Interview: „Funktionskleidung ist keine Frage des Leistungsniveaus”

Sportunterwäsche Test

Dr. Andreas M. Nieß

Privatdozent Dr. Andreas M. Nieß ist Sportmediziner und Oberarzt in der Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin der Medizinischen Universitätsklinik Freiburg.

Wie sollte sich der Sporttreibende aus Sicht des Mediziners anziehen?

Das hängt von der Sportart und den Umgebungsbedingungen ab. Bei Kälte kommt es nicht nur darauf an, dass Schweiß gut nach außen transportiert wird, sondern die Kleidung muss auch wärmen. Bei Ausdauersport reicht die kontinuierliche Muskelarbeit in der Regel aus, um die Körperkerntemperatur nicht absinken zu lassen. Anders bei Sportarten, die mit einer geringen, nur kurzzeitigen oder stark wechselnden, von Pausen unterbrochenen muskulären Beanspruchung einhergehen wie beispielsweise Golf oder Alpinski. Hier muss die Wäsche einen zu starken Wärmeverlust verhindern. Außerdem müssen bei extremer Kälte Gesicht (Nase, Ohren), Extremitäten (Finger, Zehen) und äußere Genitalien vor lokalen Erfrierungen geschützt werden.

Und was ist bei Hitze?

Bei hohen Umgebungstemperaturen im Sommer oder in der Halle stellt ein zu starker Anstieg der Körperkerntemperatur ein zentrales Problem dar. Eine deutlich erhöhte Körpertemperatur und der damit verbundene Flüssigkeitsverlust verringern die sportliche Leistungsfähigkeit und steigern das Risiko von Hitzeerkrankungen wie Hitzeerschöpfung, Hitzekrämpfe, Hitzekollaps oder, im Extremfall, Hitzschlag. Ein gut funktionierendes Textil muss deshalb eine rasche und effektive Schweißverdunstung in Hautnähe ermöglichen.

Gibt es besondere Risiken?

In den Bergen mit der starken Sonneneinstrahlung sollten die Textilien einen ausreichenden UV-Schutz bieten. Bei Sportarten mit Sturzgefahr (Mountainbike, Inlines) beziehungsweise in manchen Spiel- und Kampfsportarten (Fußball, Fechten) ist die Schutzfunktion des Textils vor mechanischer Einwirkung von Bedeutung, so wie das auch im Schritt eingearbeitete Schutzareal bei Radhosen. Wichtig ist zudem, dass die innere Oberfläche des Textils nicht zu mechanischen Hautirritationen zum Beispiel im Bereich der Brustwarzen führen darf.

Brauchen Gelegenheitssportler dasselbe wie Leute, die ausgeprägt joggen, Tennis spielen oder Kampfsport betreiben?

Meiner Ansicht nach ist das nicht davon abhängig, auf welchem Leistungsniveau Sport betrieben wird, sondern welcher Sport unter welchen Bedingungen. Auch einem Freizeitjogger, der im Winter bei Kälte läuft, ist zu einer entsprechenden Funktionskleidung zu raten. Umgekehrt ist eine solche Anschaffung bei der Gymnastik oder beim eher langsamen Walken unter normalen Bedingungen weniger notwendig. Zudem spielen auch individuelle Aspekte eine Rolle. Ein Sportler mit Neigung zu Hautallergien sollte besser ein wenig irritierendes, nur gering allergenes Textil tragen.

Was ist mit Kindern?

Kinder schwitzen weniger als Erwachsene, geben deshalb schlechter Wärme über die Schweißverdunstung ab. Es dauert bei ihnen auch länger, bis sie sich an Hitze gewöhnt haben. Deshalb sollten Kinder Kleidung mit guter Wärmeabgabe tragen, einen Kopfschutz, ausreichend trinken und nicht übertreiben. Auch müssen Kinder stärker vor dem Auskühlen geschützt werden.

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