Im Juni ist Deutschland Gastgeber des größten Fußballfestes der Welt. Obwohl immense Summen investiert wurden, haben vier WM-Stadien erhebliche Sicherheitsmängel.

Die Vorbereitungen laufen mit deutscher Gründlichkeit. Seit der Weltfußballverband Fifa im Juni 2000 die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland vergeben hat, befindet sich das Organisationskomitee in der Daueroffensive. Für fast 1,4 Milliarden Euro wurden zwölf schicke Stadien, in denen Ronaldinho, Beckham, Ballack und Co. im Juni ihre Ball­künste vorführen sollen, neu oder um­gebaut. Die Betreiber sprechen von den modernsten Arenen der Welt. Erstmals bei einer Fußball-Weltmeister­schaft kann jeder Besucher im Trockenen Platz nehmen; alle Stadiontribünen sind komplett überdacht. Sogar ein Rasenkompetenzteam wurde berufen, um die Spielflächen auf Weltniveau zu bringen.

Nur bei der Sicherheit strebt das Or­ganisationskomitee offenbar nicht nach dem Bestmöglichen. Unser Test der baulichen Sicherheit der WM-Stadien deckt jedenfalls teilweise beträchtliche Mängel auf, die im Falle einer Panik verheerende Folgen haben können.

Dabei wird das Thema Sicherheit, zumindest offiziell, durchaus groß geschrieben. Das Bundesinnenministerium arbeitete zwei Jahre an einem nationalen Sicherheitskonzept, das im Früh­jahr 2005 verabschiedet worden ist. Organisatorisch zeichnen sich auch Verbesserungen ab. So gibt es während der Weltmeisterschaft in den Stadien ausschließlich Sitzplätze und der großräumige Einsatz von Überwachungskameras kann im Zusammenspiel mit den Ordnerdiensten Straftaten schon im Ansatz verhindern.

Panik nicht auszuschließen

Umstritten ist allerdings, ob der Einsatz moderner Technologien beim Ticketverkauf Missbrauch und Betrügereien verhindern kann. In jede der insgesamt rund drei Millionen Eintrittskarten ist ein Chip integriert, auf dem persönliche Daten des Zuschauers gespeichert sind. Kritiker bezweifeln, dass sich damit der Zugang gewaltbereiter Hooligans in die Stadien verhindern lässt.

Und selbst wenn es gelingt, gefährli­­che Personen und Gegenstände von den Spielstätten fern zu halten, kann der Ausbruch einer Panik niemals ausgeschlossen werden. Dass allein ein Gerücht ausreicht, um eine Massenpanik auszulösen, ist im vergangenen Jahr in der irakischen Hauptstadt Bagdad schreckliche Realität geworden. Fast 1 000 schiitische Pilger kamen auf einer Brücke ums Leben, nachdem sich das Gerücht, ein Selbstmordattentäter mit einem Sprengstoffgürtel habe sich unter die Gläubigen gemischt, für ein beispielloses Chaos gesorgt hatte.

Hochgehende Emotionen haben auch und vor allem in Stadien schon oft zu dramatischen Situationen geführt, wie die Ereignisse im Brüsseler Heysel-Stadion 1985 (39 Tote) und vier Jahre später im englischen Sheffield (96 Tote) zeigen.

Bei Bränden und Explosionen in Kaufhäusern, Diskotheken oder Veranstaltungshallen gibt es meist viel mehr Todesfälle aufgrund der ausgelösten Panik als durch das Ereignis selbst. Wie im Cowboyfilm, wo aus einer friedlich grasenden Büffelherde urplötzlich eine ziellos flüchtende, alles niedertrampelnde Masse wird, so verhalten sich auch in Panik geratene Menschen. Sie stürmen in der Regel kopflos nach vorn. Wer sich der Bewegungsrichtung zu widersetzen versucht, läuft Gefahr, überrannt und niederge­trampelt zu werden.

Auf den Tribünen der Stadien ist die Bewegungsrichtung während einer Panik klar vorgegeben: immer nach unten in Richtung Spielfeld. Hindernisse und Sackgassen können so zur tödlichen Falle werden. Denn durch die drängende Menge kann innerhalb kürzester Zeit ein so hoher Staudruck entstehen, dass sogar eisenarmierte Betonmauern nachgeben, wie 1985 im Heysel-Stadion geschehen.

Um das Staudruckrisiko zu minimieren, muss man Entlastungszonen und Fluchtmöglichkeiten auf das Spielfeld schaffen. Doch die fehlen in einigen WM-Stadien. Nach den Katastrophen von Brüs­sel und Sheffield wurden Sicherheitskonzepte erarbeitet, hinter die man heute, zumindest was die baulichen Gegebenheiten betrifft, wieder zurück­fällt.

Rettungstore, keine Gräben

So forderte zum Beispiel das Nationale Konzept Sport und Sicherheit schon 1992, dass in die Spielfeldumfriedung „ausreichend Rettungstore einzubauen“ sind und der Zugang zum Spielfeld „nicht durch Werbebanden oder andere Einrichtungen versperrt“ werden darf. Weitere Forderung: Beim Neubau von Stadien „sind Gräben nicht mehr vorzusehen“.

Das scheint man vergessen zu haben, als der Umbau des Olympiastadions in Berlin geplant wurde, dessen Innenraum praktisch ein Neubau ist. Um Spielfläche und Tartanbahn klafft ein fast drei Meter tiefer unüberwindbarer Graben.

Auch in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen gibt es eine Lücke zwischen der her­ausfahrbaren Rasenschublade und der unteren Rangabgrenzung. Obwohl sie überbrückt werden kann, sollen die Öffnungen in der Brüstung während der Weltmeisterschaft verschlossen werden.

Im neuen Leipziger Zentralstadion können sich die Zuschauer im Notfall ebenfalls kaum auf das Spielfeld retten. Sie müssten dafür eine 90 Zentimeter hohe Betonmauer überklettern und dann 3,40 Meter tief springen. Zwar fordern sowohl die Bauvorschriften als auch die Fifa-Sicherheitsrichtlinien Rettungstore zum Spielfeld, räumen aber Ausnahmen ein, wenn ausreichend andere Fluchtmöglichkeiten beziehungsweise ein or­ganisatorisches Sicherheitskonzept nachgewiesen werden. Da beide Maßnahmen nicht dazu geeignet sind, Staudruckfallen bei einer Panik zu entschärfen, halten wir diese Vorschriften für verfehlt.

Dass es baulich möglich ist, Staudruckrisiken stark zu reduzieren, zeigen die Stadien in Hannover, Nürnberg und Köln, die ausreichende Fluchtmöglichkeiten bieten. Andere Stadien operieren in diesem Punkt leider nur halbherzig. So gibt es in Hamburg nur in Teilbereichen Rettungstore, die während der Inspektion zudem nicht zu öffnen waren.

Rettungstore für doppelte Sicherheit

Rettungstore bieten doppelte Sicherheit. Denn sie können nur vom Innenraum aus geöffnet werden. In Verbindung mit einem Zaun eröffnen sie im Notfall nicht nur eine Rettungsmöglichkeit bei Panik, sie verhindern auch, dass so genannte Flitzer oder übermütige Fans auf das Spielfeld stürmen. Gräben sind also keineswegs notwendig. Und wenn sie schon vorhanden sind, müssen sie unbedingt überbrückt werden.

In Krisensituationen, etwa einer Bombendrohung, muss ein Stadion in kürzester Zeit geräumt werden können. Damit die Evakuierung reibungslos vonstatten gehen kann, sollten die Fluchtwege möglichst kurz sein und keine größeren Richtungswechsel aufweisen. Potenzielle Engstellen, also Ausgänge, „Mundlöcher“ in den oberen Rängen sowie alle Treppe­n­­­auf- und -abgänge, müssen so gestaltet sein, dass sie keine Staufallen bilden.

Dass es selbst bei einer normalen Stadionleerung zu einem katastrophalen Strömungsstau kommen kann, hat das Unglück im Innsbrucker Bergisel-Stadion im Dezember 1999 gezeigt. Nach einer Snowboard-Veranstaltung drängten Hunderte Jugendliche zum Ausgang, um schnell in die Innenstadt zu kommen. Ohne besonderen Grund kam es zur Panik, einige Jugendliche stürzten und wurden überrannt. Fünf Mädchen starben, Hunderte Besucher wurden verletzt.

Problematische VIP-Bereiche

Die Bauvorschriften geben für die Größe der Ausgänge das Verhältnis von Rangkapazität zu Ausgangsbreite an, also maximale Personenzahl pro Ausgangsmeter. Mit höchstens 600 Personen pro 1,2 Ausgangsmeter ist die Verordnung unserer Meinung nach für offene Stadien sehr großzügig. Für eine schnelle Evakuierung wären deutlich weniger Personen pro Ausgangsmeter, wie sie etwa für geschlossene Hallen gelten, wesentlich besser.

In den VIP-Bereichen ist die Situation teilweise noch schwieriger. Wie in Flugzeugen, wo man für einen satten Aufpreis in der ersten und in der Business-Klasse bequemer sitzt und besser bewirtet wird, gibt es in den Stadien größere Bereiche für finanzkräftige Besucher. Das sind entweder abgeschlossene Logen oder bequeme Business-Sitze auf der Tribüne, an die sich meist große Gastronomiebe­reiche anschließen.

Die Fluchtsituation ist hier häufig problematisch. Denn die Gäste müssen von der Tribüne zurück in die Loge beziehungsweise in die Gastronomiebereiche und von dort durch das Gebäude zu den Treppenräumen fliehen. Zahlreiche Wegsperren wie Tische und Barhocker sowie Stolperfallen können hier zur Gefahr werden. Außerdem müssen viele Türen passiert werden, die in der Regel nicht paniksicher gestaltet sind und im schlimmsten Fall sogar verschlossen sein können.

Die Ränge der neuen Stadien werden immer steiler, was allein schon die Evakuierung behindert. Unregelmäßige Treppenstufen mit zu kleinen Schritttiefen, die meist nicht, wie gefordert, durch Signalfarben markiert sind, in die Gänge ragende Sitzschalen und offen endende Handläufe, an denen man leicht hängen bleibt, bilden außerdem zahllose Stol­perge­fahren, die gefährliche Stürze geradezu herausfordern.

Auch beim Brandschutz ist längst nicht alles so, wie es sein sollte. Nachbesserungsbedarf gibt es hier in Berlin, Dortmund, Gelsenkirchen und vor allem in Kaiserslautern. Besonders im Bereich der Nordtribüne des noch im Bau befindlichen Fritz-Walter-Stadions fanden wir erhebliche Mängel.

Der Grundsatz der Fifa-Sicherheitsrichtlinien, wonach die Stadien „in baulicher und technischer Hinsicht dem neusten Stand der Sicherheitserfordernisse“ entsprechen müssen, wird derzeit in einigen Stadien also längst nicht erfüllt.

Im Dezember verwarnte Fifa-Chef Joseph Blatter das Organisationskomitee angesichts von Baumängeln an den Stadien in Kaiserslautern, Frankfurt/Main und Nürnberg sowie gewalttätiger Ausschreitungen von Fans während der Bundesligaspiele. „Die rote Lampe brennt“, drohte er und kündigte an, dass noch einmal alle Stadien kontrolliert werden sollen. Wir fordern die Fifa auf, bei dieser Kontrolle auch auf die von uns aufgedeckten Sicherheitsmängel zu achten und auf deren Beseitigung zu drängen.

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