Soziale Netz­werke Meldung

Noch erkennt Facebook nur wenige Bilder von Benutzern auto­matisch. Aber das System läuft jetzt auch in Deutsch­land, und es lernt Tag für Tag dazu. Facebook sieht das als Verbesserung der Bedienung. Daten­schützer sind entsetzt. Das soziale Netz­werk könnte bald einen großen Teil aller Internetnutzer auto­matisch erkennen.

Entsetzen bei Daten­schützern

Wirk­lich neu ist das nicht: Spezielle Computer­programme können Fotos vergleichen und mit hoher Treff­sicherheit erkennen, wenn auf zwei Fotos dieselbe Person ist. Bild­ver­arbeitungs­programme wie Picasa, iPhoto oder Photo­shop Elements bieten die Funk­tion bereits - allerdings nur offline und für die eigenen Foto­samm­lung. Für die Daten­schützer ist die Speicherung von solchen biome­trischen Daten der Horror. Mit ihnen und mit Bildern von Über­wachungs­kameras können Personen auto­matisch erkannt und umfang­reiche Bewegungs­profile angelegt werden.

Jetzt auch in Deutsch­land

Facebook nutzt die Gesichts­erkennung seit Ende vergangenen Jahres in den USA und seit einigen Tagen auch in Deutsch­land. „Wir haben die Funk­tion Markierungs­vorschläge für Fotos einge­führt, um den Menschen zu helfen, Markierungen ihrer Freunde auf Fotos hinzuzufügen“, erklärte eine Facebook-Sprecherin. So funk­tionierts: Wenn Facebook-Benutzer neue Fotos hoch­laden, unter­suchen die Rechner des sozialen Netz­werks die Dateien und versuchen heraus­zufinden, ob Facebook-Freunde des Benutzer darauf sind. Dazu werten sie Bild­dateien aus, die bei Facebook bereits abge­speichert und mit Informationen versehen sind. Bei ausreichend hoher Ähnlich­keit schlägt das System vor, die Datei mit dem Namen des Freundes zu markieren.

Auto­matisch Erkennung möglich

Derzeit markieren Nutzer nach Angaben von Facebook Fotos schon mehr als 100 Millionen Mal am Tag. Mit anderen Worten: Das soziale Netz­werk mit seinen 600 Millionen Nutzern kann einen zunehmend großen Teil der Internetnutzer welt­weit auto­matisch erkennen. Tech­nisch ist dann ohne weitere möglich, dass Computer anhand der Facebook-Daten die Bilder von Über­wachungs­kameras auswerten und sofort Name, Adresse und sonst verfügbare Daten von Passanten auf den Bild­schirm liefern. Die Daten solcher Gesichts­erkennungen lassen sich schließ­lich zu gewaltigen Bewegungs­profilen verknüpfen.

Abschaltung unmöglich

Viele Berichte zur Facebook-Gesichts­erkennung suggerieren: Die Funk­tion lässt sich deaktivieren. Bei einer renommierten Tages­zeitung etwa heißt es: „So lässt sich die auto­matische Gesichts­erkennung abschalten: Unter -> Privatsphäre-Einstel­lungen -> Benutzerde­finierte Einstellung beim Punkt -> Freunden Fotos von mir vorschlagen auf -> Einstel­lungen bearbeiten klicken. Dort ist stan­dard­mäßig „Akti­viert“ ausgewählt. Wird die Funk­tion auf „Gesperrt“ gesetzt, ist die Gesichts­erkennung abge­schaltet.“ Der beschriebene Weg ist korrekt, aber die Bewertung geht viel zu weit: Laut Facebook unterbleibt nur der Vorschlag des Namens zum Bild. Die Gesichts­erkennung als solche läuft offen­bar weiter. Etwas mehr Daten­schutz bringt nur die tief im Facebook-Hilfe­system verborgene und kaum verständliche Anleitung zum Löschen der Informationen für Markierungsvorschläge. Das betrifft jedoch nur die Daten zu selbst hoch­geladenen Bildern. Wenn andere Facebook-Benutzer Bilder einstellen und Informationen dazu abspeichern, können Betroffene selbst nichts unternehmen. Ihnen bleibt nur, den anderen Facebook-Nutzer um Löschung zu bitten.

Irisches Recht

Nach deutschem Recht ist klar: Die Speicherung und Nutzung von biome­trischen Daten ist nur zulässig, wenn Betroffene ausdrück­lich einge­willigt haben oder wenn sie gesetzlich genau geregelt ist. Nach Ansicht von Facebook gelten allerdings nicht die deutschen, sondern die irischen Regeln. „Man muss sehen, dass unser Einfluss da begrenzt ist“, beklagte der Hamburger Daten­schützer Johannes Caspar gegen­über der Süddeutschen Zeitung. Die deutschen Behörden seien zwar zuständig, müssen aber möglicher­weise irisches Recht anwenden.

Mehr zu sozialen Netz­werken: Facebook schaltet unbemerkt Freunde ab

[Update 14.06.2011] Klar ist auch: Die gleiche Technik könnte Facebook auch im Dienste des Daten­schutz nutzen, um auf Wunsch eines Benutzers alle beim sozialen Netz­werk einge­stellten Bilder von ihm zu verpixeln. Darauf hat Carsten Spille hingewiesen, Redak­teur bei PC Games und Hard­ware. Allerdings: Wirk­lich sicher sind Facebook-Nutzer vor der Gesichts­erkennung erst, wenn das soziale Netz­werk auch die aus Bildern gewonnenen Daten zur Gesichts­erkennung wie dem Verhältnis der Abstände und Größen von Mund, Augen, Nase und Kinn wieder löscht.

[Update 11.11.2011] Der Hamburgische Daten­schutz­beauftragte Johannes Caspar bereitet jetzt Sanktionen gegen Facebook vor. Nach seiner Ansicht ist das Einverständnis jeden einzelnen Nutzers notwendig, um anhand von Bild­dateien und Nutzer­eingaben Daten für die Gesichts­erkennung zu erheben und zu speichern. Er begründet sein Vorgehen in einer Pressemitteilung.

[Update 24.09.2012] Auf Druck deutscher und irischer Behörden will Facebook alle bisher gesammelten biome­trischen Daten löschen.

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