Sicherheit in Stadien

Interview: „Große Chancen wurden vertan“

Deutschland hätte internationale Sicherheitsstandards setzen können.

Inhalt

Sind die Bauvorschriften für die Sicherheit in Stadien im Hinblick auf Paniksituationen ausreichend?

Die baurechtlichen Regelungen sind in meinen Augen auf keinen Fall ausreichend, da dort lediglich statische Vorgaben gemacht werden, die weder die Dynamik noch die Psychologie von Menschenmassen wirklich einbeziehen.

Wie wichtig ist im Panikfall die Fluchtmöglichkeit auf das Spielfeld?

Es ist unbedingt zu vermeiden, dass hohe Dichten (drei Menschen und mehr pro Quadratmeter) über einen längeren Zeitraum (mehr als 15 Sekunden) auftreten. Um dies zu verhindern, ist natürlich jedes Ventil von Nutzen und das Spielfeld bietet sich dafür (kurzfristig) an. Es muss aber schnell und sicher erreichbar sein und auch der Abfluss muss gewährleistet sein.

Welche Ergebnisse zeigen Ihre Computersimulationen in Stadien?

Computersimulationen sind heute in der Lage, Evakuierungen von vielen Tausend Menschen realistisch darzustellen. Dies ist mit Evakuierungsübungen von zirka 1 000 Menschen aus einem Tribünenbe­reich nicht zu schaffen, da einerseits die Emotionalisierung der Menschen fehlt und andererseits gerade die Wechselwirkung größerer Menschenströme aus verschiedenen Richtungen problematisch wird.

Haben DFB, Fifa und Stadionbetreiber Ihre Erkenntnisse genutzt?

Im Auftrag des DFB haben wir uns das Dortmunder Stadion rund um das EM-Qualifikationsspiel Deutschland – Schottland angesehen und auf einige Probleme hingewiesen. Aber weder für Dortmund noch für ein anderes WM-Stadion ist eine Gesamtbetrachtung durchgeführt worden. Insoweit hat man eine große Chance vertan, hier international Standards zu setzen. Das wird für die EM 2008 in Österreich und der Schweiz sowie für die WM 2010 in Südafrika anders sein.

Moderne Stadien werden mit immer steileren Tribünen gebaut. Hat das negative Folgen für die Evakuierung?

Steilere Tribünen haben auch steilere Treppenabgänge, und das über erhebliche Höhendifferenzen. Damit steigt der Druck von oben. Außerdem sind die Abgänge oft viel zu schmal, sodass nur eine Person auf eine Stufe passt. Hier sollte man ernsthaft über eine Verbreiterung nachdenken, auch wenn das auf Kosten der Sitzplatzkapazität geht. Aufgrund der Höhe und der Größe der Tribünen brauchen die Menschen mehr als eine Viertelstunde zur Evakuierung und nicht acht Minuten, wie von einer Europanorm gefordert.

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