Höchste Konzentration. Wenn Kinder spielen, tauchen sie tief in andere Welten ein. Doch bei Spiele-Apps begegnen sie manchmal auch sehr problematischen Inhalten.

Kinder lieben sie, doch kindgerecht sind Hand­yspiele selten. Das liegt auch an Mitspielern, die Naziparolen und Pornografie ins Spiel bringen. Die Multimedia-Experten der Stiftung Warentest haben 14 Spiele-Apps getestet, darunter Minecraft, Brawl Stars, Fortnite und Clash of Clans. Geprüft haben wir aus der Perspektive eines 10-jährigen Kindes. Alarmierendes Ergebnis: Keine einzige App können wir empfehlen. Wir sagen, wie Sie Ihr Kind schützen und In-App-Käufe verhindern können.

Minecraft: Lava aus der Hölle

Kleine Blöcke aus Gold­erz, Gras oder Spreng­stoff sind ihre Welt. Lukas und Mathis bauen damit auf dem Smartphone Häuser, Maschinen oder Portale in eine andere Dimension. Die Berliner Jungs sind Fans der Spiele-App Minecraft. „Lass uns in die Hölle gehen und Lava sammeln“, sagt der 13-jährige Lukas zu seinem Freund Mathis. Der ist 14 und „voll der Pro“. Pro heißt in Erwachsenen­sprache Profi. „Ich spiele seit vier Jahren Minecraft. Cool daran ist, dass man ein biss­chen Programmieren lernen kann“, erzählt Mathis.

Szene aus Minecraft

Unser Rat

Keines der 14 geprüften Hand­yspiele für Kinder können wir empfehlen. Eines ist im Kinder­schutz bedenk­lich, 13 stufen wir sogar als inakzeptabel ein. In 7 stießen wir auf heikle Inhalte wie Verweise auf Porno­seiten. In vielen Familien dürfte ein Total­verzicht auf Spiele-Apps keine Lösung sein. Mit unseren Tipps können Eltern die Risiken für Kostenfallen und beim Daten­schutz spür­bar senken.

Verstörende Inhalte im Test

Minecraft ist eine von 14 beliebten Spiele-Apps, die wir auf ihren Kinder­schutz geprüft haben, weitere sind etwa Brawl Stars, Fortnite und Clash of Clans. Einzelne werden im App-Store für Kinder ab 0 Jahren angeboten, die höchste Alters­empfehlung der Spiele im Test lautet ab 12 Jahre. Geprüft haben wir aus der Perspektive 10-Jähriger. Wo immer ein Spiel eine Alters­angabe forderte, gaben wir 10 Jahre an.

„Bedenk­lich“ war noch das beste Urteil

Unsere Ergeb­nisse sind alarmierend: Keine einzige App können wir empfehlen. 13 bieten inakzeptablen Kinder­schutz, die am wenigsten schlimme, Pokémon Go, stufen wir als bedenk­lich ein.

Kinder sollen „böse Juden“ töten

Oft kommen die Gefahren aus einer Ecke, die Eltern nicht erwarten dürften: Wir fanden etwa Verweise auf Porno­seiten, Mitspieler mit rechts­extremen Pseudonymen und ein Spiel, in dem „böse Juden“ getötet werden sollen. Die Android-Version von Subway Surfers für Kinder ab 6 Jahren blendete Werbung für ein Spiel ab 18 Jahren ein, in dem unablässig Menschen erschossen werden.

Fast alle Spiele sind gratis

Wir testeten 13 Handy-Apps jeweils für die Betriebs­systeme Android und iOS. Die 14. App, Fortnite, prüften wir nur für iOS, denn eine Android-Version war im Google Play Store nicht erhältlich. Fast alle Spiele lassen sich gratis aus den App-Stores laden, Minecraft kostet einmalig 7,99 Euro. Unsere Ergeb­nisse veröffent­lichen wir je App in einem Steck­brief. Meist fallen alle Urteile für Android und iOS gleich aus. Ausnahmen nennen wir in den Steckbriefen. Anders als sonst haben wir die Apps nicht nach unseren Urteilen sortiert, sondern alpha­betisch nach Namen.

Alles andere als kindgerecht

Untersucht haben wir die Apps in Koope­ration mit Jugendschutz.net, dem gemein­samen Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für Kinder- und Jugend­schutz im Internet. Wir wollten wissen, wie kindgerecht die Spiele sind, ob die Voreinstel­lungen eine sichere Nutzung erlauben und wie leicht sich Verstöße anderer Spieler beim Anbieter melden lassen. Letzteres funk­tioniert mäßig, wäre aber oft nötig. Uns begegneten rechts­extreme Spieler­namen wie „SiegHeil“ oder „Judentöter“, etwa in den Apps Fortnite und Clash of Clans. Bei Clash Royale und Brawl Stars heißen eine Reihe von Mitspielern genauso wie Internet­adressen von Porno­seiten.

Angry Birds 2: Digitale Edelsteine für 110 Euro

Geprüft haben wir auch, wie verlockend In-App-Käufe sind. „Die haben meine Eltern auf meinem Handy deaktiviert. Das finde ich gut. Ich will auf keinen Fall auf etwas Falsches klicken“, sagt Lukas. Seine Sorge ist berechtigt: In der App Minecraft sind die In-App-Käufe teils intrans­parent. Andere Kinder sind schon in Kostenfallen wie diese getappt. Ganz schnell lassen sich Hunderte Euro ausgeben. Bei Angry Birds 2 etwa können Spieler mit einem Kauf rund 110 Euro für virtuelle Edelsteine verplempern. Darauf beruht das Geschäfts­modell, wenn die App selbst gratis ist. Hinzukaufen lassen sich in den Apps etwa Kostüme für Spielfiguren oder Rohstoffe.

Candy Crush & Home­scapes: Ohne Moos nix los

Etliche Spiele fordern direkt zum Kauf auf – oder drängen indirekt. Bei Candy Crush und Home­scapes etwa kommen Spieler nur mühselig weiter, wenn sie keine Extras kaufen. Häufig gilt: Nur wer zahlt, kommt schnell voran. Wie Sie In-App-Käufe verhindern, lesen Sie in unseren Tipps.

Unver­ständlich für Kinder: Beim Daten­schutz verlieren alle

Laut Daten­schutz-Grund­ver­ordnung müssen die Daten­schutz­erklärungen für Dienste, die sich auch an Kinder richten, so formuliert sein, dass Kinder sie verstehen können. Keine der geprüften Apps hält sich daran. Auch deshalb bewerten wir den Daten­schutz bei keinem Spiel als angemessen. Zudem über­tragen die meisten von ihnen mehr Nutzer­daten, als sie zum Funk­tionieren brauchen. Ein Beispiel von vielen: Temple Run 2 über­mittelt in der Android-Version Nutzungs­statistiken der Spieler an einen Analysedienst – selbst wenn der Nutzer das „Tracking“ deaktiviert hat.

Unzu­lässige Klauseln in den AGB

In den allgemeinen Geschäfts­bedingungen (AGB) der Apps fand unser Fachjurist zahlreiche unzu­lässige Klauseln. 10 der 14 Apps enthalten in der Android- und iOS-Version sehr deutliche Mängel. Die Macher von Angry Birds 2 erklären etwa, dass sie ihre Nutzer über­wachen, und legen fest: „Du stimmst dieser Über­wachung und Aufzeichnung unwiderruflich zu. Entsprechend willigst du ein, dass du keine Privatsphäre ... erwartest, einschließ­lich, aber nicht beschränkt auf Chat­texte oder Sprach­nach­richten.“ Candy Crush zum Beispiel will keine Verantwortung für Verluste tragen, falls Betrüger auf das Nutzer­konto zugreifen.

Liegen keine AGB vor, gilt deutsches Recht

Die Anbieter von Temple Run 2, Subway Surfers, Empires & Puzzles und Helix Jump (Android-Version) stellen keine AGB bereit. Statt­dessen greift deutsches Recht – ein Vorteil für Verbraucher.

Eine zauberhafte Über­raschung

Lukas hat sich die Geschäfts­bedingungen für Minecraft gemein­sam mit seinen Eltern durch­gelesen. „Das war echt hart“, erinnert er sich an das viele Klein­gedruckte. Seine Eltern haben die Kinder­sicher­heits­funk­tionen auf Lukas’ Smartphone akti­viert und eine feste Medien­zeit mit ihm vereinbart. Über­rascht waren sie, als sich Lukas und Mathis vor ein paar Wochen plötzlich mit Feuer­eifer in ein neues Spiel stürzten. Total analog. Sie üben jetzt Zaubertricks. Immer nur Minecraft ist ihnen auf Dauer zu lang­weilig.

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