Vor Weihnachten überschütten Hilfswerke die Bürger mit Spendenaufrufen. Darunter sind auch unseriöse Organisationen. Doch jeder kann sicherstellen, dass sein Geld in den richtigen Händen landet.

Bei Alfred Steenken quillt der Postkasten über. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit bekommt er fast täglich Spendenaufrufe. Der Rentner aus Oldenburg soll Geld für hungernde Menschen in Afrika geben. Das örtliche Tierheim unterstützen. Ein Patenkind in der Dritten Welt fördern.

Viele Hilfswerke legen Broschüren und kleine Geschenke wie Lesezeichen oder Adressaufkleber bei, um die Spendenbereitschaft zu erhöhen.

„Das kostet doch alles etwas – ob da von meinem Geld überhaupt noch etwas für die eigentlich Bedürftigen übrig bleibt?“, fragt sich Steenken, der etwa 100 Euro im Jahr an unterschiedliche Organisationen spendet.

Eine Frage, die sich viele stellen. Zwar werben Hilfswerke gern mit Slogans wie „Jeder Cent Ihrer Spende kommt an“, doch keine effizient arbeitende Organisation kommt völlig ohne Verwaltungskosten aus. Schließlich kosten schon Porto und Telefon Geld.

Kampf um die Spender

Aber auch Werbung ist für viele Organisationen unvermeidlich, wenn sie von dem Geld profitieren wollen, das die Deutschen jährlich spenden. Das sind immerhin über 2 Milliarden Euro allein für humanitär-karitative Zwecke, schätzt das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI).

Ohne Werbung haben viele Hilfswerke keinen Erfolg beim Kampf um Spendengelder. „Eine Umfrage unter den Mitgliedern des Deutschen Spenden­rates im vergangenen Jahr hat ergeben, dass insbesondere größere und in der Mittelbeschaffung professionell agierende Organisationen Spendenzu­wächse von bis zu 20 Prozent zu verzeichnen hatten. Kleinere Hilfswerke mussten dagegen unabhängig von ihrem Bekanntheitsgrad Spendenrückgänge von bis zu 50 Prozent hinnehmen“, berichtet Spendenrat-Geschäftsführer Bernd Beder.

Das kann Alfred Steenken nachvollziehen. „Meistens spende ich ja auch für Organisationen, die direkt an mich herantreten“, gibt er zu. Dennoch fragt er sich, ob Hilfswerke, die rein ehrenamtlich arbeiten und auf Werbung trotz allem verzichten, nicht effektiver arbeiten.

„Das kann man so grundsätzlich nicht sagen“, warnt DZI-Geschäftsführer Burkhard Wilke vor übereilten Schlüssen. Das DZI vergibt sein Siegel an Organisationen, die Spenden sparsam und verantwortungsvoll einsetzen (siehe „Stichwort DZI-Spenden-Siegel“).

Das DZI prüft dabei auch, wie hoch die Werbe- und Verwaltungskosten des Hilfswerks sind. „Eine Organisation, die 5 Prozent ihrer Einnahmen dafür ausgibt, arbeitet nicht zwangsläufig effektiver als eine mit 25 Prozent“, so Wilke. Extrem niedrige Kosten könnten auch darauf hinweisen, dass sich die Organisation nicht sorgfältig genug um die Verwendung der Mittel kümmert.

Auch hätten ehrenamtliche Initiativen zwar zumeist geringe Kosten, aber oft nicht das – teure – Expertenwissen, um mit einer Spende unter schwierigen Bedingungen effektiv zu arbeiten. Das DZI hält aus diesem Grund Werbe- und Verwaltungskosten von bis zu 35 Prozent der jährlichen Gesamtausgaben für vertretbar.

Verwaltungsintensive Patenschaft

Vergleichsweise hoch sind die Verwaltungskosten bei Organisationen, die in erster Linie persönliche Kinderpatenschaften im Rahmen regionaler Entwicklungsprojekte fördern, wie zum Beispiel Plan International oder World Vision. Bei ihnen machen die Verwaltungskosten bis zu einem Drittel der Gesamtausgaben aus.

Das liegt daran, dass diese Organisationen für ihre Spender einen vergleichsweise hohen Aufwand betreiben. So organisieren sie zum Beispiel Briefwechsel oder sogar Besuche zwischen Spender und Patenkind.

Doch die Kosten spielen hier für die Spender meist eine untergeordnete Rolle. „Wer eine Patenschaft übernimmt, möchte langfristig helfen und findet es schön zu wissen, was mit seinem Geld passiert“, sagt Karin Minarsch von World Vision.

So zum Beispiel René Reichelt: Der Berliner zahlt monatlich 30 Euro für den siebenjährigen Cristian aus Bolivien. Das Geld geht aber nicht direkt an die Familie des Jungen.

„Eine solche Einzelförderung würde keinen Sinn machen. Denn nur wenn das Umfeld weiter entwickelt wird, haben die Kinder eine Zukunftsperspektive in ihrer Region“, erklärt Minarsch.

Patenschaftsbeiträge fließen immer in ein regionales Entwicklungsprojekt. So werde sichergestellt, dass auch Kindern geholfen werden könne, die keinen „eigenen“ Paten haben. In Los Chacos, wo Cristian lebt, profitieren insgesamt 10 000 Menschen vom Projekt.

Die Spenden ermöglichen unter anderem gesundheitliche Betreuung, den Ausbau von Schulen und landwirtschaftliche Verbesserungsmaßnahmen.

Rücklagen für Soforthilfe

Unter den Spendern in Deutschland sind diejenigen, die wie René Reichelt langfristig für ein Entwicklungshilfe-projekt zahlen, in der Minderheit: Ihr Anteil lag 2003 laut Angaben des Spendenmonitors von TNS-Emnid, einer jährlichen repräsentativen Befragung zum Spendenverhalten, bei 15 Prozent. Die meisten (37 Prozent) geben ihr Geld für Soforthilfeprojekte in Kriegs- und Katastrophengebieten.

Die Hilfswerke legen für solche Einsätze allerdings bereits im Voraus Mittel zurück, damit sie im Notfall sofort und nicht erst nach Eingang der Gelder helfen können. Die Spenden dienen dann dazu, die Reserven wieder aufzufüllen.

„Daher ist übertriebene Dringlichkeit auch bei Katastrophen nicht geboten“, sagt Wilke. Wer allzu drängend auftrete, sei in vielen Fällen ein „Trittbrettfahrer“, der das Medieninteresse zur Erhöhung seiner Spendeneinnahmen ausnutzen wolle.

Rücklagen verhindern auch, dass bei Organisationen, die sehr knapp arbeiten, schon ein leichter Rückgang des Spendenvolumens Hilfsprojekte in existenzielle Gefahr bringt. Prinzipiell sind Hilfswerke aber dazu verpflichtet, zugegangene Spenden spätestens innerhalb des folgenden Jahres zu verwenden.

Mit sehr knappen Mitteln arbeiten vor allem kleinere Organisationen, die nur regional tätig sind. Ihnen Geld zu spenden, kann eine Alternative für diejenigen sein, die nicht wollen, dass ihre Spende im großen Topf einer internationalen Organisation landet.

Ob sie seriös arbeiten, davon müssen sich Spender allerdings selbst überzeugen, zum Beispiel mit einem Blick in den Jahresbericht. Die meisten kleinen Hilfswerke verzichten nämlich auf die DZI-Prüfung, da diese mindestens 500 Euro kostet.

Weniger ist mehr

Alfred Steenken will übrigens künftig seine 100 Euro, die er jährlich spendet, nur noch zwischen zwei Hilfswerken aufteilen. Denn das ist effektiver, als vielen Organisationen kleine Summen zu geben. Und er hofft: „Wenn die anderen mich nicht mehr als aktiven Spender führen, landet ja vielleicht auch weniger Werbung im Briefkasten.“

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