Interview: Warum die Bilder hüpfen

Schwindel Special

Professor Michael Strupp leitet die Schwindelambulanz der Münchner Uniklinik. Übervorsichtigen Patienten empfiehlt er schon mal, Walzer zu tanzen. Das schult das Gleichgewicht.

Kann man dem Schwindel auch positive Seiten abgewinnen?

Es gibt den gesunden Schwindel, den jeder von uns erlebt hat, beim Tanzen oder als Kind auf dem Karussell. Kinder lieben das, die wollen geschaukelt werden, die wollen gedreht werden. Das ist auch wichtig, denn Bewegung schult die Balance und eicht das ganze Gleichgewichtssystem ein.

Warum macht schaukeln oder tanzen schwindlig?

Wenn man Walzer tanzt und dann stehen bleibt, gibt es eine gewisse Trägheit im Innenohr. So entsteht dieses über 30 Sekunden anhaltende Drehschwindelgefühl. Dann liefern einem die Gleichgewichtsorgane das Gefühl, man dreht sich noch, und die anderen Organe nicht.

Wie entsteht krankhafter Schwindel?

Schwindel ist nur Ausdruck von Störungen, und die können verschiedene Systeme betreffen. Deswegen ist das auch so häufig. Aber ganz im Vordergrund steht eine Störung der Gleichgewichtsorgane. Es gibt Patienten, bei denen beide Gleichgewichtsorgane ausgefallen sind. Das ist die häufigste Ursache für bewegungsabhängigen Schwankschwindel mit Gangunsicherheit bei älteren Patienten. Denen ist beim Gehen, bei Kopf- und Körperbewegungen schwindlig, weil sie keine Informationen mehr vom Gleichgewichtsorgan bekommen.

Können die Augen das nicht ausgleichen?

Das Gleichgewichtsorgan ist extrem sensibel und gerade bei schnellen Bewegungen aktiv. Das ist ein ganz tolles System – Sie können den Kopf bewegen, wie Sie wollen, das Bild bleibt immer stabil. Wenn Gleichgewichtsorgane ausfallen, dann hüpfen die Bilder, alles wird unscharf, die Patienten haben Sehstörungen beim Gehen, bei Kopf- und Körperbewegungen. Das können die anderen Sinnessysteme, auch die Augen, nicht ausgleichen.

Müssen Ältere das als Alterserscheinung hinnehmen?

Das normale Altern geht nicht mit Schwindel einher. Das einfach als Altersschwindel abzutun, ist eine der häufigsten Fehldiagnosen. Die sensorischen Systeme werden im Alter zwar schlechter, aber nicht so schlecht, dass der Patient unter relevantem Schwindel leidet. Dahinter steckt ein vorzeitiges, krankhaftes Altern.

Gibt es weiteren alterstypischen Schwindel?

Gutartiger Lagerungsschwindel ist sehr häufig bei Älteren und auch die sogenannte Space phobia – die Patienten sind vielleicht mal gestürzt und trauen sich nicht mehr zu, sich zu bewegen. Sie sind organisch völlig gesund, kommen dann hier in den Raum und halten sich überall fest. Wir müssen diese Patienten sorgfältig untersuchen und ihnen sagen, dass alles in Ordnung ist.

Lässt sich Schwindel auch noch im Alter behandeln?

Ja, mit Gleichgewichtstraining. Wir sagen den Patientinnen: Wir trainieren Sie zur Primaballerina, damit Sie im Alltag besser zurechtkommen. Die Herren werden zum Seiltänzer trainiert. Aber noch wichtiger ist, sich im Alltag viel zu bewegen. Wer jeden Tag spazieren geht, Nordic Walking macht oder in eine Gymnastikgruppe geht, ist gut gerüstet. Trainingseffekte entstehen nur dann, wenn einem dabei auch schwindlig wird. Seniorentanzgruppen finde ich wunderbar – Walzer oder lateinamerikanische Tänze. Das kann ich nur empfehlen.

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