Serie Abgeltungsteuer, Teil 1: Selbst mit dem Fiskus abrechnen

Erstmals haben die Banken dieses Jahr Abgeltungsteuer abgeführt. Trotzdem müssen viele Anleger noch selbst beim Finanzamt abrechnen, wie Teil 1 unserer Serie zeigt.

Muss ich meine Kapitalerträge beim Finanzamt angeben? Lohnt es sich, für meine Zinsen die neue Anlage KAP zur Steuererklärung auszufüllen? Wie wird die Kirchensteuer abgerechnet?

Mit weit über hundert Fragen haben sich Leserinnen und Leser in den vergangenen Monaten an Finanztest gewandt. Wir hatten sie aufgefordert, uns ihre Erfahrungen mit der Abgeltungsteuer zu schildern.

Seit Anfang 2009 gibt es diese neue Steuer auf Zinsen, Dividenden und Gewinne aus Wertpapierverkäufen. Die Banken führen seither pauschal 25 Prozent Abgeltungsteuer an das Finanzamt ab, sobald steuerpflichtige Kapitaleinkünfte anfallen. Dazu kommt noch der Solidaritätszuschlag und bei vielen die Kirchensteuer.

Mit dem einheitlichen Steuersatz sollte alles „abgegolten“ sein – das war einmal die Idee der Abgeltungsteuer. Doch so einfach ist es nicht. Das zeigen die Reaktionen unserer Leser. Sie stehen nun wie andere Anleger vor der ersten Steuererklärung, in der die neue Steuer eine Rolle spielt.

Finanztest erläutert, wann Anleger weiter selbst mit dem Finanzamt abrechnen müssen und warum es sich vor allem für Rentner lohnt, das sogar freiwillig zu tun.

Kirchensteuer abrechnen

Peter Wanner gehört zu den Anlegern, die verpflichtet sind, die Steuerformulare für 2009 auszufüllen. Für die Kapitaleinkünfte des Rentners hat die Bank zwar Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag an das Finanzamt abgeführt, aber noch keine Kirchensteuer. Dass er die Steuer nun selbst abrechnen muss, weiß der Mainzer, aber wie klappt das? Wanner trägt in die Anlage KAP ein, wie viel Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag die Bank einbehalten hat.

Wollen Anleger nur die Kirchensteuer abrechnen, müssen sie ihre Kapitalerträge nicht noch einzeln in die Formulare eintragen. Als Nachweis geben sie die Steuerbescheinigung ihrer Bank mit ab. Diese Bescheinigung müssen die Banken nur noch auf Anfrage ausstellen, manche werden sie aber vielleicht noch automatisch verschicken. Ob die Banken Geld dafür verlangen werden, ist noch offen.

Auslandseinnahmen angeben

Pflicht ist die Steuererklärung auch für alle, die bei einer ausländischen Bank mit ihren Konten oder Depots Kapitaleinkünfte erzielen. Erwirtschaften sie mit einem Tagesgeldkonto in den Niederlanden Zinsen, tragen sie diese in die Steuerformulare ein.

Hat der ausländische Fiskus bereits zugegriffen und für die Kapitalerträge Quellensteuer einbehalten, ist es möglich, diese über die Steuererklärung zumindest zum Teil zurückzuholen. Das Finanzamt rechnet die Quellensteuer auf die zu zahlende Abgeltungsteuer an.

An Extralasten denken

Anleger, die außergewöhnliche Belastungen wie Ausgaben für Zahnersatz oder eine Brille geltend machen wollen, müssen ihre Kapitalerträge ebenfalls angeben. Denn das Finanzamt muss für seine Berechnungen die gesamten Einkünfte kennen.

Wollen Steuerpflichtige besonders hohe Spenden abrechnen, kann es sich lohnen, freiwillig die Kapitalerträge anzugeben. Das Finanzamt erkennt Spenden bis zu 20 Prozent der Gesamteinkünfte als Sonderausgaben an. Der anerkannte Betrag ist höher, wenn die Kapitaleinkünfte in der Steuererklärung abgerechnet werden.

Steuerlast senken

Die Leserzuschriften zeigen, dass vor allem viele Rentner verunsichert sind. Sie wollten wissen, woran sie erkennen, ob es sich für sie lohnt, die neue Anlage KAP zur Steuererklärung auszufüllen, selbst wenn sie nicht dazu verpflichtet sind.

Für Rentner wie Peter Wanner und auch jüngere Anleger mit einem eher niedrigen Einkommen wird es sich häufig auszahlen, ihre Kapitalerträge in den Formularen für das Jahr 2009 anzugeben. Sie haben gute Aussichten, sich ihre im Laufe des Jahres gezahlte Abgeltungsteuer entweder komplett oder zumindest zum Teil zurückzuholen.

Die Chance auf eine Rückzahlung haben alle, die einen persönlichen Grenzsteuersatz unter 25 Prozent haben. Denn sie müssen nur diesen niedrigen Steuersatz für Kapitaleinkünfte zahlen.

Der Grenzsteuersatz gibt an, wie hoch die Steuerbelastung für jeden neu hinzukommenden Euro ist. Als Richtwert gilt: Anleger, deren zu versteuerndes Einkommen bei höchstens 15 000 Euro liegt (Ehepaare: 30 000 Euro), haben einen Grenzsteuersatz unter 25 Prozent. Das zu versteuernde Einkommen ist viel niedriger als das Bruttoeinkommen. Wer vergangenes Jahr eine Steuererklärung abgegeben hat, findet im Steuerbescheid das zu versteuernde Einkommen von damals zur Orientierung.

Alles zurückholen

Gerade für ältere Anleger kann es sich sogar lohnen, Kapitalerträge anzugeben, wenn ihr Grenzsteuersatz höher ist als 25 Prozent. Denn nur wenn sie selbst beim Finanzamt abrechnen, profitieren sie vom Altersentlastungsbetrag.

Dieser Steuerfreibetrag für Nebeneinkünfte steht allen zu, die zu Beginn des Steuerjahres 64 Jahre alt waren.

Die Kapitaleinkünfte sind sogar komplett steuerfrei, wenn am Ende der Rechnung das zu versteuernde Einkommen inklusive der Kapitaleinkünfte bei höchstens 7 834 Euro liegt. Der Rentnerin im folgenden Beispiel bringt das Ausfüllen der Anlage KAP mehr als 800 Euro zurück.

Beispiel: Eine berufstätige Frau ist im November 2008 mit 65 Jahren in Rente gegangen. Im Jahr 2009 hat sie 15 000 Euro Rente erhalten. Außerdem hat die Frau 4 000 Euro Zinsen erzielt und einen Freistellungsauftrag von 801 Euro gestellt. Einer Kirche gehört sie nicht an.

Für die steuerpflichtigen Zinsen der Rentnerin hat die Bank 2009 Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag abgeführt:

Bank überweist Abgeltungsteuer
Zinsen 4 000 Euro
Sparerpauschbetrag –801 Euro
Steuerpflichtige Kapitaleinkünfte 3 199 Euro
Abgeltungsteuer (25 Prozent): 799,75 Euro
Solidaritätszuschlag (5,5 Prozent): +43,99 Euro
Abgaben insgesamt: 843,74 Euro

Die Frau könnte es dabei belassen und müsste in der Steuererklärung dann nur noch ihre Rente abrechnen. Diese trägt sie in voller Höhe in die Steuerformulare ein.

Da sie seit 2008 Rentnerin ist, sind von den 15 000 Euro Rente 56 Prozent steuerpflichtig – das sind 8 400 Euro. Von diesem Wert zieht das Finanzamt mehrere Posten ab: unter anderem 102 Euro als Werbungskostenpauschale für ihre Rente und 36 Euro Sonderausgabenpauschale.

Auch der Abzug der Versicherungsbeiträge – im Beispielfall 2 600 Euro – macht sich für die Frau bezahlt. Übrig bleiben 5 662 Euro zu versteuerndes Einkommen. Dieses liegt deutlich unter dem Grundfreibetrag von 7 834 Euro. Es bleibt für die Rentnerin damit bei der Abgeltungsteuer von 843,74 Euro, zusätzliche Steuern fallen nicht an.

Optimal ist diese Rechnung nicht: Gäbe die Rentnerin auch ihre Kapitalerträge in der Steuererklärung an, bekäme sie die Steuer komplett zurück. Für sie macht sich der Altersentlastungsbetrag bemerkbar, dessen Höhe vom Geburtsjahr abhängt.

Die Frau, die 2008 mit 65 Jahren in Rente ging, ist Jahrgang 1943. Daher zieht das Finanzamt von ihren 4 000 Euro Zinsen nicht nur 801 Euro Sparerpauschbetrag ab. Die Behörde kürzt den Restbetrag auch noch um 35,2 Prozent, die als Altersentlastungsbetrag für die Frau steuerfrei sind.

Über die Steuererklärung kommt sie somit nicht auf 3 199 Euro steuerpflichtige Kapitaleinkünfte, von denen ihre Bank ausgegangen war, sondern nur auf 2 072 Euro. Die Gesamtrechnung fällt nun anders aus:

Die Gesamtabrechnung
Kapitaleinkünfte 2 072 Euro
Renteneinkünfte +8 400 Euro
Werbungskosten –102 Euro
Versicherungsbeiträge –2 600 Euro
Sonderausgabenpauschale –36 Euro
Zu versteuerndes Einkommen: 7  734 Euro

Selbst wenn die Rentnerin ihre Kapitaleinkünfte in der Steuererklärung angibt, bleibt sie also unter dem Grundfreibetrag von 7 834 Euro. Sie hätte für ihre Zinsen eigentlich gar keine Abgeltungsteuer zahlen müssen und bekommt sie vom Finanzamt komplett zurück.

Verluste verrechnen

Vorteile bringt die nächste Steuererklärung auch Ralf Lutter aus Bad Vilbel. Vor einigen Jahren hat der 38-Jährige beim Verkauf von Aktienfonds Verluste gemacht, die er seither noch nicht verrechnen konnte. Er wollte nun von Finanztest wissen, wie er die Altverluste in der ersten Steuererklärung mit neuen Regeln verrechnen kann.

Ralf Lutter kann seine Altverluste derzeit entweder mit Gewinnen aus „privaten Veräußerungsgeschäften“ – zum Beispiel dem Verkauf einer vermieteten Immobilie – verrechnen oder mit steuerpflichtigen Gewinnen aus Kapitalanlagen. Auf diesem Weg wird der 38-Jährige immerhin einen Teil der Altverluste los, der Rest wird ins nächste Jahr vorgetragen.

Die Jahresabrechnung kann sich auch für diejenigen lohnen, die 2009 zum Beispiel neue Fonds gekauft und diese bereits wieder mit Verlust verkauft haben. Erzielt ein Fondssparer mit neu erworbenen Anteilen sowohl Gewinne als auch Verluste, verrechnet die Depotbank das zunächst intern. Bleiben Verluste übrig, bietet die Steuererklärung die Chance, diese beispielsweise mit Zinsen bei einer anderen Bank auszugleichen. Anleger, die diese Möglichkeit nutzen wollen, müssen bis zum 15. Dezember bei der Depotbank eine Verlustbescheinigung beantragen.

Alles abklopfen

Wer selbst beim Finanzamt abrechnet, kann sich auch in anderen Situationen Geld zurückholen. Beispiel Bankenwechsel: Hat die neue Bank nicht alle Daten eines Wertpapiergeschäfts gekannt und den Gewinn zu hoch angesetzt, ist zu viel Abgeltungsteuer geflossen. Die holen sich Anleger mithilfe der Kaufbelege wieder.

Außerdem lohnt sich ein Blick auf die Freistellungsaufträge. Stellen Bankkunden fest, dass die Aufträge nicht optimal verteilt waren, haben sie vielleicht zu viel Steuern bezahlt, weil sie den Sparerpauschbetrag von 801 Euro (Ehepaare: 1 602 Euro) nicht ausgenutzt haben. Das Geld holen sie sich über die Steuererklärung zurück.

Merkt ein Sparer hingegen, dass er zu hohe Freistellungsaufträge erteilt hatte, zum Beispiel weil er einen alten Auftrag nicht gelöscht hatte, wird die Steuererklärung für ihn sogar zum Pflichtprogramm.

Serie Abgeltungsteuer
Die nächsten Folgen:
– Die neuen Regeln für Wertpapiere und Investmentfonds (2/2010)
– Die Steuerformulare im Detail (3/2010)