Interview: Krafttraining für über 80-Jährige

Sport im Alter Meldung

Prof. Dr. Heinz Mechling leitet das Institut für Bewegungs- und Sportgerontologie der Deutschen Sporthochschule Köln.

Wer kräftige Muskeln hat, kann den Alltag besser bewältigen.

Wie kam es zu Ihrem Sportkonzept „fit für 100“?

Das Hauptlebensziel von älteren Menschen ist, ihre körperliche und geistige Fitness zu erhalten. Dabei können wir sie unterstützen, denn es gibt einen Zusammenhang zwischen beiden: Körperlicher Verfall geht immer eng einher mit geistigem Verfall. Körperliches Training kann dazu beitragen, dass die alten Menschen möglichst lange selbstständig und selbstbestimmt bleiben. Das ist auch deshalb besonders wichtig, weil die über 80-Jährigen die am schnellsten wachsende Altersgruppe sind und auch die Zahl der 100-Jährigen dramatisch zunimmt.

Wie unterscheidet sich das Trainingskonzept von anderen Seniorensportangeboten?

Für jüngere Alte gibt es viele Angebote von Sportvereinen oder Kommunen. Aber sie haben die hohen Altersgruppen noch nicht entdeckt. Und in manchen Altenheimen geht es bei den Bewegungsangeboten eher um Beschäftigung als um sportliche Aktivität. Mit „fit für 100“ wollten wir ein adäquates Training für Menschen entwickeln, die über 80 Jahre alt sind oder in Alteneinrichtungen leben.

Warum sollen 80- und 90-Jährige ausgerechnet Krafttraining machen?

Der Verlust an Muskelmasse und Kraft fängt ja schon ab dem 30. Lebensjahr an, wenn man nicht gegensteuert. Und er erhöht sich enorm ab 70 Jahren. Anderer­seits zeigten etliche empirische Untersuchungen, dass die Trainierbarkeit bis ins höchste Alter gegeben ist. Selbst hohe Kraftzuwächse sind noch möglich, was zur sicheren Alltagsbewältigung beiträgt.

Welche Verbesserungen zeigten sich bei den Teilnehmern der „fit für 100“-Gruppen?

Das Trainingsprogramm soll den Menschen dabei helfen, ihren Alltag besser zu bewältigen. Dafür trainieren wir neben der Kraft auch die Beweglichkeit, die Koordinationsfähigkeit und das Gleichgewicht. Erste Verbesserungen zeigten sich schon nach vier Monaten Training, noch deutlicher waren die positiven Effekte nach einem Jahr. Das hatte auch Auswirkungen im Alltag – viele der Trainierenden konnten wieder sicher stehen und gehen oder sich selbstständig an- und auskleiden, was auch ihr Gesamtbefinden verbesserte.

Sollte so ein Trainingsprogramm dauerhaft durchgeführt werden?

Die Pilotkurse von „fit für 100“ mit wissenschaftlicher Auswertung haben ein Jahr gedauert. Inzwischen führen die Alteneinrichtungen sie in eigener Regie weiter. Das Training ist nur als Dauerangebot sinnvoll, denn sonst gehen die Fähigkeiten wieder verloren. Es ist wie ein Rudern gegen den Strom – wer aufhört, treibt zurück.

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