Schwindel Special

Vergnügen oder Folter? Eine Karussellfahrt beschwingt die meisten Menschen. Schwindel kann aber auch ein Zeichen von Krankheit sein und Ängste auslösen. Die Beschwerden sind meist harmlos und lassen sich gut behandeln.

Eines Tages wachte Renate Buchinger* morgens auf, öffnete die Augen – und die Welt drehte sich. „Ich wusste nicht, was ich tun sollte“, erzählt die 40-Jährige. „Ich war unsicher, ob ich selbst schwankte oder die Welt schwankte oder ob ich mir das alles nur einbilde.“ Ihr war übel, sie musste sich übergeben, und das gleich mehrfach in den folgenden Tagen. Normalerweise lebhaft und aktiv, fühlte Renate Buchinger sich plötzlich kraftlos und erschöpft, konnte sich nicht auf Gespräche oder ihre Arbeit konzentrieren. Zwei Wochen lang blieb sie zuhause. „Danach war ich wieder im Büro, aber es ging mir nicht gut dabei.“

Winfried Jäger*, Ende 50, verlor vor einiger Zeit plötzlich beim Bücken die Orientierung. „Immer wenn ich den Kopf nach vorn beuge, hab ich das Gefühl, einen Purzelbaum zu machen“, schildert er seine Beschwerden, „und wenn ich den Kopf nach hinten neige, dass ich hinten runterfalle.“ Jäger, der jahrelang in einer Möbelfabrik und im Maschinenbau körperlich schwer gearbeitet hat, vermutet, dass der Schwindel mit seiner geschädigten Halswirbelsäule zusammenhängt. Er ist jetzt seit zwei Jahren krank und hat inzwischen seinen Arbeitsplatz verloren.

Jeder Dritte kennt Schwindel

Ähnliche Erfahrungen wie Renate Buchinger und Winfried Jäger machen viele Menschen. Jeder dritte Erwachsene muss damit rechnen, einmal oder mehrfach im Leben unter starkem Dreh- oder Schwankschwindel zu leiden. Gleichgewichtsstörungen und Schwindel gehören neben Kopf- und Rückenschmerzen zu den häufigsten Gründen für einen Arztbesuch. Meist sind die Beschwerden harmlos und lassen sich gut behandeln – wenn die Ursachen erkannt werden (siehe Tabelle: Ursachen erkennen).

Angst vor jeder neuen Attacke

Patienten schildern ganz unterschiedliche Symptome, aber alle fühlen sich nicht sicher geerdet: Sie glauben zu schwanken oder sich zu drehen, haben einen holprigen Gang, sind benommen oder befürchten umzufallen. Viele leben in Angst vor jeder neuen Attacke und vermeiden Bewegungen, die sie aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Schwindel ist keine eigenständige Krankheit. Vielmehr stecken hinter den verschiedenen Formen ganz unterschiedliche Störungen oder Krankheiten. Sie reichen von Orientierungsschwierigkeiten – etwa bei Höhenangst oder der Reisekrankheit – über Kreislaufbeschwerden, Erkrankungen des Innenohrs, Störungen im Gehirn bis zu psychischen Problemen.

Der Drehwurm verbirgt sich

Schwindel Special

Die Ursachen sind nicht immer einfach zu erkennen. Der Drehwurm verbirgt sich an irgendeiner Stelle des Gleichgewichtssystems. Für die Balance sorgt normalerweise eine Vielzahl von Sinneseindrücken, die sich gegenseitig ergänzen: Gleichgewichtsorgane, Augen, Muskel- und Gelenkfühler leiten ihre Informationen über Nervenbahnen ans Gehirn. Das wertet die Signale aus und fügt sie zu einem Gesamtbild zusammen (siehe Grafik). Schwindel entsteht, wenn in diesem Zusammenspiel etwas durcheinandergerät. Was das ist, muss der Arzt herausfinden, um die zugrunde liegende Krankheit behandeln zu können.

Entzündung des Gleichgewichtsnervs

Renate Buchinger entdeckte über eine Internetsuche, dass sie sich ihr Leiden mitnichten einbildete. Sie fand ihre Symptome genau beschrieben und auch eine Bezeichnung für die Beschwerden – Neuritis vestibularis. Das ist eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs, wahrscheinlich infolge einer Virusinfektion. Sie setzt den Nerv und das Gleichgewichtsorgan der betroffenen Körperseite außer Gefecht. Das Gehirn erhält bei dieser Krankheit nur noch die Informationen des intakten Gleichgewichtsorgans auf der anderen Seite. Das löst den Drehschwindel aus.

Hilfe in der Schwindelambulanz

Die Vermutungen zu ihrer Krankheitsursache fand Buchinger im Deutschen Schwindelzentrum der Münchner Uniklinik in Großhadern bestätigt. Dort arbeiten unter anderem Neurologen, Augen- und Ohrenärzte, Kardiologen und Psychiater zusammen, um Schwindelpatienten körperlich und seelisch wieder aufzurichten. Häufig sind das Patienten mit besonders heftigen oder unklaren Beschwerden, nach unzähligen Arztbesuchen oder vergeblichen Therapieversuchen. „Den meisten Patienten können wir helfen“, stellt Professor Michael Strupp fest, der Leiter der Ambulanz des Schwindelzentrums, „und zwar einmal, indem wir ihnen genau erklären, warum sie die Beschwerden haben und dass sie nicht gefährlich sind. Dann verliert der Schwindel seine furchteinflößende Wirkung.“ Außerdem könne man nach einer eingehenden Untersuchung genau sagen, wo das Problem liege, so Neurologe Strupp, etwa im Innenohr oder beim Nerv, im Hirnstamm oder Kleinhirn. „Dann können die Patienten das nachvollziehen und sie wissen, dass die anderen Systeme intakt sind“ (siehe Interview).

Rütteln, schütteln und bewegen

In der Münchner Schwindelambulanz durchlaufen die Patienten ein rund dreistündiges standardisiertes Untersuchungs­programm. Auch in anderen Städten, etwa Berlin oder Essen, gibt es ähnliche Spezialambulanzen. Oft sind sie an Uniklinken beheimatet. Neben den einfachen Tests, wie sie auch niedergelassene Ärzte machen können (siehe „Diagnose beim Hausarzt“), spüren die Spezialisten auch feinste Reaktionen des menschlichen Gleichgewichtssystems auf, zeichnen sie per Computer auf und analysieren sie.

Gehörgänge kalt und warm spülen

Auf dem speziellen Untersuchungsparcours werden die Patienten auch heftig gedreht, gerüttelt und bewegt. Ihr Gleichgewicht wird auf eine harte Probe gestellt. Zunächst steht die Suche nach krankhaften Augen­bewegungen im Mittelpunkt. Dazu legt der Arzt den Patienten zum Beispiel auf die Seite oder den Rücken (Lagerungstest), bewegt seinen Kopf hin und her (Kopfimpulstest) oder spült die äußeren Gehörgänge mit kühlem und warmem Wasser (kalorische Prüfung). So lässt sich gut unterscheiden, ob das rechte oder linke Gleichgewichtsorgan gestört ist. Auf einem Gangteppich überprüfen die Schwindelexperten die Schrittsicherheit der Patienten, eine wacklige Messplattform erfasst ihre Körperschwankungen (Posturografie genannt) – wenn sie dort mit offenen und geschlossenen Augen auf hartem Untergrund und Schaumstoffpolster stehen.

Lagerungsschwindel am häufigsten

„Wir können den meisten Patienten schließlich eine gute Therapie anbieten“, versichert Professor Strupp. Das Befreiungsmanöver beim gutartigen Lagerungsschwindel zum Beispiel sei fast immer erfolgreich.

Gutartiger Lagerungsschwindel ist die häufigste Schwindelform überhaupt. Darunter leiden oft ältere Menschen. Sie klagen über kurze, heftige Drehschwindelattacken, wenn sie sich hinlegen, im Liegen den Kopf drehen oder sich aus dem Liegen aufrichten. Verantwortlich für das Karussell im Kopf sind verrutsche Ohrsteinchen im Gleichgewichtsorgan. Das Befreiungsmanöver sorgt dafür, dass der Schwindel erst gar nicht entsteht. Dabei kippt der Arzt den Patienten zur Seite und befördert die Ohrsteinchen aus ihrer störenden Position. So wird der Patient die Unruhestifter im Innenohr erstmal wieder los.

Medikamente gezielt einsetzen

Je nach Ursache des Schwindels können Patienten Medikamente zur Vorbeugung einnehmen, in der Akutphase für kurze Zeit entzündungshemmende oder schwindeldämpfende Mittel (siehe Tabelle). Medikamente zur Dämpfung des Drehgefühls sollten sie aber nur wenige Tage einsetzen. Danach ist Ruhe eher schädlich. Je stärker das Gleichgewichtssystem herausgefordert wird, um so größer ist die Chance, dass die Funktionen sich erholen.

Balancetraining schult das Gehirn

Schwindel Special

Balance. Übungen auf wackligem Untergrund schulen das Gleichgewichtsgefühl – sicherheitshalber festhalten.

Patienten mit einem einseitigen oder beidseitigen Ausfall der Gleichgewichtsorgane hilft beispielsweise ein Balancetraining. „Die Grunderkrankung lässt sich zwar nicht rückgängig machen“, erklärt Professor Strupp. „Aber Gleichgewichtsübungen können dazu beitragen, das Schwanken zu reduzieren – das Gehirn lernt, die Defizite auszugleichen“, weiß er.

Auch Renate Buchinger hat ein solches Balancetraining geholfen. Sie machte Standübungen auf beweglichen Schaumstoffpolstern und lief auf unebenem Gelände. „Das löst teilweise sogar wieder Schwindel aus“, erzählt sie, „man muss dann halt sehen, wie weit man gehen kann und wann man aufhören muss.“

Schwindel Special

Koordination. Tischtennis, Tennis oder Ballspiele schulen die Koordination von Hand und Augen.

Kleine Tricks im Alltag hat Winfried Jäger gefunden, die ihm helfen, seine Schwindelanfälle wieder zu stoppen. „Wenn ich das merke, dann such ich mir irgendwo einen Punkt und fixiere den, dann hört es auch wieder auf.“ Dennoch lastet die Krankheit schwer auf ihm – sowohl seine schmerzende Wirbelsäule als auch seine Gleichgewichtsstörungen. „Ich hab’ das Gefühl, dass ich den Kopf gar nicht mehr auf der Schulter halten kann“, sagt er.

Nicht immer körperliche Ursachen

Nach dem Untersuchungsmarathon konnten die Ärzte der Schwindelambulanz für Winfried Jägers Symptome keine körperlichen Ursachen finden. Sie empfehlen ihm weitere Untersuchungen in der Neurologie. „Man wird jetzt noch kränker gemacht, als man ist, von der Psyche her.“

In der Münchner Spezialambulanz gehört der phobische Schwankschwindel – so lautet der Fachbegriff für Schwindel ohne organische Ursachen – zur zweithäufigsten Schwindelform. Der Schwindel kann Ausdruck seelischer Probleme sein, was den Kranken häufig gar nicht bewusst ist. Schwindelattacken können zum Beispiel auch in Situationen auftreten, die sie als unangenehm empfinden – unangenehm für sie kann ein leerer Raum sein oder eine Menschenansammlung.

Jahre bis zur Diagnose

Bis zur richtigen Diagnose vergehen nicht selten viele Jahre, in denen die Patienten von Arzt zu Arzt pilgern. Viele sind erleichtert, wenn sie dann erfahren, dass sie organisch gesund sind. Bei anhaltenden Beschwerden kann eine Verhaltenstherapie das Leiden lindern – sofern die Patienten dazu bereit sind.

Forschen für die Patienten

Trotz aller Erfolge der Spezialisten – Diagnostik und Therapie von Schwindel müssen weiter verbessert werden, meint Professor Michael Strupp. „Hier sehen wir unsere Stärken“, sagt er, „wir arbeiten mit den Grundlagen­wissenschaften zusammen, entwickeln neue technische Systeme für die Diagnostik und initiieren Therapiestudien.“ Die Schwindelambulanz, die er leitet, ist Teil des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums der Ludwig-Maximilian-Universität, das Fördergelder vom Bundesforschungsministerium erhält. „Eines unserer Ziele ist es, die Standards zu verbessern.“ Davon sollen auch die niedergelassenen Ärzte und letztlich natürlich die Patienten profitieren.

„Laufen war für mich das Beste“

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Drehgefühl. Walzer oder lateinamerikanische Tänze können wieder angenehme Schwindelgefühle wecken.

Eines steht jedoch schon heute fest: Wer körperlich aktiv ist, kann den Schwindel vertreiben. Das hat auch Renate Buchinger gemerkt. „Ich kann anderen Patienten nur raten, in Bewegung zu bleiben, nicht auf dem Sofa oder im Bett zu bleiben, auch wenn sie sich überwinden müssen. Dann sollen sie den Partner, die Eltern oder die Oma einfach mitnehmen und wirklich laufen. Für mich war es das Beste.“

Tipp: Ähnliche Spezialzentren oder -ambulanzen wie in München gibt es unter anderem in Berlin, Essen, Lübeck und Tübingen. Einige Krankenkassen bieten regional auch spezielle Behandlungsprogramme für Schwindelpatienten an, zum Beispiel viele Betriebskrankenkassen, die Barmer GEK, KKH Allianz und die Techniker Krankenkasse.

* Name geändert

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