Ist mein Kind bereit für die Schule?

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Der künftige Erstklässler sollte einen Stift halten können. Überprüft wird das bei der sogenannten Schuleingangsuntersuchung.

Spätestens wenn der sechste Geburtstag des Kindes bevorsteht, müssen sich Eltern Gedanken über die Einschulung machen und seinen Entwicklungsstand überprüfen lassen: Ist das Kind wirklich schulreif? Hat es einen besonderen Förderbedarf? Ein Arzt, in der Regel der Schularzt, muss die Schulfähigkeit bestätigen. Was in der Schuleingangsuntersuchung genau getestet wird, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. Normalerweise achten die Schulpsychologen oder Kinderärzte aber auf die folgenden sieben Aspekte in der Entwicklung des Kindes.

1. Geistige Entwicklung

Bei der Schuleignungsuntersuchung wird weder schulisches Wissen abgefragt noch die Intelligenz eines Kindes getestet. „Wir schauen nicht, ob die Kinder schon lesen, schreiben oder rechnen können, sondern ob die Fähigkeiten vorhanden sind, die zum Erlernen schulischer Inhalte notwendig sind“, sagt die Schulpsychologin Helga Ulbricht, die die Staatliche Schulberatungsstelle München leitet (mehr dazu im Interview). Die Psychologen und Mediziner achten vielmehr darauf, ob das Kind sich Dinge merken und Farben, Symbole sowie Formen erkennen und benennen kann. Ein Kind ist nicht allein deshalb schulfähig, weil es schon seinen Namen schreiben oder bis 20 zählen kann. Eine bestimmte Abfolge von Symbolen und Worten lässt sich auch auswendig lernen und sagt nichts darüber aus, ob ein Kind verstanden hat, wie viel „vier Äpfel“ sind und dass unterschiedliche Buchstaben unterschiedlichen Lauten zugeordnet werden. Ebenso bedeutsam: Kann das Kind einfache Zusammenhänge erkennen oder auch Dinge sortieren und vergleichen? Ist ein Gegenstand größer oder kleiner als ein anderer? Dauert etwas länger oder kürzer? Befindet sich etwas oben oder unten?

2. Körperliche Entwicklung

Hier prüfen die Ärzte, ob ein Kind in körperlicher Hinsicht nicht zu stark von anderen Gleichaltrigen abweicht. Ein Schulkind ist in der Regel etwa 1,20 Meter groß. Abweichungen von etwa 11 Zentimeter plus oder minus sind im Rahmen. Beim Gewicht sind 21 Kilogramm typisch, vier Kilogramm mehr oder weniger sind unproblematisch.

3. Motorische Entwicklung

Von Interesse sind hier zwei Bereiche: Die Grob- und die Feinmotorik. Ein schulfähiges Kind kann balancieren, rückwärts laufen, einen Ball fangen und mit dem Fuß schießen oder einen Hampelmann machen. Von diesen grobmotorischen Fähigkeiten abgesehen, sollten Kinder auch fähig sein, kleinere, filigranere Bewegungen ausführen zu können. Sie sollten zum Beispiel einen Stift halten können, Linien nachzeichnen, etwas ausmalen und dabei die Außenlinien beachten oder sicher mit der Schere etwas ausschneiden können. Hapert es an der Feinmotorik, fällt das Schreibenlernen schwerer.

4. Sprachliche Kompetenzen

In der Schule funktioniert viel über mündliche Kommunikation. Schulkinder sollten daher fähig sein, deutlich zu sprechen, ganze Sätze zu bilden und Sachverhalte zusammenhängend wiedergeben zu können. Die Grammatik muss dabei nicht fehlerfrei sein. Wichtig ist, dass Kinder Laute und Wörter akustisch auseinanderhalten können. Denn diese Fähigkeit benötigen sie später zum Erlernen der Rechtschreibung.

5. Soziale Kompetenzen

In der Schule verbringen Kinder jeden Tag viele Stunden mit anderen Kindern. Sie müssen gemeinsam lernen, Aufgaben lösen, und können in den Pausen miteinander spielen. In der Schuleingangsuntersuchung wird daher abgefragt, wie sich Ihr Kind bisher im Umgang mit anderen Kindern verhalten hat. Kann es Kontakt zu anderen Kindern aufnehmen, sich angemessen mit ihnen unterhalten oder spielen? Wenn es zu Streit mit einem anderen Kind kommt: Wird dieser mit Worten statt mit Händen und Füßen ausgefochten? Weiterhin sollten die Kinder auch eine gewisse Selbstständigkeit entwickelt haben, also alleine die Schulsachen transportieren, sich ohne Hilfe umziehen oder nach kurzer Anleitung Aufgaben übernehmen können. Und nicht zuletzt erfordert der Schulalltag auch die Einhaltung von Regeln und ein gewisses Maß an Ordnung.

6. Emotionale Entwicklung

Ein Kind kann noch so lernfreudig und schlau sein: Wenn es emotional noch nicht weit genug ist, ist es vielleicht zu früh für die Schule. Ein Schulkind sollte sich morgens ohne Probleme von seinen Eltern lösen, mit Rückschlägen und Enttäuschungen ohne große Ausbrüche umgehen und eigene Bedürfnisse aufschieben können. Es sollte zudem genügend Vertrauen in eigene Fähigkeiten sowie keine übermäßige Angst vor der neuen Einrichtung, anderen Kindern und Erwachsenen haben. All das hat auch Einfluss darauf, wie gut und erfolgreich ein Kind in der Schule lernen kann.

7. Motivation

Die meisten Kinder freuen sich auf die Schule und wollen von sich aus lernen. Diese Neugier und „intrinsische Motivation“ (eigener Antrieb) sind günstige Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulstart. Wenn dazu noch ein gewisses Maß an Ausdauer, Anstrengungsbereitschaft und Konzentrationsfähigkeit kommt, ist das Kind bereit für die Schule.

Der Gesamteindruck ist ausschlaggebend

Nicht in allen Bereichen müssen die Kinder besonders weit fortgeschritten oder perfekt entwickelt sein. Sie sollten aber zumindest soweit sein, dass sie im Schulalltag zurechtkommen. Ist ein Kind in einem oder mehreren Bereichen noch nicht reif genug, heißt das aber nicht automatisch, dass es zurückgestellt werden muss. Manche der Fähigkeiten entwickeln und festigen sich erst in der Schule vollständig. Wie ausgeprägt die Eigenschaften eines Kindes in den jeweiligen Bereichen sein müssen, lässt sich nicht quantifizieren. Ob ein Kind als schulfähig eingestuft wird, hängt vom Gesamteindruck ab.

Vorzeitig in die Schule?

Ist ein Kind vor dem regulären Einschulungsalter schon sehr wissbegierig und geistig weit entwickelt, denken Eltern oft über eine vorzeitige Einschulung nach. Oft handelt es sich um Kinder mit älteren Geschwistern oder solche, die schon frühzeitig in den Kindergarten kamen. Sie haben mitunter schon viel Wissen aufgesogen und teilweise ausreichend Fähigkeiten, um im Schulalltag zu bestehen. Die Vorteile sind klar: Die Kinder werden rechtzeitig intellektuell angemessen gefördert und gefordert.

„Gerade bei begabten Kindern sind das oft Gratwanderungen“

Wer eine vorzeitige Einschulung ernsthaft in Betracht zieht, muss vorab mit seinem Kind zu einer Schuleignungsuntersuchung. Ein Kinderarzt oder Schulpsychologe klärt dabei ab, ob das Kind wirklich für die Schule bereit ist. „Gerade bei begabten Kindern sind das oft Gratwanderungen“, sagt die Schulpsychologin und ehemalige Lehrerin Helga Ulbricht aus München. Sie habe schon Kinder erlebt, die sich wie Drittklässler ausdrücken konnten, aber ein enormes Bedürfnis nach Sicherheit hatten, die Mutter gar nicht loslassen konnten oder in Tobsuchtanfälle ausbrachen, wenn etwas nicht nach ihrer Vorstellung verlief. „Geistig sind die Kinder natürlich bereit für die Schule, aber emotional oder sozial noch nicht“, sagt die Schulpsychologin. Hier komme es dann darauf an, ob die Schule das abfedern könne und eine Einschulung somit trotzdem möglich wäre.

Den Schulranzen sollte das Kind alleine tragen können

Bedenken bei Eltern sind außerdem angebracht, wenn das eigene Kind noch sehr „kindlich“ wirkt, nach dem Kindergarten meist erschöpft ist, noch immer regelmäßig Mittagsschlaf benötigt und anfällig für ansteckende Infekte ist, aber auch, wenn es den Schulranzen kaum alleine tragen kann. Dann sollten Eltern von einer vorzeitigen Einschulung absehen, rät Schulpsychologe Leonard Liese, Leiter des Schulpsychologischen Dienstes des Rheinisch-Bergischen Kreises. Wer sich unsicher ist, sollte vorab das Gespräch mit Kinderarzt oder Kita-Erziehern suchen. Diese kennen das Kind ebenfalls schon lange und können aus ihrer Erfahrung heraus eine erste Einschätzung abgeben, ob das Kind schon so weit ist.

Dem Kind genügend Zeit geben

Nicht alle Kinder im offiziellen Einschulungsalter sind schon reif genug für den Schulalltag. In einigen Bundesländern können sie in diesem Fall zurückgestellt werden. Oder sie verbringen mehr Zeit in der Schuleingangsphase. „Die Einschulung bei begründeten Zweifeln an der Schulreife um ein Jahr zu verschieben, kann dem Kind genügend Zeit geben, in bestimmten Bereichen nachzureifen“, erklärt die Schulpsychologin Anja Niebuhr aus Düsseldorf. Manche Kinder bräuchten für wichtige Entwicklungsschritte nun mal länger, andere hätten medizinische Probleme, die erst einmal behandelt werden müssten.

Probleme gezielt angehen

Gibt es spezielle Defizite wie Sprachprobleme, Bewegungsstörungen, oder Verhaltensauffälligkeiten, sollten Eltern aktiv werden und diese angehen. Sie können das Kind in dem zusätzlichen Jahr bis zur Einschulung gezielt fördern. Die Ärzte oder Psychologen der Schuleingangsuntersuchung können konkrete Angaben dazu machen, in welchen Bereichen das Kind Nachholbedarf hat und welche Maßnahmen dann ratsam sind. Manche Fertigkeiten können die Eltern selbst mit den Kindern üben, in anderen Fällen kann professionelle Unterstützung nötig sein:

  • Ausgeprägte Sprachprobleme. Hier empfiehlt sich zunächst eine genauere Untersuchung durch den Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Womöglich handelt es sich um ein organisches Problem. Kann dies ausgeschlossen werden, ist ein Besuch beim Logopäden ratsam.
  • Große Unsicherheit in der Motorik. Diese kann mithilfe von Physio- oder Ergotherapie behoben werden.
  • Starke Konzentrationsprobleme und Hyperaktivität. Auch dies sollten Eltern untersuchen lassen – am besten von einem Psychologen oder Kinderarzt. Dahinter muss nicht immer etwas Schwerwiegendes wie das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) stecken. Die Unruhe kann auch organische Ursachen haben oder schlicht zeigen, dass das Kind noch nicht reif genug für die Schule ist.

Förderschulen und inklusive Schulen

Mitunter wird bei der Schuleingangsuntersuchung auch klar, dass das Kind sonderpädagogischen Förderbedarf hat. Eltern können dann je nach Bundesland wählen: Soll das Kind auf eine inklusive oder eine Förderschule gehen? In den Bundesländern Baden-Württemberg, Brandenburg, Bremen und Nordrhein-Westfalen ist eine Zurückstellung nicht mehr möglich. Ist das Kind zum Stichtag sechs Jahre alt, muss es eingeschult werden, erhält dann aber eine schulische Förderung oder nimmt am jahrgangsübergreifenden Lernen teil. Wo zurückgestellt werden kann, ist dies in der Regel nur einmal möglich, in Ausnahmefällen auch ein zweites Mal, etwa wenn das Kind wegen einer schweren Krankheit nicht zur Schule gehen könnte.

Die Bedeutung der U 9

Die Früherkennungsuntersuchung U 9 ist für Kinder im Alter zwischen 60 und 64 Monaten vorgesehen. Sie kann als große Untersuchung kurz vor Schulbeginn die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung ergänzen. In Bayern verlangen die Behörden bei der Schuleingangsuntersuchung von den Eltern einen Nachweis, dass das Kind an der U 9 teilgenommen hat. Ansonsten muss es dort noch einmal von einem Schularzt untersucht werden – körperlich und in Bezug auf seinen Entwicklungsstand. Bei der U 9 kontrolliert der Arzt alle Organe des Kindes, Urin und Blutdruck. Weitere Untersuchungen: Seh- und Hörvermögen, Beweglichkeit, Geschicklichkeit, Sprachentwicklung. Der Arzt befasst sich auch mit dem sozialen Verhalten, befragt das Kind nach Interessen und prüft das Verständnis für Zusammenhänge. Seit dem 1. September 2016 sollen Kinderärzte verstärkt auf mögliche psychische Probleme und soziale Konflikte in der Familie achten. Auch das dazugehörige Dokumentationsheftchen, das „Gelbe Heft“, wurde in diesem Zusammenhang überarbeitet (siehe Meldung Neue Regeln für U1 bis U9).

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