Schwindel

Interview: Warum die Bilder hüpfen

26.07.2012
Schwindel - Hilfe gegen das Karussell im Kopf

Professor Michael Strupp leitet die Schwindelambulanz der Münchner Uniklinik. Über­vorsichtigen Patienten empfiehlt er schon mal, Walzer zu tanzen. Das schult das Gleichgewicht.

Inhalt

Kann man dem Schwindel auch positive Seiten abge­winnen?

Es gibt den gesunden Schwindel, den jeder von uns erlebt hat, beim Tanzen oder als Kind auf dem Karussell. Kinder lieben das, die wollen geschaukelt werden, die wollen gedreht werden. Das ist auch wichtig, denn Bewegung schult die Balance und eicht das ganze Gleichgewichts­system ein.

Warum macht schaukeln oder tanzen schwind­lig?

Wenn man Walzer tanzt und dann stehen bleibt, gibt es eine gewisse Trägheit im Innen­ohr. So entsteht dieses über 30 Sekunden anhaltende Dreh­schwindelgefühl. Dann liefern einem die Gleichgewichts­organe das Gefühl, man dreht sich noch, und die anderen Organe nicht.

Wie entsteht krankhafter Schwindel?

Schwindel ist nur Ausdruck von Störungen, und die können verschiedene Systeme betreffen. Deswegen ist das auch so häufig. Aber ganz im Vordergrund steht eine Störung der Gleichgewichts­organe. Es gibt Patienten, bei denen beide Gleichgewichts­organe ausgefallen sind. Das ist die häufigste Ursache für bewegungs­abhängigen Schwank­schwindel mit Gangunsicherheit bei älteren Patienten. Denen ist beim Gehen, bei Kopf- und Körperbewegungen schwind­lig, weil sie keine Informationen mehr vom Gleichgewichts­organ bekommen.

Können die Augen das nicht ausgleichen?

Das Gleichgewichts­organ ist extrem sensibel und gerade bei schnellen Bewegungen aktiv. Das ist ein ganz tolles System – Sie können den Kopf bewegen, wie Sie wollen, das Bild bleibt immer stabil. Wenn Gleichgewichts­organe ausfallen, dann hüpfen die Bilder, alles wird unscharf, die Patienten haben Sehstörungen beim Gehen, bei Kopf- und Körperbewegungen. Das können die anderen Sinnes­systeme, auch die Augen, nicht ausgleichen.

Müssen Ältere das als Alters­erscheinung hinnehmen?

Das normale Altern geht nicht mit Schwindel einher. Das einfach als Alters­schwindel abzu­tun, ist eine der häufigsten Fehl­diagnosen. Die sensorischen Systeme werden im Alter zwar schlechter, aber nicht so schlecht, dass der Patient unter relevantem Schwindel leidet. Dahinter steckt ein vorzeitiges, krankhaftes Altern.

Gibt es weiteren alters­typischen Schwindel?

Gutartiger Lagerungs­schwindel ist sehr häufig bei Älteren und auch die sogenannte Space phobia – die Patienten sind vielleicht mal gestürzt und trauen sich nicht mehr zu, sich zu bewegen. Sie sind organisch völlig gesund, kommen dann hier in den Raum und halten sich über­all fest. Wir müssen diese Patienten sorgfältig unter­suchen und ihnen sagen, dass alles in Ordnung ist.

Lässt sich Schwindel auch noch im Alter behandeln?

Ja, mit Gleichgewicht­straining. Wir sagen den Patientinnen: Wir trainieren Sie zur Primabal­lerina, damit Sie im Alltag besser zurecht­kommen. Die Herren werden zum Seiltänzer trainiert. Aber noch wichtiger ist, sich im Alltag viel zu bewegen. Wer jeden Tag spazieren geht, Nordic Walking macht oder in eine Gymnastikgruppe geht, ist gut gerüstet. Trainings­effekte entstehen nur dann, wenn einem dabei auch schwind­lig wird. Seniorentanz­gruppen finde ich wunder­bar – Walzer oder latein­amerikanische Tänze. Das kann ich nur empfehlen.

26.07.2012
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