkehrssystem leistet? Bogotá ist eine moderne Großstadt, und solch einer Stadt wird man mit derartigen Klischees nicht gerecht.

Zur Person:

Ciro Krauthausen, Jahrgang 1967, wurde in Quito/Ecuador geboren und verbrachte seine Kindheit in Peru. Er studierte Soziologie in Bogotá/Kolumbien, promovierte an der Freien Universität Berlin und arbeitete als Journalist für deutsche und spanische Medien. Seit Februar 2007 ist er Chefredakteur der „Mallorca Zeitung“ in Palma de Mallorca.

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