Die Brems­versuche offen­baren große Unterschiede auf nasser Bahn.

Ein guter Reifen darf in keiner Situation Schwächen zeigen. Im Test schafft das kaum mehr als jedes dritte Modell.

Mal reiben sie sich schnell ab, mal kommen sie ins Rutschen, mal nicht zum Stehen. Der Test belegt die Krux beim Reifenbau: Wird eine Eigenschaft verbessert, verschlechtert sich häufig eine andere. Vielen Reifen mangelt es an Ausgewogenheit. Das zeigt sich besonders auf nasser Piste, vier Modelle fallen hier durch.

„Alleskönner gibt es nicht“, hieß es schon 1975 in unserem ersten Test der damals neuartigen Stahlgürtelreifen. Rundum gute Modelle sind auch heute nicht leicht zu finden. Die müssen auf nassen und trockenen Straßen sicher rollen, wenig Sprit verbrauchen, hohes Tempo über­stehen und lange halten. Ein Spagat, an dem etliche Pneus scheitern. Im Gemein­schafts­test mit dem ADAC und mehreren europäischen Part­ner­organisationen haben wir Reifen für Kleinwagen sowie für Kompakt- und Mittel­klassewagen geprüft. 20 der 33 Modelle offen­baren Schwächen.

Die Sieger beider Klassen

Es gibt sie aber, die Reifen, die alle Prüfungen meistern. Good­years Efficient Grip Performance erobert die Polepos­ition in der Kompakt- und Mittel­klasse. Er sticht die Konkurrenten haarscharf auf nasser Bahn aus. Das Feld der Kleinen führt der verschleiß­feste Conti Ecocontact 5 an.

Schlechtester rollt 12 Meter weiter

Bei Nässe sind die Unterschiede enorm. Die besten Pneus der Kompakt- und Mittel­klasse brauchen auf Asphalt etwa 35 Meter, bis sie von Tempo 80 zum Stehen kommen. Der Verlierer, Federal Formoza FD2, stoppt das Auto rund 12 Meter später – etwa drei Fahr­zeuglängen. Aufs Tempo umge­rechnet heißt das: Macht der Fahrer eines Mittel­klassewagens mit Conti- oder Pirelli-Reifen eine Voll­bremsung, würde ihm das zeitgleich bremsende Auto auf Federals mit etwa 40 Stundenkilo­metern ins Heck knallen.

Auch etliche der kleineren Modelle zeigen auf nasser Straße Schwächen. Drei preisgüns­tige versagen ganz: Debica Passio 2, Kormoran Impulser b2 und Kleber Dynaxer HP3. Sie bremsen deutlich schlechter als die Guten und fangen in Kurven schneller an zu „schwimmen“ – zum Teil schon bei 80 Stundenkilo­metern. Einzig Hankooks Kinergy Eco K425 über­zeugt auf Nässe durchweg. Selbst in der heiklen Aquaplaning-Prüfung gerät er nicht ins Schlittern.

„Wie ein Spinnennetz“

Trotz der Ausrutscher schneiden mehrere Mittel­klassenmodelle bei Nässe besser ab als in den Vorjahren. Möglicher­weise ist das ein Verdienst des Reifenlabels, das seit Ende 2012 Pflicht ist. Es stuft neben dem Sprit­verbrauch und der Laut­stärke auch den Nass­griff ein.

Die erfreuliche Entwick­lung scheint bei einigen Prüf­lingen zulasten der Verschleiß­festig­keit zu gehen. Sie wird auf dem Label nicht ange­zeigt – und hat im Vergleich zu den Mess­werten früherer Tests teil­weise abge­nommen. „Bei der Reifen­herstellung ist es wie bei einem Spinnennetz: Zieht man an einem Faden, verschieben sich auch alle anderen“, sagt ein Tester. „Um bei Nässe gut zu haften, braucht man eher weiches Gummi. Weichere Reifen reiben sich aber schneller ab.“

Bei Nässe top, beim Verschleiß Flop

Lenkmanöver, Spur­wechsel, Voll­bremsungen. Die Prüfer protokollieren Auffälligkeiten jeder Test­fahrt.

Vor allem bei der Mittel­klassengröße gelingt nicht allen der Kompromiss zwischen Lang­lebig­keit und guter Nass­haftung. Den Konflikt verdeutlicht besonders Contis Premiumcontact 5. Er erzielt auf nasser Bahn mit das beste Ergebnis. Beim Verschleiß schneidet er aber als einer der schlechtesten ab und büßt dadurch ein gutes Gesamt­urteil ein. Im Vergleich zum sehr halt­baren Michelin Energy Saver schafft der Conti nur gut die Hälfte der Strecke, bis sich sein Profil abge­schmirgelt hat. Beim Michelin ist es anders­herum: Sein Gummi­profil lebt länger als alle anderen, dafür läuft und bremst er bei Nässe nur mittel­mäßig.

Dass eine Balance möglich ist, beweist das Continental-Modell für Kleinwagen. Den Testbedingungen entsprechend würde der Conti Ecocontact 5 knapp neun Jahre durch­halten – fast drei Jahre länger als einige seiner Rivalen. Trotzdem bereiten ihm verregnete Straßen kaum Probleme. Den vergleichs­weise stolzen Preis von etwa 248 Euro je Reifen­satz macht der Conti durch seine Lang­lebig­keit wett.

Tipp: Warten Sie nicht, bis sich Ihre Reifen bis zur Mindest­profiltiefe von 1,6 Milli­meter abge­nutzt haben. Sicherer ist es, sie spätestens bei 3 Milli­meter Rest­profil auszutauschen. Verschlissene Gummis bremsen schlechter, rutschen früher und fahren sich schwammiger als intakte.

Schlechte reagieren leicht verzögert

Im Hoch­geschwindig­keits­parcours müssen die Reifen stabil und sicher laufen.

Auch auf trockener Straße ist Sicherheit das Wichtigste. Voll­bremsungen, rasante Spur­wechsel, enge Kurven, Lenkmanöver bei Tempo 150 – so prüfen die Fahr­profis, wie sich ein Reifen in Grenz­situationen verhält. „Gerade im Ernst­fall sollte der Fahrer nicht von seinem Reifen über­rascht werden“, sagt Projektleiter Henry Görlitz.

Schlechte Reifen reagieren verzögert. Oft lenken Fahrer dann zu viel. Das kann gefähr­lich werden. „Vor allem in einer brenz­ligen Lage, etwa bei der engen Auto­bahn­baustelle, hat man mit einem schlechten Reifen ein ungutes Gefühl in der Magen­gegend“, weiß Görlitz aus eigener Erfahrung. Ein solches Gefühl erzeugt zum Beispiel der Federal Formoza FD2.

Der Groß­teil der Reifen meistert die Manöver jedoch mühelos. Spitzen­werte in der Mittel­klasse erreichen etwa die Modelle von Hankook, Pirelli und Vrede­stein.

„Grünes“ Lippenbekennt­nis

Mehrere Hersteller schmü­cken ihre Reifen mit Namen, die besonders spritsparende und umwelt­freundliche Eigenschaften verheißen, wie etwa „Eco“, „Efficient“ oder „Energy Saver“. Für solche Bezeichnungen existieren keinerlei Stan­dards. Bei den Kleinwa­genreifen Good­year Efficient und Ecopia von Bridge­stone sind die Beinamen über­trieben. Die Reifen zählen weder zu den spar­samsten, noch glänzen sie durch eine besonders hohe Lebens­dauer.

Michelins Energy Saver hält hingegen, was er verspricht. Er erweist sich beim Verschleiß und beim Sprit­verbrauch als unschlagbar. Zum Vergleich: Die Schlechtesten fressen rund 4 Prozent mehr Kraft­stoff als er. Bei einem Fahrer, der mit den Sommerreifen durch­schnitt­lich 7 500 Kilo­meter im Jahr fährt, steigt so die Tank­rechnung um etwa 20 bis 30 Euro.

Tipp: Um sicher zu fahren und Geld zu sparen, empfiehlt es sich, regel­mäßig den Reifen­druck zu prüfen. Ist er zu nied­rig, erhöht sich der Roll­widerstand. Das steigert den Sprit­verbrauch und verkürzt die Lebens­dauer des Reifens drastisch.

Vergleichen Sie die Preise. Der teuerste Reifen­satz, ermittelt aus unserer Stich­probe von 100 Händ­lern, des Mittel­klassensiegers Good­year Efficient Grip Performance kostet 312 Euro mehr als der güns­tigste.

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