Serie Rentner und Pensionäre, Teil 4: Steuerbescheid prüfen

Aus Angst vor Kontrollen holen Rentner und Pensionäre zurzeit Steuer­erklärungen nach. Kommt der Steuerbescheid, sollten sie den Spieß umdrehen und ihr Finanzamt kontrollieren.

Mittlerweile pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass nach der Bundestagswahl die Kontrollen für Rentner und Pensionäre beginnen. Bis zum Jahresende wird das Finanzamt alle Renten, Pensionen und Versicherungsgelder erfahren, die sie seit 2005 erhalten haben.

Finanztest rät schon länger, die seit 2005 versäumten Steuererklärungen nachzuholen, bevor das Finanzamt sich meldet. Die ersten, die das getan haben, erhalten jetzt ihre Steuerbescheide und können prüfen, ob ihr Finanzamt alles richtig gemacht hat.

Wie die Berechnung im Steuerbescheid aussehen muss, zeigt Finanztest am Beispiel der Musterfrau Hertha Müller. Sie ist 70 Jahre alt und hat im Jahr 2008 zur gesetzlichen Rente von 13 000 Euro noch 2 000 Euro Zinsen und 9 000 Euro Pension bezogen.

Pension auf Steuerkarte

Die 9 000 Euro bezieht Hertha Müller aus einer Pensionszusage ihres früheren Arbeitgebers auf Lohnsteuerkarte. Sie stehen deshalb im Steuerbescheid als Arbeitslohn, aus dem das Finanzamt die „Einkünfte aus nichtselbstständiger Arbeit“ berechnet.

Die Finanzbeamten müssen die Pension um eine Werbungskostenpauschale von 102 Euro und die Freibeträge für Versorgungsbezüge kürzen, die Firmenpensionäre ab dem 63. Lebensjahr erhalten.

Die Freibeträge sind für jeden neuen Jahrgang von Pensionären niedriger als für den vorhergehenden. In den Jahren 2005 bis 2008 ist der Höchstbetrag von 3 900 auf 3 432 Euro im Jahr gesunken.

Hertha Müller erhält noch 3 900 Euro, weil sie vor 2006 schon Pensionärin war. Ihre Pension muss im Steuerbescheid so abgerechnet sein:

Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit
Arbeitslohn 9 000 Euro
Ab Freibeträge für Versorgungsbezüge –3 900 Euro
Werbungskostenpauschale –102 Euro
Einkünfte 4 998 Euro 

Zinsen

Weiter geht es mit den 2 000 Euro Zinsen des Jahres 2008, aus denen sich die „Einkünfte aus Kapitalvermögen“ ergeben. Für die Zinsen muss Hertha Müller im Steuerbescheid einen Sparerfreibetrag und einen Werbungskostenpauschbetrag erhalten, wenn sie keine höheren Kosten nachweist:

Einkünfte aus Kapitalvermögen
Einnahmen 2 000 Euro
ab Werbungskostenpauschbetrag  –51 Euro
Sparerfreibetrag  –750 Euro
Einkünfte 1 199 Euro

Gesetzliche Rente

Der nächste Punkt im Steuerbescheid von Hertha Müller ist ihre gesetzliche Rente, die im Jahr 2008 nach zwei Erhöhungen 13 000 Euro ausmacht. Wie viel davon steuerpflichtig ist, bestimmt das Alterseinkünftegesetz, das seit Januar 2005 gilt.

Wer wie Hertha Müller damals schon Rentner war, erhält 50 Prozent der 2005 ­bezogenen Jahresrente als lebenslangen Freibetrag. Hertha Müller hatte im entscheidenden Jahr 12  860 Euro gesetzliche Rente, sodass der steuerfreie Teil bei ihr bis ans Lebensende 6 430 Euro beträgt.

Das Finanzamt muss den Freibetrag mit dem Werbungskostenpauschbetrag von 102 Euro von der gesetzlichen Rente des Jahres 2008 abziehen.  

Im Steuerbescheid heißt die gesetzliche Rente Leibrente, weil sie bis ans Lebensende gezahlt wird.

Leibrente
Jahresbetrag der Rente 13 000 Euro
ab steuerfreier Teil der Rente  –6 430 Euro
ab Werbungskostenpauschbetrag  –102 Euro
Einkünfte 6 468 Euro

Unsere Musterfrau ärgert sich, dass der steuerpflichtige Teil ihrer gesetzlichen Rente mit jeder Erhöhung steigt, während der steuerfreie Teil bis ans Lebensende immer 6 430 Euro beträgt. Dabei ist sie besser dran als andere Rentner.

Jeder Jahrgang, der seit 2006 in Rente gegangen ist, erhält weniger gesetzliche Rente steuerfrei als Hertha Müller. Der steuerfreie Prozentsatz ist 2006 bis 2008 von 48 auf 44 Prozent gesunken.

Altersentlastungsbetrag

Im Steuerbescheid sind jetzt alle Einkünfte berechnet und die Summe steht mit 12 665 Euro richtig da.

Hertha Müller muss für ihre Nebeneinkünfte aber noch den Altersentlastungsbetrag erhalten. Den bekommt jeder, der zu Beginn des abzurechnenden Jahres über 64 Jahre alt war. Für jeden neuen Jahrgang, der dieses Alter erreicht, ist der Höchstbetrag aber niedriger. 2005 bis 2008 ist er von 1 900 Euro auf 1 672 Euro gesunken

Herta Müller wurde vor dem 2. Januar 1941 geboren, deshalb beträgt ihre Entlastung noch 40 Prozent, aber maximal 1 900 Euro im Jahr. Sie hat Zinseinkünfte von 1 199 Euro und prüft, ob im Steuerbescheid 480 Euro (40 Prozent von 1 199 Euro) als Altersentlastung berücksichtigt sind:

Gesamtbetrag der Einkünfte
Summe der Einkünfte 12 665 Euro
ab Altersentlastungsbetrag  –480 Euro
Gesamtbetrag der Einkünfte 12 185 Euro

Jetzt kennt Hertha Müller den Gesamtbetrag ihrer Einkünfte. Der wird an einer späteren Stelle im Steuerbescheid wichtig, weil sie Kosten für ärztliche Behandlungen, Brillen, Medikamente, Praxisgebühren und Kuren als außergewöhnliche Belastung in der Steuererklärung angegeben hat. Wie viel sie davon absetzen kann, hängt vom Gesamtbetrag der Einkünfte ab (siehe Tabelle: Kosten für Krankheiten).

Sonderausgaben

Vorher gehen im Steuerbescheid aber die Sonderausgaben ab. Zuerst kommen die unbeschränkten Sonderausgaben. Das sind Posten wie zum Beispiel Spenden, Parteibeiträge, Unterhaltszahlungen an den geschiedenen Expartner und die Kirchensteuer, die bei vielen von ihrer Pension ­abgezogen wurden.

Pauschal erkennt das Finanzamt immer 36 Euro (Ehepaare 72 Euro) an. Müller kann mehr absetzen. Sie hat Spenden von 285 Euro in ihre Steuererklärung eingetragen. Sie müssen im Steuerbescheid auftauchen:

Spenden
Ab Sonderausgaben Beiträge und Spenden –285 Euro
Summe der unbeschränkt abzugsfähigen Sonderausgaben 285 Euro

Dann folgen die beschränkt abziehbaren Sonderausgaben. Dazu gehören vor allem die Beiträge für Kranken-, Pflege-, Haftpflicht- und Unfallversicherungen. Bis zur Höhe von 4 402 Euro erkennt das Finanzamt solche Versicherungsausgaben bei den meisten Rentnern und Pensionären voll an. Zusätzliche Ausgaben bis 1 334 Euro zählen zur Hälfte.

Hertha Müller hat Versicherungsbeiträge von 2 700 Euro. Sie überspringt die komplizierte Abrechnung im Steuerbescheid und achtet nur auf die letzte Zeile am Ende der beschränkt absetzbaren Sonderausgaben. Da muss stehen:

Versicherungsbeiträge
im Rahmen der Höchstbeträge abziehbar  –2 700 Euro 

Hätte Hertha Müller 5 002 Euro Versicherungsbeiträge, könnte sie 4 402 Euro voll und zusätzlich 600 Euro zur Hälfte absetzen. Insgesamt wären es 4 702 Euro.

Außergewöhnliche Belastungen

Jetzt kommen Hertha Müllers außergewöhnliche Belastungen von 1 200 Euro für ärztliche Behandlungen, eine Brille, Medikamente, Praxisgebühren und eine Kur. Davon geht die zumutbare Belastung ab, die jeder für solche Ausgaben selbst tragen muss. Die Höhe hängt vom Gesamtbetrag der Einkünfte ab (siehe Tabelle rechts).

Hertha Müllers Gesamtbetrag der Einkünfte beträgt 12 185 Euro. Das Finanzamt rechnet 5 Prozent als zumutbare Belastung an, denn unsere Musterfrau ist alleinstehend und bekommt kein Kindergeld mehr. Im Steuerbescheid müssen ihre außergewöhnlichen Belastungen so stehen:

Außergewöhnliche Belastung
Aufwendungen nach § 33 EStG 1 200 Euro
Zumutbare Belastung (5 % von 12 185 Euro) –609 Euro
Abziehbar nach § 33 EStG 591 Euro

Einkommensteuer

Nach Abzug der Sonderausgaben und außergewöhnlichen Belastungen hat Hertha Müller 2008 ein zu versteuerndes Einkommen von 8 609 Euro. Da es über dem Grundfreibetrag von 7 664 (Ehepaar: 15 329) Euro liegt, muss sie Steuern zahlen, aber nur 149 Euro. Solidaritätszuschlag ist für so wenig nicht fällig.

Hertha Müller hat außerdem noch ein Ass im Ärmel. Im Jahr 2008 haben Handwerker für 700 Euro Lohn ihre Wohnung renoviert. 20 Prozent davon, aber höchstens 600 Euro im Jahr, erhält sie als Steuerermäßigung. Das Finanzamt muss ihr 140 Euro gutschreiben:

Berechnung der Einkommensteuer
Tarifliche Einkommensteuer 149 Euro
Ab Ermäßigung für Handwerkerleistungen  –140 Euro
Festzusetzende Einkommensteuer 9 Euro

Zum Schluss verlangt das Finanzamt gerade einmal 9 Euro Einkommensteuer. Damit kann Hertha Müller gut leben. Trotzdem prüft sie nächstes Jahr wieder, ob ihr Finanzamt im Steuerbescheid Zahlendreher gemacht oder Ausgaben und Freibeträge falsch abgezogen hat.

Serie Rentner und Pensionäre
Bereits erschienen:
Freibeträge für Rentner und Pensionäre 7/09
Steuererklärung ja oder nein 8/09
Schritt für Schritt durch die Formulare 9/09
Die nächste Folge:
– Abrechnung für künftige Rentner und Pensionäre 11/09

Dieser Artikel ist hilfreich. 808 Nutzer finden das hilfreich.