Singlebörse Parship Meldung

Die Singlebörse Parship macht bei Kunden, die eine kosten­pflichtige Mitgliedschaft widerrufen, ordentlich Kasse. Bis zu 75 Prozent des vollen Mitglieds­beitrags sollen sie als sogenannten Wert­ersatz zahlen. So verlangt Parship von einem Mann aus Münster 393 Euro. Er hatte seine Mitgliedschaft nach 14 Tagen widerrufen. Die Praxis von Parship ist sehr umstritten: Im Oktober 2016 hat sie das Amts­gericht Hamburg für rechts­widrig erklärt. Betroffene haben derzeit gute Chancen, mit Erfolg gegen die hohen Rechnungen zu klagen.

Das Wichtigste in Kürze

Problem. Wer Parship nur kurz nutzt und dann seine Premium-Mitgliedschaft widerruft, soll einen Groß­teil des Mitglieds­beitrags als „Wert­ersatz“ zahlen. Ein paar Chats mit Singles können mehrere hundert Euro kosten. Die Forderungen von Parship sind recht­lich fragwürdig.

Klage. Die Forderungen von Parship scheinen aber stark über­zogen. So hat ein Gericht 2016 entschieden, dass Parship für fünf Nutzungs­tage 6,55 Euro zustehen – und nicht wie gefordert 359 Euro. Betroffene haben mit einer Klage gegen Parship gute Chancen.

Verjährung. Kunden, die sich Geld zurück­holen wollen, können das auch für die Vergangenheit noch tun. Die Ansprüche der Verbraucher verjähren erst nach drei Jahren. Wer etwa 2014 seine Parship-Mitgliedschaft widerrufen hat, kann seinen Anspruch gegen Parship noch bis Ende 2017 geltend machen.

393 Euro für neun Kontakte in zwei Wochen

„Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über Parship“ – der Werbe­slogan hat der Singlebörse schon viel Spott einge­bracht. Peter S. kann darüber nicht mehr lachen. Der Finanzberater aus Münster hat sich im April 2017 angemeldet und den Jahres­vertrag „Premium Classic“ abge­schlossen. Dafür musste er 523,95 Euro in Vorkasse zahlen. Eine Part­nerin gefunden hat S. bei der Hamburger Singlebörse nicht. Weil ihn Parship nicht über­zeugte, widerrief er die Mitgliedschaft nach zwei Wochen. Ein 14-tägiges Widerrufs­recht hat grund­sätzlich jeder bei Online­verträgen, so sieht es der Paragraf 312 g des BGB vor. Nach dem Widerruf wartete S. auf die Erstattung der 523,95 Euro. Vergeblich. Parship teilte ihm mit, dass er nur 25 Prozent ersetzt bekomme − 130,99 Euro. Die übrigen 392,96 Euro behalte das Unternehmen als „Wert­ersatz“ ein. Der Kunde habe die Börse ja auch genutzt und neun Kontakte geknüpft.

Wie viel Wert­ersatz ist angemessen?

Der Wert­ersatz ist keine Erfindung der Singlebörse Parship, die im letzten Test von Singlebörsen im Internet übrigens hervorragend abschnitt. Das Gesetz gibt Online-Dienst­leistern grund­sätzlich das Recht so einen Wert­ersatz abzu­rechnen, wenn ein Kunde inner­halb von 14 Tagen widerruft Paragraf 357 Absatz 8 Satz 1 des BGB. Kein Dienst­leister soll 14 Tage lange umsonst arbeiten müssen. Aber darf der Wert­ersatz so hoch sein? Im Fall von Peter S. macht er 75 Prozent des Jahres­preises aus. Intuitiv dürften viele Menschen den Wert­ersatz sicherlich so berechnen: Jahres­preis geteilt durch 365 Tage, mal Anzahl der Nutzungs­tage bis zum Widerruf. Nach dieser zeit­anteiligen Berechnung des Wert­ersatzes müsste Peter S. nur 20 Euro zahlen.

So kommt Parship auf die hohen Beträge

So rechnet Parship aber nicht. Die Singlebörse verspricht nach eigenem Verständnis nicht den Zugriff auf eine Single-Daten­bank, sondern sieht als Kern des Leistungs­versprechens „die Kontakt­aufnahme zu einer bestimmten Anzahl möglichst genau passender potentieller Lebens­partner“. Parship garan­tiert zahlenden Mitgliedern bei einer sechs­monatigen Mitgliedschaft fünf Kontakte und bei einer zwölfmonatigen Mitgliedschaft sieben. Erreicht ein Nutzer die Anzahl dieser „garan­tierten Kontakte“ bereits während der Widerrufs­frist, kommt es zu dem enorm hohen Wert­ersatz. Nach der eigenen Logik könnte Parship in solchen Fällen zwar auch 100 Prozent verlangen. Das Unternehmen verlangt von Widerrufenden aber stets maximal 75 Prozent des Mitglieds­beitrags – „aus Kulanz­gründen“, wie eine Sprecherin auf Anfrage von test.de mitteilt. Gar keinen Wert­ersatz müssen Premium-Kunden nach Angaben von Parship zahlen, wenn sie bis zum Widerruf keinen einzigen Kontakt mit einem Mitglied hatten.

Was ist ein „Kontakt“ auf Parship?

Die von Parship garan­tierten Kontakte können schnell zusammen­kommen. Denn sobald ein Nutzer die „Frei­text“-Antwort einer Person liest, die er zuvor ange­schrieben hat, gilt das bereits als „Kontakt“. Was in der Antwort steht, spielt keine Rolle. „Sorry, kein Interesse“ als Antwort wäre nach der Definition von Parship schon ein Kontakt.

Klage gegen Parship einge­reicht

Peter S. ist sauer auf Parship. Er will die einbehaltenen 393 Euro zurück und hat Klage gegen Parship einge­reicht. Der studierte Jurist fühlt sich von Parship auch hinters Licht geführt. Ruft man die AGB von Parship auf, ist dort keine konkrete Information zur Berechnung des Wert­ersatzes zu finden. Dort steht unter dem Stich­wort „Folgen des Widerrufs“ nur ganz allgemein etwas von einem „angemessenen Betrag“, den Widerrufende zu zahlen hätten. Wie viele Kontakte einem Nutzer garan­tiert werden, ab wann er also nach Ansicht von Parship im Falle eines Widerrufs 75 Prozent des Preises als Wert­ersatz zu zahlen hat, erfährt er dort nicht. Das steht unter dem Link „Produktbezogene Vertrags­inhalte“. „Dort erwartet doch niemand solche wichtigen Vertrags­details“, sagt S. Nach Ansicht von Parship muss die Anzahl der garan­tierten Kontakte nicht in den AGB stehen. „Diese Information erhält jedes Mitglied bei Abschluss des Vertrages über die jeweilige Lauf­zeit“, so eine Sprecherin.

Verbraucherzentrale Hamburg geht gegen Parship vor

Peter S. ist nicht der einzige, der gegen Parship klagt. Die Internetseite der Verbraucherzentrale Hamburg listet einige Urteile auf, in denen Verbraucher erfolg­reich vor Gericht gezogen sind. In einem Urteil vom 31. Oktober 2016 findet das Amtsgericht Hamburg deutliche Worte zu Parship: „Daher ist auch der vom Verbraucher im Falle des Widerrufs zu leistende Wert­ersatz zeitbezogen zu berechnen. Die von Beklagtenseite gewählte Berechnungs­art führt demgegen­über zu einer gesetzwid­rigen Entwertung des Widerrufs­rechtes, wenn sie dem Verbraucher, der beispiels­weise bereits sieben Absagen erhalten hat, dafür 75 Prozent des vereinbarten Entgeltes in Rechnung stellt.“ Ein Kunde hatte Parship fünf Tage genutzt und dann widerrufen. Pro Nutzungs­tag bekam Parship vom Gericht einen Wert­ersatz in Höhe von 1,31 Euro zugesprochen, insgesamt 6,55 Euro. Gefordert hatte Parship 359,10 Euro.

Anwalt: Gute Chancen bei Klage

Thomas Rader und Barbara Mazur, Rechts­anwälte aus Bonn, vertreten mehrere Verbraucher gegen Parship. Sie schätzen die Erfolgs­aussichten der Klagen als sehr gut ein. Tatsäch­lich ist auch test.de kein Urteil bekannt, nach dem ein Verbraucher eine Klage wegen zu hohen Wert­ersatzes verloren hätte. Auch Verbraucherschützerin Julia Rehberg ermutigt Betroffene, gegen die Forderungen von Parship vorzugehen. Die Rück­forderungs­ansprüche der Verbraucher verjähren nach drei Jahren. Die Verjährungs­frist beginnt nach Ablauf des Jahres zu laufen, in dem der Kunde den Widerruf erklärt hat. Beispiel: Wer 2014 widerrufen hat und hohen Wert­ersatz zahlen musste, kann bis Ende 2017 noch Klage gegen Parship einreichen.

Parship sieht sich im Recht

Zu den beim Amts­gericht Hamburg ergangenen Urteilen will sich das Unternehmen auf Anfrage von test.de nicht äußern. Parship beruft sich vielmehr auf ein Urteil des Oberlandesgerichts Hamburg vom 2. März 2017. In diesem Gerichts­verfahren hatte die Verbraucherzentrale versucht, Parship auf eine einzige Art der Wert­ersatz­berechnung zu verpflichten. Jede andere Berechnung sei irreführend, so die Verbraucherschützer. Diese strenge Auffassung hat das OLG aber nicht geteilt. Parship dürfe Verbraucher mit seiner eigenen Rechts­auffassung zum Wert­ersatz konfrontieren (Az. 3 U 122/14).

Auch OLG-Richter kritisieren Parship-Praxis

Keineswegs haben die Richter vom Ober­landes­gericht damit aber geur­teilt, dass Parship von Verbrauchern den hohen Wert­ersatz fordern darf. Im Gegen­teil, im Urteil kritisieren die OLG-Richter Parship deutlich: „Die Unzu­läng­lich­keit der Berechnung der Beklagten [Parship, Ergän­zung von test.de] zeigt sich auch daran, dass sie meint, dass der vertraglich vereinbarte Gesamt­preis bereits dann voll­ständig geschuldet sei, wenn der widerrufende Nutzer inner­halb der Widerrufs­frist die ihm garan­tierten Kontakte in Anspruch genommen hat.“

Amts­gericht Hamburg auf Verbraucherseite

Die Verbraucherzentrale will die OLG-Entscheidung nun vor dem Bundes­gerichts­hof angreifen. Der Streit zwischen Verbraucherzentrale und Parship muss betroffene Kunden aber gar nicht interes­sieren. Dieser Streit wird nach den Regeln des Wett­bewerbs­recht entschieden. Für Verbraucher, die sich über eine Klage den Wert­ersatz zurück­holen wollen, gilt dagegen das Verbraucherrecht des Bürgerlichen Gesetz­buchs. Und da ist derzeit erst einmal entscheidend, was die Richter am Amts­gericht Hamburg zum Wert­ersatz sagen. Und sie sind derzeit offen­bar ausschließ­lich auf Verbraucherseite.

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