Wochenlang den Arm in Gips oder auf Dauer im Rollstuhl? Solche Ängste treiben Menschen zum Abschluss einer Unfallpolice. Wir ­widmen ihr Teil 2 unserer Serie „Löcher im Schutz“.

Schon vor mehr als zehn Jahren hat ­Mathias Hoernle eine private Unfallversicherung abgeschlossen: „Meiner Frau war das wichtig, falls beim Motorradfahren oder beim Sport was passiert“, sagt der heute 46-Jährige. Schließlich greift die gesetz­liche Unfallversicherung nur bei Arbeitsunfällen und nicht in der Freizeit.

Hoernles Unfallversicherung ist eine von 29 Millionen in Deutschland. Später hat der Berliner noch eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen: „Das war mir wichtig – falls ich irgendwann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann.“ Mit der zusätzlichen Police hat Hoernle eine große Lücke in seinem Versicherungsschutz geschlossen.

Denn die Berufsunfähigkeitsversicherung hilft, wenn jemand gesundheitlich so schwer beeinträchtigt ist, dass er seinen ­Beruf nicht mehr ausüben kann. Sie springt ein – ganz gleich, ob eine Krankheit oder ein Unfall dazu geführt hat.

Für den Unfallversicherer ist es ohne Bedeutung, ob der Versicherte seinen Beruf noch ausüben kann oder nicht. Entscheidend ist, dass ein Unfall zu einer dauerhaften gesundheitlichen Beeinträchtigung führt. Als Unfall gilt „ein plötzlich von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis“. Das kann ein Treppensturz oder ein Crash mit dem Motorrad sein.

Für Krankheiten besteht hingegen kein Schutz. Sie sind aber in den allermeisten Fällen der Grund dafür, dass jemand aus dem Erwerbsleben ausscheidet. Die Unfallversicherung zahlt somit auch nicht für die Folgen eines Bandscheibenvorfalls. Psychische Erkrankungen, die etwa in jedem dritten Fall die Ursache für das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben sind, bleiben ebenfalls außen vor.

Unfallversicherung trotzdem sinnvoll

Hoernle überlegt, ob er die Unfallversicherung überhaupt behalten soll. Schließlich würde er eine Berufsunfähigkeitsrente bekommen, wenn er nach einem Unfall nicht mehr arbeiten könnte.

Auf seine Unfallversicherung könnte er sicher verzichten, sinnlos ist sie aber nicht. Denn er bekäme daraus nach einem Unfall eine größere Summe auf einen Schlag.

Erleidet ein Versicherter zum Beispiel durch einen selbstverschuldeten Autounfall eine Querschnittlähmung, kann er je nach Vertrag sogar einige Hunderttausend Euro erhalten. Das hilft, um ein Haus behindertengerecht umzubauen oder auf Dauer eine Pflegekraft zu bezahlen.

Andere Menschen, die aufgrund von Vorerkrankungen keine Berufsunfähigkeitsversicherung bekommen oder sich den Schutz nicht leisten können, sichern sich mit einer Unfallversicherung immerhin einen Teilschutz. Sehr gute Policen sind für etwa 100 bis 150 Euro im Jahr erhältlich.

Viel Geld nur für dauerhafte Schäden

Eine große Geldleistung zahlt der Versicherer nur, wenn die verunglückte Person durch einen Unfall eine dauerhafte Beeinträchtigung davonträgt. Dauerhaft heißt, dass die Unfallfolgen voraussichtlich für länger als drei Jahre bestehen bleiben.

Nach einem Armbruch, der komplett verheilen wird, kann der Patient zwar Krankenhaustagegeld oder Krankentagegeld bekommen. Die Aussicht auf solche kleineren Zahlungen rechtfertigt den Vertragsabschluss aber nicht. Entscheidend ist die Leistung bei einer schweren Invalidität.

Nicht jeder Unfall ist versichert

Selbst wenn auf den ersten Blick alles nach einem Unfall aussieht, der versichert ist, kann es dem Verunglückten passieren, dass er letztlich leer ausgeht.

Eine Frau stürzt zum Beispiel auf dem Weg in den Keller und verdreht sich so schwer das Knie, dass sie auf Dauer ihr Bein nicht mehr bewegen kann. Das ist auf den ersten Blick die Folge eines Unfalls.

Doch was ist, wenn die Frau aufgrund von Kreislaufproblemen plötzlich ohnmächtig geworden ist und sie deshalb von der Treppe stürzte? In diesem Fall muss die Versicherungsgesellschaft nicht zahlen. Der Grund liegt in der Ursache des Unfalls: Der Versicherer würde von einer Bewusstseinsstörung ausgehen, die erst zu dem Unfall geführt hat. Eine solche Bewusstseinsstörung kann auch durch einen epileptischen Anfall ausgelöst werden oder durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum. Bis auf wenige Ausnahmen sind Unfälle, die dadurch verursacht werden, vom Versicherungsschutz ausgeschlossen.

Der Ausschluss gilt sowohl in der klassischen privaten Unfallversicherung als auch für spezielle Senioren-Unfallpolicen: Vor vier Monaten haben wir zum Beispiel über eine 78-jährige Dame berichtet, deren Kreislauf zusammenbrach, sodass sie stürzte und mit einer Kopfwunde ins Krankenhaus musste. Der Versicherer verweigerte die Zahlung.

Die besseren Tarife schließen weniger Fälle aus und zahlen zum Beispiel für Unfallfolgen nach einem Schlaganfall oder auch bei begrenztem Alkoholkonsum.

Krieg, Vergiftung und Zeckenbiss

Die Liste der Leistungsausschlüsse geht noch weiter. In der öffentlichen Diskussion war zuletzt die Frage, ob der Unfallversicherer zahlt, wenn ein Bundeswehrsoldat im Auslandseinsatz verletzt wird.

Die Antwort ist nein: Unfälle, die durch Kriegs- oder Bürgerkriegsereignisse verursacht werden, deckt die Versicherung nicht ab. Die Absicherung geschieht über die Bundeswehr als Dienstherrn.

Viele andere Ausschlüsse haben mit dem Unfallbegriff der Versicherer zu tun: Sie zahlen nicht, wenn ihr Kunde versehentlich eine giftige Substanz schluckt und sich vergiftet. Sie schließen Verletzungen vom Schutz aus, die sich infolge einer Operation ergeben, und ebenso Infektionen nach ­einem Zeckenbiss. Es gibt allerdings einige Versicherer, die Zeckenbisse ausdrücklich mitabsichern.

Mathias Hoernle will sich seinen Vertrag nun noch einmal ansehen und schauen, welche Leistungsausschlüsse gelten. „Dann kann ich immer noch entscheiden, ob ich den Vertrag behalte oder nicht.“

Serie Löcher im Schutz

Bereits erschienen:
Private Haftpflichtversicherung 9/2009
Die nächsten Folgen:
– Hausrat- und Wohngebäude­versicherung 11/2009
– Reiseversicherungen 12/2009

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