Serie Klauseln verstehen, Teil 1 Special

Wer chronisch krank ist, muss unter Umständen viel Mühe aufwenden, um den notwendigen Krankenversicherungsschutz für eine Auslandsreise zu finden. Unmöglich ist das nicht. Das zeigt Ralph von Mühldorfers Geschichte.

Lust auf eine Fernreise? „Ja klar“, sagt Ralph von Mühldorfer. Für fünf Monate will der Dresdner im Sommer in die USA reisen, um Freunde und Bekannte zu besuchen. Mit der konkreten Reisevorbereitung begann der 51-Jährige allerdings schon im Januar dieses Jahres.

Serie Klauseln verstehen, Teil 1 Special

Ralph von Mühldorfer ist aufgrund seiner MS (Multiple Sklerose)-Erkrankung viel mit dem Roller unterwegs. Im Sommer will der Dresdner für fünf Monate in die USA fliegen. Die Suche nach einer privaten Kranken­versicherung für das Ausland zog sich hin. Nur wenige Versicherer boten ihm den notwendigen Schutz an.

Wegen seiner MS-Erkrankung (Progrediente Multiple Sklerose, eine langsame Verlaufsform ohne Schübe und Behandlungsbedarf) sah der gesetzlich Krankenversicherte die Notwendigkeit, sich frühzeitig um eine private Auslandsreise-Krankenversicherung zu kümmern. Denn als Kassenpatient ist er nur innerhalb Europas über die Krankenkasse versichert.

Sensibilisiert durch die Berichterstattung von Finanztest wusste Mühldorfer, dass der Versicherer im Ausland Arzt- und Behandlungskosten nur im Notfall übernimmt. War eine Behandlung schon bei Urlaubsantritt vorhersehbar, kann es mit der Kostenerstattung problematisch werden. In ihren Klauseln formulieren Versicherer allerdings nicht immer eindeutig, was sie unter „Vorhersehbarkeit“ verstehen.

In den allgemeinen Versicherungsbedingungen finden Versicherte zum Beispiel unter der Überschrift „Leistungspflicht des Versicherers“ die Beschränkung auf Erkrankungen im Ausland, die „akut“, „unvorhergesehen“ oder „nicht absehbar“ sind.

Im Streitfall kann es auf solche Formulierungen ankommen. Für Chroniker oder Personen, die mit Herz-, Lungen- oder Krebsleiden in ärztlicher Behandlung sind und regelmäßig Medikamente einnehmen, sind die Klauseln oft nicht eindeutig genug formuliert.

Attest bescheinigt Reisefähigkeit

Mühldorfer wollte es genau wissen. Er suchte einen Versicherer, der ihm garantiert, dass seine MS-Erkrankung keine Rolle spielt, wenn es um die Kosten für eine Behandlung nach einem Unfall oder eine akute Erkrankung geht.

Per E-Mail wandte er sich an 17 Versicherer und einen Versicherungsmakler. Er schilderte detailliert, dass seine einzigen Ausfälle darin bestehen, nicht mehr ordentlich laufen zu können. Er nutzt entweder seine Walkingstöcke, einen Rollator, Rollstuhl oder fährt ein Auto mit Automatik. Ein Attest vom Neurologen, in dem sowohl die Reisefähigkeit als auch die volle Fahrtüchtigkeit bescheinigt wird, fügte Mühldorfer bei.

Ebenso teilte er mit: „Für alle Fort- und Weiterbehandlungen, die direkt mit meiner MS im Zusammenhang stehen, komme ich selbst auf.“ Für die Weiterbehandlung einer Vorerkrankung übernimmt in der Regel kein Versicherer die Kosten.

Simple Frage - ausweichende Antwort

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Darüber hinaus stellte der Dresdner den Versicherern zwei Fragen. Erstens: Übernehmen Sie die Behandlungskosten, wenn ich mit meinen Walkingstöcken in einem Kaufhaus ausrutsche und mir das Handgelenk breche? Zweitens: Ich fahre Auto und verursache einen Unfall. Wie bewerten Sie das: Wenn die MS nicht bestanden hätte, wäre der Unfall nicht passiert?

Mit diesen Fragen waren einige Versicherer möglicherweise überfordert. Manche antworteten dem Dresdner überhaupt nicht, andere verwiesen ihn auf Kontaktformulare oder eine Hotline. HanseMerkur, Testsieger in Finanztest 8/2010 für lange Auslandsreise-Krankenversicherungen, antwortete: „Eine konkrete Antwort können wir Ihnen im Vorfeld nicht geben.“

Die Versicherer Deutscher Ring, DKV und Mondial boten ihm aufgrund der bestehenden Erkrankung und der Dauer der Reise keinen Vertragsabschluss an.

Der Versicherungsmakler Dr. Walter GmbH, der laut Internetportal „allen global denkenden und agierenden Menschen maßgeschneiderte Versicherungslösungen“ anbietet, teilte Mühldorfer per E-Mail mit: „Sie haben bereits mit vielen Versicherungsgesellschaften korrespondiert ...: bei Schubkrankheiten wie MS wird oft auch der Versicherungsabschluss abgelehnt. Eine schwierige Situation für Sie, wir verstehen das. Gerne werden wir unser Angebot nach möglichen Tarifen durchforsten ...“

Mühldorfer ärgerte sich und lehnte das Angebot ab: „Sie lesen noch nicht einmal genau mein Erstanschreiben. Dort steht nichts von einer schubförmigen MS.“ Über die Antwort des Versicherers Central schüttelte er den Kopf: „Sollten während Ihrer Reise in den USA vorgesehene Beschwerden auftreten, besteht nur Versicherungsschutz, sofern sich die Krankenkasse an den Kosten beteiligt.“

Es geht auch anders: ADAC, Envivas und ERV boten Mühldorfer Versicherungsschutz an, der lediglich an ein aktuelles ärztliches Attest geknüpft ist.

Vorbildlich hingegen die Versicherer Axa, Barmenia und R + V, die Mühldorfer vorbehaltlos versichern wollen und auch seine Fragen beantworteten. Die R + V beispielsweise teilte mit: „Für Ihre beiden geschilderten Fälle würde demnach Versicherungsschutz bestehen.“

Klauseln verstehen

Nächste Folge:

- Versicherungen erben 05/2011

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