Selbstmordprävention Meldung

Durch Selbsttötung sterben in Deutschland jedes Jahr mehr Menschen als bei Verkehrsunfällen. Wer Alarmsignale erkennt, kann eingreifen. Wissenschaftler wollen jetzt Vorschläge für eine bessere Prävention entwickeln.

Einsame Sonntage hab ich zu viele verbracht. - Heut mach ich mich auf den Weg in die lange Nacht. - Bald brennen Kerzen, und Rauch macht die Augen feucht. - Weint doch nicht, Freunde, denn endlich fühl ich mich leicht. - Der Atemzug bringt mich für immer heim. - Im Reich der Schatten werd ich geborgen sein. - Trauriger Sonntag."

Das Lied des ungarischen Komponisten Rezso" Seress vom traurigen Sonntag löste in den dreißiger Jahren eine Selbstmordwelle in Ungarn und der ganzen Welt aus. Ähnlich wie etwa 150 Jahre zuvor zahlreiche junge Männer dem liebeskranken Werther in den Tod folgten und in den neunziger Jahren dem lebenskranken Kurt Cobain, so animiert auch heute noch fast jeder Unbekannte, der vor eine U-Bahn springt, etliche Verzweifelte zur Nachahmung.

Die Selbsttötung ist in allen Kulturen bekannt, aber es gibt deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Nationen: Während in Mittelmeerländern wie Griechenland, Italien und Spanien seit jeher weniger Menschen Selbstmord begehen, ist die Rate in Ost- und Nordeuropa besonders hoch, zum Beispiel in Ungarn und Österreich, Finnland und Dänemark. Innerhalb Deutschlands liegen Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen an der Spitze, das Saarland, Nordrhein-Westfalen und Hessen bilden die Schlusslichter. Übrigens gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts deutliche Unterschiede zwischen den deutschen Ost- und Westregionen.

Mehr als 11.000 Deutsche nahmen sich 1999 das Leben, fast dreimal so viele Männer wie Frauen. Zum Vergleich: Bei Verkehrsunfällen starben rund 8.000 Menschen. Die tatsächliche Zahl der Suizide ist wahrscheinlich viel höher. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, die sich etwa hinter Verkehrsunfällen, Drogenmissbrauch und unklaren Todesursachen verbirgt. Offiziell ist allerdings: Immer mehr Jugendliche und alte Menschen begehen Selbstmord. Suizidversuche ­ hierbei überwiegen die Frauen ­ sind mindestens 10- bis 15-mal häufiger als vollendete Selbstmorde.

Der Forschungsverbund "Kompetenznetz Depression/Suizidalität" will dem traurigen Alltag jetzt den Kampf ansagen und die Aktivitäten von Wissenschaftlern, Krankenhäusern und Hausärzten zusammenführen. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte Projekt will unter anderem Kriterien für die Prävention von Selbstmorden und die Früherkennung von Gefährdeten entwickeln. Dazu wurde die Region Nürnberg ausgewählt ­ Starttermin Januar 2001. Hausärzte werden geschult und beraten, Sozialarbeiter, Lehrer und Pfarrer informiert. Dass Selbstmorde verhindert werden können, wenn die Gefahr rechtzeitig erkannt und die Gefährdeten behandelt werden, hat ein Modellprojekt auf der schwedischen Insel Gotland gezeigt: Dort sank innerhalb von drei Jahren die Suizidrate um 60 Prozent, nachdem Allgemeinärzte auf mögliche Selbstmordsignale geschult worden waren.

In Nürnberg soll zusätzlich die Bevölkerung für das Tabuthema sensibilisiert werden, zum Beispiel mit Plakaten und Kinospots. Die Laien sollen über Anzeichen von Depressionen aufgeklärt werden, um sie erkennen zu können. Professor Ulrich Hegerl, Koordinator des Netzwerks: "So kann man den Menschen die Scheu nehmen, sich an professionelle Helfer zu wenden."

Obwohl man im Einzelfall nie sicher klären können wird, ob der Selbstmord zu verhindern gewesen wäre ­ im Prinzip ist das möglich. Kaum einer nimmt sich das Leben, ohne seine Gefühle einem anderen zu offenbaren. 80 Prozent der Verzweifelten kündigen ihre Tat vorher an, entweder direkt oder indirekt, indem sie das Thema Tod vorsichtig einkreisen. Auch ihr Verhalten kann sich ändern. Da die meisten Menschen, die an Selbsttötung denken, zwischen dem Wunsch zu leben und zu sterben schwanken, besteht durchaus eine Chance, sie im Leben zu halten, wenn man auf ihren Hilferuf eingeht. Viele Menschen, die gerettet wurden, lösen sich später von ihren Selbstmordabsichten.

Die wichtigsten Alarmsignale für einen drohenden Suizid sind:

- Rückzug von Freunden, Angehörigen und Aktivitäten, nicht mehr reden, allein sein wollen, Probleme in der Schule, am Arbeitsplatz;

- direkte oder indirekte Ankündigung einer Selbsttötung ­ dazu zählen auch Aussagen wie "Es hat alles keinen Sinn mehr", "Ich kann nicht mehr" oder "Ich falle euch nur zur Last";

- Abschied nehmen, wichtige oder geliebte Gegenstände verschenken, Schulden zahlen, Vermögens- und Erbschaftsregelungen treffen;

- Stimmungsschwankungen, auch plötzliche Ruhe, Gelassenheit nach tiefer Verzweiflung ­ dies könnte darauf hindeuten, dass jemand den festen Entschluss zum Selbstmord gefasst hat;

- Depressionen;

- Persönlichkeitsveränderung, Änderung von Einstellungen, Aussehen, Aktivitäten, Ess- und Schlafgewohnheiten;

- selbstzerstörerisches Verhalten, gefährliche Aktivitäten, Risikosport, riskantes Autofahren, Alkohol- und Drogenmissbrauch;

- Lebenskrise, Kränkung, Trennung, Scheidung, Tod eines nahe stehenden Menschen, Unfall, schwere Krankheit, Verlust des Arbeitsplatzes oder finanzielle Probleme;

- Identifikation mit jemandem, der Selbstmord begangen hat;

- vorangegangener Selbstmordversuch.

Im Nürnberger Modellprojekt sollen mit Zeitungen und Hörfunksendern auch Leitlinien für die Berichterstattung über Selbstmorde entwickelt werden ­ sodass keine Nachahmungstäter animiert werden. Dass es funktioniert, zeigt das Beispiel der Stadt Wien. Dort vereinbarten Journalisten mit der Polizei und den Verkehrsbetrieben schon 1987, keine ausführlichen Beschreibungen mehr über Selbsttötungen zu veröffentlichen. Sofort sank die Zahl der Suizidversuche um 70 Prozent, so eine Studie der Uni Wien. In den Folgejahren pendelte sie sich bei 50 Prozent ein. Vor einem halben Jahr wurde in München eine ähnliche Verabredung getroffen.

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