Jeder, der sich selbstständig machen möchte, sollte zuvor ein ­Existenzgründerseminar besuchen. Es gibt gute Kurse. Doch leider verstellen auch viele Seminare den Blick auf den richtigen Weg­. Davon sollte sich keiner entmutigen lassen.

Marina Münch* schildert den Seminarteilnehmern begeistert ihre Idee, ein Schreiblabor zu gründen. Sie will Wissenschaftlern Schreib- und Arbeitstechniken vermitteln und sie beim Verfassen ihrer Aufsätze unterstützen. Doch barsch fragt der Dozent: „Wer sollen denn die Kunden sein?“ Kerstin Bade* will Kunden anbieten, ihre Diplom- und Doktorarbeiten in eine fachgerechte Form zu bringen. „Kann man davon leben?“, ist die ironisch-kritische Frage des Dozenten.

Die Fragen sind berechtigt, die Ironie aber nicht. Beide Frauen sind verunsichert. Und in den vier Kurstagen beim Centrum für Fort- und Weiterbildung helfen ihnen die Dozenten kaum, Antworten zu finden.

Doch genau das ist der Zweck solcher Seminare. Für viele Gründungswillige sind sie die einzige Möglichkeit, alle wichtigen Schritte auf dem Weg in die Selbstständigkeit kennen zu lernen. In einem guten Seminar erfahren die Teilnehmer, welches unternehmerische Wissen ihnen noch fehlt, und finden heraus, was Selbstständigkeit für sie persönlich bedeutet. Sie stellen damit die ersten Weichen für ihren Erfolg.

Mittelmäßige Qualität

Fachlich und organisatorisch lassen solche Seminare aber viele Wünsche offen. Das hat Finanztest bei einer Untersuchung von 29 Einstiegsseminaren für Existenzgründer im Raum Berlin-Brandenburg festgestellt.

Die meisten Seminare dauerten 2 bis 4 Tage. Von den 23 kurzen Kursen erreichten nur fünf eine hohe fachliche Qualität, sieben lagen wenigstens noch im mittleren Bereich.

Viele der geprüften Seminare waren vor allem deshalb schlecht, weil sie die reale Welt der Teilnehmer nicht berücksichtigten und weil die Teilnehmer am Ende eher demotiviert waren. „Ich habe viel gelernt, weiß aber nicht, wie ich das für meine Idee umsetzen kann“, stellt eine Teilnehmerin fest.

Sechs Seminare dauerten zwischen sechs Tagen und mehreren Wochen. Ihre Qualität war besser: Gründungsideen wurden konkretisiert und wich­tige Gründungsunterlagen vorbereitet. Manche Anbieter haben aber auch in den langen Kursen die Teilnehmer nur mit Fachwissen überschüttet.

Vorstellungsrunde ist wichtig

Das Seminar beim Centrum für Fort- und Weiterbildung in Berlin war nicht das einzige, das in einer Vorstellungsrunde mit einem Fehlstart begann. Zwar fragten viele Dozenten nach den Ideen, wenige aber nach den Erwartungen an den Kurs. Einige gaben spontan Tipps, ohne darauf später wieder einzugehen und das theoretische Wissen mit den realen Beispielen zu verbinden.

Es geht anders. Das zeigten die Kurse an der Volkshochschule (VHS) Berlin Mitte und der VHS Friedrichshain-Kreuzberg. Der Dozent nutzte die Vorstellungsrunde, um eine gemeinsame Basis zu schaffen, auf die er im Unterricht immer wieder Bezug nahm.

Im Seminar des Frauenprojekts Gründungsrausch gab die Dozentin das Ziel aus: „Wenn Sie hier rausgehen, sollen Sie sich mit Ihrer Gründungsidee einordnen können.“ Mit ihrer Hilfe wurden im Verlauf des Seminars für alle die nächsten Schritte klarer.

Das Leben ändert sich

Im Kurs an der VHS Neukölln zweifelt Susanne Mai* dagegen schon am zweiten Seminartag an ihrer Idee. Soll sie für die eigene Rechtsanwaltskanzlei die Familie aufs Spiel setzen? Denn der Dozent hatte gesagt: „Ich kenne keinen Unternehmer mit intaktem Familienleben.“

Gleich zu Beginn des Seminars hatte er jede Menge Zeitungsausschnitte gezeigt, die über Jahre Pleiten von Existenzgründern dokumentierten. Wir haben festgestellt, dass es kein Einzelfall ist, wenn Teilnehmer in Kursen demo­tiviert oder verunsichert werden.

Bei der Handwerkskammer Berlin wäre die Juristin wohl eher bestärkt worden. Die Teilnehmer sollten prüfen, welche Unterstützung im persönlichen Umfeld vorhanden ist. Bei Susanne Mai sieht das positiv aus: Mutter und Patentante stehen für die Kinderbetreuung bereit, und als Freiberuflerin kann sie ihre Arbeitszeit flexibler gestalten.

Der richtige Weg

Der zweite Seminartag beim Verein Gründungsrausch brachte für Michaela Schell* das „Ahaerlebnis“. Sie wusste nun, welche Rechtsform für ihre künf­tige Image-Agentur infrage kommen könnte. Sie hat jetzt eine genaue Vorstellung, wann was zu tun ist.

Die Dozentin war eine der wenigen, die die Konzeptions-, Planungs- und Realisierungsphase der Existenzgründung Schritt für Schritt und nahe an den Gründungsideen aller Teilnehmerinnen erläuterte.

Die verschiedenen Wege in die Selbstständigkeit lernten die Teilnehmer in nicht einmal der Hälfte der Seminare kennen. Die meisten Dozenten gingen nahezu selbstverständlich davon aus, dass immer ein neues Unternehmen gegründet wird. Andere Möglichkeiten abseits des Normalfalls, zum Beispiel Franchise, kamen selten zur Sprache.

Die Idee konkretisieren

„Der Businessplan ist ein Liebesbrief an die Bank – spannend, persönlich und verständlich!“, bekamen die Kursteilnehmer bei der Gründungsoffensive Berlin ganz lapidar zu hören. Diese drei Eigenschaften sollte der Businessplan zwar wirklich haben. Doch er ist längst nicht nur für die Bank wichtig.

Der Businessplan ist das wichtigste Schriftstück der Planung einer neuen Existenz. Er dient zuerst dem Gründer selbst. Das Erarbeiten des Plans zwingt ihn, über seine Ideen im Detail nachzudenken und sie auf den Prüfstand zu stellen. Mit dem Gründungsprozess entwickelt sich der Businessplan weiter. Natürlich dient er auch dazu, Kunden zu werben und Banken zu überzeugen.

Das Besondere finden

In einer Gründungsidee sollte etwas Neues oder Besonderes stecken. Der Gründer muss sich von der Konkurrenz abheben, er braucht ein so genanntes Alleinstellungsmerkmal. Doch die Anbieter kümmerten sich wenig darum, dieses mit den Teilnehmern an ihrer Gründungsidee herauszuarbeiten.

Beim Epikur Bildungshaus allerdings wurden die Teilnehmer durch eine Übung auf die zentrale Bedeutung dieses Themas hingewiesen.

Nur für die Länge einer Fahrstuhlfahrt hatten die Teilnehmer Zeit, ihrem Gegenüber die Besonderheiten ihres Angebots zu erläutern und den anvisierten Kundenkreis zu nennen.

Eine Merkwürdigkeit jedoch irritierte Jörg Schuster*. Die Teilnehmer mussten ihre Schuhe im Kurs ausziehen.

Finanzierung und Fördermittel

Wer gründen will, muss wissen, was finanziell auf ihn zukommt. Er muss lernen, wie er den Finanzbedarf ermittelt, welche Aspekte rund um die Finanzierung eine Rolle spielen und welche Förder- und Kapitalgeber es gibt. Doch die getesteten Anbieter haben sehr unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt und sich ziemlich oft im Detail verloren.

Lutz Wiese* konnte nach vier Stunden kaum noch folgen. Dabei diente seine Gründungsidee als Beispiel, um einen Finanzierungs- und Kapitalbedarfsplan zu erstellen. Insgesamt sechs Stunden musste er durchhalten in einem Seminar bei der Unternehmensberatung Dr. Harwarth. Andere Teilnehmer hatten längst aufgegeben.

Auch bei Buchführung und Steuern wurden in vielen Kursen die Teilnehmer überfordert, weil ihnen entsprechende Vorkenntnisse fehlten und Übungen ohne Hilfe stattfanden.

Vergeudete Zeit

Unmut regte sich bei Teilnehmern einiger Kurse, weil sie vieles mehrfach hörten. Themenüberschneidungen bei Seminaren mit mehreren Dozenten sind uns häufig aufgefallen.

Bei der VHS Neukölln wurden Versicherungen gleich drei Mal ausführlich behandelt – eigentlich ein Thema, das nur kurz angesprochen werden müsste.

Etliche Dozenten, die sonst als Steuer- oder Unternehmensberater, Banker oder Versicherungsmakler arbeiten, trieben außerdem mehr oder minder offene Eigenwerbung, zum Teil verbunden mit unseriösen Erfolgsversprechen.

Bei vielen Praktikern fiel unseren Testern das fehlende pädagogische Können der Dozenten auf: Sie pflegten einen langweiligen Vorlesungsstil, gaben Frontalunterricht, verloren sich in Details und machten kaum oder ungeeignete Übungen. Die Gründungsideen bezogen sie kaum ein.

Lobenswert dagegen auch in diesem Punkt die Handwerkskammer Berlin: Der gesamte letzte Tag diente zur Wiederholung und Festigung des vermittelten Stoffs. Im Mittelpunkt standen Gründungsablaufplan, Werbe- und Unternehmenskonzept sowie ein simuliertes Bankgespräch. Zwei Dozenten gaben den Teilnehmern persönliche Hilfe.

Unterlagen zum Nachschlagen

Nur in 5 von 23 Kurzseminaren bekamen die Teilnehmer ein vollständiges Seminarmanuskript mit den wichtigsten Informationen zu allen behandelten Themen. Aufgrund der Fülle der Informationen ist das eine wichtige Hilfestellung für den Gründungsprozess.

Doch in den meisten Seminaren und Kursen sind Einzelkopien und themenbezogene Einzelskripte an der Tagesordnung. Das kommt selbst in Kursen vor, die vom Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) gefördert werden.

Dabei verlangt die geltende Förderrichtlinie von den Anbietern, seminarbegleitende Unterlagen für jeden Teilnehmer kostenlos bereitzustellen. Ein paar Einzelkopien werden dieser Forderung wohl kaum gerecht.

Manchmal schummelt ein Anbieter auch bei den finanziellen Zuschüssen. Die Förderung beträgt je Veranstaltungstag bis zu 340 Euro. Um mehr Geld zu bekommen, bat ein Veranstalter die Teilnehmer eines dreitägigen Seminars, für vier Tage zu unterschreiben.

Ein gutes Wort zum Schluss

Es gab viele schlechte Vorbilder für die Gründer, doch manche halfen ihren Teilnehmern auch richtig auf die Sprünge. „Was hindert Sie noch daran, sofort loszulegen?“, fragte der Kursleiter der VHS Berlin Mitte am Schluss seines Seminars jeden einzelnen Teilnehmer.

Er gab Tipps für die nächsten Schritte und erklärte, wie wichtig es ist, im Anschluss an seinen Gründerkurs noch eine individuelle Beratung in Anspruch zu nehmen. Zumindest diese Teilnehmer gingen ermutigt aus dem Kurs.

Nur wenige Veranstalter wollten wissen, wie die Teilnehmer den Kurs einschätzten. Dabei gibt es noch viel zu verbessern, um Existenzgründer auf ihrem Weg zu unterstützen.

*Namen von der Redaktion geändert

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