Interview: „Bräune ist ein Hilfeschrei der Haut”

In der Werbung werden oft gesundheitliche Vorteile der künstlichen Sonnenstrahlung besonders herausgestellt. Ist maßvolles Bräunen im Solarium also vorteilhaft für die Gesundheit?

Mehr als den Bräunungseffekt darf man von Solarien nicht erwarten. So ist die manchmal versprochene Stärkung der Immunabwehr bislang nicht nachgewiesen worden. Es gibt vielmehr deutliche Hinweise darauf, dass UV-Strahlung das Immunsystem schwächt.

Oft wird auch behauptet, dass im Solarium die Vitamin-D-Bildung gefördert und damit der Rachitis vorgebeugt wird. Das passiert nur in ganz geringem Maße – übrigens durch die UVB-Anteile in den Strahlern. Wer Gesicht und Handrücken jeden Tag 15 Minuten dem Tageslicht aussetzt und sich gesund ernährt, ist ausreichend vor Vitamin-D-Mangel geschützt. Dazu ist ein Solarium nicht nötig.

Sind die Strahlen im Sonnenstudio harmloser als natürliche Sonnenstrahlen?

Keinesfalls. Bei einer Bräunung durch Solarien können die gleichen akuten und chronischen Strahlenwirkungen auftreten wie bei der Bräunung durch die Sonne.

Welche gesundheitlichen Nachteile sind zu befürchten?

Die Hautalterung tritt vorzeitig ein. Das Bindegewebe wird schwächer. Vor allem aber können häufige und starke Bestrahlungen das Erbgut schädigen, da das hauteigene Reparatursystem überfordert wird. Irgendwann kann das erwiesenermaßen zum Hautkrebs führen.

Kann man im Solarium wirkungsvoll vorbräunen und ist dann besser gegen die natürliche Sonne gewappnet?

Das funktioniert nicht. Das von den Kunstbräunern abgegebene Strahlenspektrum reicht nicht aus, um die zum Schutz der Haut notwendige Lichtschwiele aufzubauen. Die bildet sich nur unter Bestrahlung mit Ultraviolett-B-Strahlen, und dieser Strahlenanteil ist im Solarium nur in ganz geringem Maße vorhanden.

Dürfen Menschen zum Schutz vor Sonnenallergie ins Solarium?

Sie sollten unbedingt darauf verzichten. Hier muss der Hautarzt erst einmal testen, auf welchen Strahlenanteil überempfindlich reagiert wird. Unter therapeutischer Aufsicht können dann gezielte Bestrahlungen durchgeführt werden. Viele Menschen verstehen unter der Sonnenallergie die phototoxischen und photoallergischen Reaktionen, die insbesondere durch die UVA-Strahlung in den Solarien auftreten können.

Gibt es Krankheiten, die gut auf die Strahlen im Solarium ansprechen?

Menschen mit Schuppenflechte oder Neurodermitis erfahren oft eine Besserung der Symptome. Auch hier sollte die Bestrahlung jedoch unter ärztlicher Begleitung stattfinden.

Ab wann dürfen Kinder auf der Sonnenbank bräunen?

Die jugendliche Haut muss besonders vor zu viel ultravioletter Strahlung geschützt werden. Das gilt an der frischen Luft genauso wie im Solarium. Denn Kinder reagieren noch weitaus empfindlicher als Erwachsene auf die Strahlen. Vor dem 18. Geburtstag gehört niemand ins Sonnenstudio.

Wer sollte außerdem auf die Bestrahlung im Sonnenstudio verzichten?

Sehr empfindliche Menschen, die man dem Hauttyp I zurechnet, oder solche, die viele Pigmentmale aufweisen. Sie gehören genauso wenig auf die Sonnenbank wie die, die schon mal Hautkrebs hatten.

Generell: Wie oft sollte man höchstens ins Solarium gehen?

Hier gilt die von der Strahlenschutzkommission empfohlene Faustregel: Mehr als 50 Sonnenbäder pro Jahr sollten es nicht sein, wobei Solarium und natürliche Sonne zusammen gemeint sind. Ein Sonnenbrand ist dabei unbedingt zu vermeiden.

Wie stehen Sie als Hautarzt generell zur Bräunung?

Man darf nicht vergessen: Bräune ist ein Hilfeschrei der Haut, mit dem sie sich bemüht, das Erbgut vor Schäden zu schützen. Gegen eine leichte, zarte Bräunung ist nichts einzuwenden.

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