Wenn ein Sportschuh 100 Euro kostet, bekommen die, die ihn produzieren, zum Teil nicht einmal 50 Cent. Im Wettlauf um Marktanteile und Gewinne bleibt Fairness oft auf der Strecke.

Das Schicksal der Arbeiterin Ngadinah Binti Abu Mawardi aus Indonesien bewegte weltweit viele Menschen: Die junge Frau wurde im April 2001 inhaftiert. Sie hatte an einem Streik für bessere Arbeitsbedingungen in der Schuhfabrik Panarub teilgenommen und öffentlich über Versuche der Einschüchterung gesprochen. Weil in Panarub Schuhe für adidas-Salomon produziert werden, starteten Arbeitsrechtsorganisationen wie die Kampagne für „Saubere Kleidung“ eine Protestaktion gegen adidas. Nach vier Wochen kam Ngadinah frei und konnte in die Fabrik zurückkehren. Die Situation dort sei heute besser, berichtet die Kampagne, aber noch immer gebe es Probleme mit niedrigen Löhnen und Kurzzeitverträgen.

Die Kampagne – ein Bündnis aus über 200 Gewerkschafts-, Kirchen- und Dritte-Welt-Initiativen – kritisiert, dass adidas & Co. einerseits Millionen in ihr Image als Sportmarke investieren, aber andererseits Arbeitsbedingungen akzeptieren, die alles andere als fair sind. Aktuelle Beispiele: In Mexiko kämpfen Arbeiter einer Fabrik, die für Puma produzierte, für ihr Recht, eine Gewerkschaft zu gründen. In Indonesien verloren Tausende Arbeiter ihr Einkommen, weil Nike keine Aufträge mehr vergab und die Fabrik schließen musste.

Produktion in arme Länder verlagert

Wenn eine Fabrik schließt, sind die Konzerne juristisch gesehen fein raus. Denn sie sind meist nicht selbst die Arbeitgeber, sondern nur Auftraggeber der Fabrikbesitzer. Kurzfristige Lieferverträge sind üblich in der Branche. Nur wenige Fabriken gehören den Konzernen. So können sie schnell und flexibel die Produktion verlagern. Dorthin, wo sie besonders billig ist. Hauptsächlich nach China, Indonesien, Indien, Vietnam, Brasilien. In China zahlen die Zulieferbetriebe umgerechnet oft nur rund 13 Cent pro Stunde, wenn das gesetzliche Minium etwa 33 Cent beträgt.

Eine Familie von den Niedriglöhnen zu ernähren, ist schwierig: So berichtet uns Gloria Valverde*, die in El Salvador Arbeiterinnen aus Sportbekleidungsfabriken betreut, dass die Frauen oft nicht einmal ein Drittel von dem Geld verdienen, was eine Familie tatsächlich zum Leben benötigt. Dennoch seien sie froh, in einem Land, in dem rund 40 Prozent der Bevölkerung in Armut leben, wenigstens diese Arbeit zu haben. Gloria Valverde*: „Wir sind nicht gegen diese Fabriken, aber wir sind gegen die unfairen Arbeitsbedingungen. Die großen internationalen Unternehmen müssen ihren Teil der Verantwortung für die Arbeiterinnen übernehmen, denn sie erzielen ihre Gewinne mit der Arbeit der Frauen.“

Erste Ethikchecks

Wie Unternehmen ihre soziale Verantwortung wahrnehmen, interessiert immer mehr Verbraucher. Es ist daher wichtig, dass auch Verbraucherorganisationen wie die Stiftung Warentest diesen Fragen nachgehen, was wir für die Zukunft planen. Doch wie schwierig es ist, Informationen zu erhalten, zeigt jetzt ein erster Check der Unternehmensethik von Sportschuhanbietern für unsere Partnerorganisation Verbruikersunie aus Belgien. Die Befragung von Unternehmen und Betroffenengruppen ergab, dass nur wenige Sportschuhanbieter Informationen über Arbeitsbedingungen bereitstellen. Keine oder kaum verwertbare Informationen waren von asics, Brooks, Fila und Saucony zu erhalten. Was nicht heißt, dass deren Arbeitsbedingungen fair sind: Zum Teil gibt es kritische Berichte von Arbeitsrechtsorganisationen. Zudem beliefern Fabriken, die für die Großen produzieren, oft auch Kleinere.

Große Anbieter wie adidas-Salomon und Nike bekennen sich mittlerweile allerdings dazu, dass sie auch eine Verantwortung für die Arbeiter in den armen Ländern haben, auch wenn sie nicht die direkten Arbeitgeber sind – eine Verbesserung, die auch Kritiker anerkennen. Sie verpflichten sich selbst zu so genannten Verhaltenskodices, die Mindeststandards der Internationalen Arbeitsrechtsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) zugrunde legen. Dazu gehören zum Beispiel das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit, das Recht der Gewerkschaftsfreiheit, die Limitierung der Arbeitszeit und die Zahlung von Mindestlöhnen. Doch das Rechercheteam der Belgier hatte auch mit Nike Probleme: Weil derzeit in den USA ein Gerichtsprozess läuft, in dem es um Aussagen von Nike zu Produktionsbedingungen geht, hat Nike den zugesandten Fragebogen nicht beantwortet. Immerhin: Die Unternehmensberichte enthielten umfangreiche Informationen.

Berichte zeigen Verstöße

Weiteres Problem: Die in den Unternehmensberichten formulierten Ziele stehen im Widerspruch zur Tendenz der Branche, die Schuhe in Ländern mit niedrigem Lohnniveau produzieren zu lassen. Die Realität der Arbeitswelt in diesen Ländern ist oft hart. Deshalb ist es besonders wichtig, in den Fabriken vor Ort zu kontrollieren, ob die Standards auch wirklich eingehalten werden.

Die großen Sportschuhanbieter führen eigene Kontrollen durch und berichten darüber. Das ist einerseits ein Fortschritt gegenüber den Firmen, die weder Kontrollen durchführen noch darüber berichten. Andererseits zeigen die Berichte aber auch, dass es Verstöße gegen die selbst formulierten Standards gibt. So sind dem Sozial- und Umweltbericht 2001 von adidas-Salomon zum Beispiel folgende, von Kontrolleuren aufgedeckte Probleme zu entnehmen: unfreiwillige Überstunden, zu wenig Überstundengeld, unzulässige Disziplinarverfahren, Missachtung der Arbeitsstundenbegrenzung für Jugendliche unter 18 Jahren.

Unabhängige Kontrollen gefordert

Ausschließlich eigene Kontrollen reichen aber nicht aus, wenn immer wieder kritische Stimmen laut werden. Deshalb sind auch unabhängige Kontrollen wichtig. Um ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen, sind adidas-Salomon, Nike und Reebok Mitglied in der Fair Labour Association (FLA), einer Organisation, zu der auch Universitäten und Nichtregierungsorganisationen gehören. Sie führt ebenfalls Kontrollen in den Zuliefererbetrieben durch. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings kritisiert die Kampagne für „Saubere Kleidung“, dass unabhängige, lokale Gruppen dabei zu wenig beteiligt werden. Weiterer Kritikpunkt: Die FLA verlagere die Verantwortung vor allem auf die Zulieferer. Doch die haben nur wenig Spielraum, wenn die Konzerne kurzfristig Aufträge erteilen und nur geringe Stückpreise zahlen.

Erste Pläne für bessere Löhne

Für das häufig kritisierte Problem der niedrigen, oft nicht existenzsichernden Löhne setzt zumindest ein Umdenken ein. Bisher verpflichteten Nike, adidas-Salomon und Reebok ihre Zulieferer meist nur zur Zahlung von gesetzlichen Mindestlöhnen oder zu branchenüblichen Löhnen. Jetzt arbeitet adidas-Salomon daran, Standards für faire, existenzsichernde Löhne, etwa in Indonesien, zu entwickeln. Bisher ist das nur eine Studie und die Löhne sind oft noch gering. Doch dass sich die Konzerne bewegen können, zeigt das Beispiel von Ngadinah. Als sie verhaftet wurde und die Öffentlichkeit empört reagierte, setzte sich auch adidas-Salomon für ihre Freilassung und die Rückkehr an ihren Arbeitsplatz ein.

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