Geschichte: Therapie ohne Therapeut

Die Geschichte der gesundheitlichen Selbsthilfe in Deutschland ist fest mit dem 1. November 1953 verknüpft. Damals verkündeten US-Soldaten in einem Münchener Hotel die Genesungsbotschaft der Anonymen Alkoholiker (AA).

17 Jahre zuvor hatten drei Amerikaner in Akron, Ohio, die erste AA-Gruppe gegründet. Durch spirituelles Leben, gegenseitige Hilfe und die Einsicht, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, gelang es den drei Trinkern, „trocken“ zu werden. Das war der Beginn der klassischen Selbsthilfe – ein freiwilliger Zusammenschluss von Menschen, die gemeinsam eine Krankheit oder ein psychisches Problem bewältigen. Vor allem in den sechziger Jahren erlebte die Idee der AA in Deutschland enormen Zuspruch.

In dieser Zeit nahm auch eine andere Selbsthilfebewegung ihren Ausgang: Die Eltern behinderter Kinder organisierten sich, um Hürden abzubauen und den Kindern die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu erleichtern.

Im Zuge der Alternativbewegung nach 1968, die alle sozialen Bereiche prägte, gründeten sich in den siebziger Jahren zahlreiche Selbsthilfegruppen, vor allem im Bereich chronischer Erkrankungen wie Rheuma oder Diabetes. Parallel dazu etablierten Reformen in der psychosozialen Arbeit die Gruppentherapie. Daraus abgeleitet, gründeten Betroffene in den achtziger und neunziger Jahren zahlreiche eigene Gesprächskreise, eine Art Gruppentherapie ohne Therapeut.

Anfang der achtziger Jahre setzte auch eine professionelle Unterstützung der Selbsthilfe von außen ein, um sie strukturell zu stärken. Wirkung, Chancen und Bedürfnisse der Selbsthilfe wurden zunehmend Thema wissenschaftlicher Studien. Ausgehend von Forschungsprojekten entstanden die ersten Selbsthilfekontaktstellen, um Menschen zur Selbsthilfe zu motivieren, bestehende Gruppen zu beraten, die Kooperation mit Fachleuten zu fördern.

In den vergangenen zehn Jahren wurden die Strukturen innerhalb der Selbsthilfe professionalisiert. Zahlreiche örtliche Gruppen haben sich zu überregionalen Verbänden zusammengeschlossen, um ihre Interessen politisch wirksam zu vertreten. Die Förderung der Selbsthilfe wurde für die gesetzlichen Krankenkassen verpflichtend. Patienten werden vereinzelt an gesundheitspolitischen Entscheidungen beteiligt.

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