Nicht selten in der Früh­schwangerschaft: Das Gefühl, sich übergeben zu müssen.

In den ersten Schwanger­schafts­wochen ist den meisten Frauen oft schlecht. Ihr Körper reagiert damit auf hormonelle Umstel­lungen. Bei vielen Betroffenen sind die Beschwerden harmlos und klingen nach dem dritten Monat ab. 2 Prozent der Schwangeren leiden aber so gravierend, dass Risiken für Mutter und Kind bestehen und ein Arzt sie behandeln sollte. Hier erfahren Sie, was gegen leichte und schwere Übel­keit hilft und ob von den Medikamenten Risiken ausgehen.

Morgens wird vielen schlecht

Der Beginn einer Schwangerschaft kündigt sich oft mit Übel­keit an: In der vierten bis siebten Schwanger­schafts­woche wird 70 bis 90 Prozent der Frauen immer wieder schlecht – vor allem morgens. Einige müssen sich übergeben, andere nicht. Die Beschwerden empfinden die Betroffenen in der Regel als leicht bis moderat. Mit der Übel­keit reagiert der Körper auf die hormonellen Veränderungen. 60 Prozent der Betroffenen sind das Leiden am Ende des dritten Schwanger­schafts­monats wieder los, am Ende des fünften Schwanger­schafts­monats sind es 90 Prozent. Für Mutter und Kind sind leichte bis mitt­lere Beschwerden normaler­weise harmlos, sie lassen sich häufig mit Haus­mitteln lindern (siehe unten). Schwangere mit schweren Symptomen sollten aber zum Arzt gehen.

2 Prozent der Schwangeren erbrechen sich häufig und heftig

Etwa 2 Prozent der Schwangeren müssen sich auffallend häufig und heftig übergeben. Die Beschwerden können so stark ausgeprägt sein, dass die Frauen weder flüssige noch feste Nahrung bei sich behalten. Sie verlieren Flüssig­keit, Elektrolyte wie Natrium und Kalium und sind allgemein von Mangel­ernährung bedroht – gefähr­lich für die Gesundheit der Mutter und des ungeborenen Kindes. Für das Kind vergrößert sich dann das Risiko, zu früh oder mit wenig Gewicht auf die Welt zu kommen. Unaufhörliches Erbrechen kann auch auf die Psyche schlagen: Forscher berichten von enormen seelischen Belastungen für die werdende Mutter und ihre Familien. Einige verspürten sogar den Wunsch, die Schwangerschaft zu beenden. Immerhin verschwindet diese schwere Ausprägung der Übel­keit in den meisten Fällen nach dem ersten Schwanger­schafts­drittel.

Bei schwerem Erbrechen zum Arzt gehen

Bei Frauen mit schweren Symptomen sollte ein Arzt abklären, ob eventuell andere Erkrankungen vorliegen – wie eine Leber- oder Bauch­speicheldrüsen­entzündung oder eine Stoff­wechsel­erkrankung. Wenn er eine schwere Schwanger­schafts­übel­keit (Hyper­emesis gravi­darum) diagnostiziert, müssen einige Patientinnen ins Kranken­haus. Dort bekommen sie dann Infusionen, um Flüssig­keits­verluste auszugleichen. Anderen Frauen kann der Arzt gängige Medikamente gegen Übel­keit und Erbrechen verordnen. Allerdings sind diese mit einer Ausnahme – dem Kombi-Präparat mit Doxylamin plus Pyridoxin – in Deutsch­land nicht ausdrück­lich zur Behand­lung von Übel­keit und Erbrechen in der Schwangerschaft zugelassen. Für einige Mittel liegen immerhin Erfahrungen zum Einsatz in dieser sensiblen Phase vor.

Hier ein Über­blick:

Mittel gegen Allergien können schlimme Symptome lindern

Als Medikamente gegen starke Schwanger­schafts­übel­keit kommen Anti­histaminika in Frage. Üblicher­weise nutzen sie Allergiker, aber etliche Wirk­stoffe helfen auch gegen Übel­keit und Erbrechen. Der Grund: Sie behindern Nerven­schaltungen, die Impulse – etwa vom Gleichgewichts­organ im Innen­ohr zum Brech­zentrum – weiterleiten. Bislang liegen nur wenige Studien zum Nutzen von Anti­histaminika gegen Schwanger­schafts­übel­keit und -erbrechen vor.

Wichtig: Schwangere sollten diese nur in Rück­sprache mit einem Arzt einnehmen und nur in den ersten sechs Schwanger­schafts­monaten. Im letzten Schwanger­schafts­drittel können die Wirk­stoffe vorzeitige Wehen auslösen.

  • Dimenhydrinat und Diphenhydramin. Bei Beob­achtungen von vielen tausend Schwangeren, die Dimenhydrinat oder Diphenhydramin gegen Schwanger­schafts­übel­keit einge­nommen hatten, fielen keine gravierenden Risiken für Mutter oder Kind auf. Allerdings zeigten einige Neugeborene Anpassungs­störungen und Entzugs­symptome wie Zitt­rigkeit und Durch­fall, wenn die Mutter den Wirk­stoff in der Schwangerschaft dauer­haft angewendet hatte.
  • Doxylamin plus Pyridoxin. Die Kombination aus dem Anti­histaminikum Doxylamin und Vitamin B6 (Pyridoxin) ist derzeit in Deutsch­land das einzige zugelassene Arznei­mittel für Schwanger­schafts­erbrechen. Allerdings gilt es nicht als besonders wirk­sam. Zudem ist nicht ausreichend nachgewiesen, dass die Kombination wirk­samer ist als die Einzel­wirk­stoffe. Hinzu kommt, dass unerwünschte Wirkungen auftreten können: Schläf­rigkeit, trockener Mund, Sehstörungen, Magen-Darm-Störungen, Herz­rhythmus­störungen. Mehr Infos im Online-Portal der Charité Universitäts­medizin Berlin: embryotox.de
  • Meclozin. Dieses Anti­histaminikum macht nur leicht müde. Aus Beob­achtungen von vielen tausend Schwangeren, die Melcozin genutzt hatten, ergaben sich keine Hinweise auf Risiken für Mutter oder Kind – so steht es im Onlineportal embryotox.de. Allerdings ist das Mittel nur noch im Ausland und über Auslands­apotheken erhältlich. Bis 2007 war es als Fertigarznei­mittel Postadoxin auf dem deutschen Markt erhältlich. Der Hersteller stellte den Vertrieb aus wirt­schaftlichen Gründen hier­zulande ein.

Wenn nichts anderes mehr hilft: Spezielle Wirk­stoffe gegen Erbrechen

Der Arzt kann einer Schwangeren auch Mittel mit Wirk­stoffen verordnen, die sonst gegen Erbrechen in anderen Zusammenhängen einge­setzt werden – zum Beispiel bei Migräne oder Krebs­behand­lungen.

  • Metoclopramid. Der Wirk­stoff ist vor allem dann angebracht, wenn noch Magensäure in die Speise­röhre zurück­fließt. Metoclopramid regt die Magenbewegungen an und hilft, dass die Nahrung schneller in den Darm gelangt. Aus umfang­reichen Erfahrungs­berichten lassen sich zwar keine Risiken für das ungeborene Kind ausmachen, aber für die Mutter: Bei ihr über­windet der Wirk­stoff die Blut-Hirn-Schranke und kann im Gehirn schwere Neben­wirkungen verursachen – etwa Bewegungs­störungen wie Muskelkrämpfe oder unwill­kürliches Zucken der Muskeln an Hals, Nacken oder Gesicht. Das Risiko dafür steigt mit der Dosis und Anwendungs­dauer. Schwangere sollten den Wirk­stoff daher nur für kurze Zeit – maximal fünf Tage – einnehmen. Mehr Infos: Medikamente im Test und embryotox.de
  • Ondansetron. In der Schwangerschaft kommt dieser Wirk­stoff erst in Frage, wenn andere Mittel nicht mehr helfen. Normaler­weise erhalten ihn Krebs­patienten, wenn Strahlen­therapie oder Krebs­medikamente (Zytostatika) schlimme Übel­keit und Erbrechen auslösen. Ondansetron besetzt als Gegen­spieler zum Nervenboten­stoff 5-Hydroxytryptamin-3 (abge­kürzt 5-HT3 oder Serotonin-3) dessen Binde­stellen im Brech­zentrum des Gehirns. Übel­keit und Erbrechen bleiben dadurch aus. Laut Studien­lage wirkt das Medikament zwar sehr gut gegen Übel­keit und Erbrechen, aber eine Untersuchung mit Schwangeren liefert Hinweise auf ein leicht erhöhtes Risiko für Lippen-Kiefer-Gaumenspalten beim ungeborenen Kind. Statt 11 von 10 000 Kindern seien nach Einnahme des Mittels im ersten Schwanger­schafts­drittel 14 von 10 000 Kindern von dieser Fehl­bildung betroffen. Die Daten­lage ist allerdings wider­sprüchlich, andere Studien finden diesen Zusammen­hang nicht. Das Risiko müssen die Schwangere und der Arzt mit den negativen Auswirkungen eines schweren, nicht anders behandel­baren Erbrechens für Mutter und Kind abwägen. Bei etwa jeder dritten Schwangeren führt Ondansetron zu Verstopfung, Präparate mit Laktulose oder Macrogol können dann gegen­steuern. Mehr Infos: Medikamente im Test und embryotox.de

Bei leichten bis mitt­leren Beschwerden: bewusst essen und entschleunigen

Schwangere, die nur an leichter Übel­keit leiden, sollten möglichst auf Medikamente verzichten. Eine bewusste Ernährung, Entlastungen und Haus­mittel können das Wohl­befinden verbessern. Hier einige Tipps:

  • Alle zwei Stunden ein Häpp­chen. Nehmen Sie regel­mäßig kleine, kohlenhydrat- und proteinreiche Mahl­zeiten zu sich. Probieren Sie, alle ein bis zwei Stunden eine kleine Portion zu essen, da ein leerer Magen die Übel­keit verstärken kann. Essen Sie lang­sam.
  • Kleine Bett­mahl­zeit. Essen Sie am Morgen noch vor dem Aufstehen eine Kleinig­keit im Bett.
  • Extreme meiden. Meiden Sie stark zuckerhaltige Nahrungs­mittel, ebenso stark gewürztes, gebratenes und sehr fett­reiches Essen.
  • Neutrale Speisen probieren. Greifen Sie zu wenig intensiv schme­ckenden, trockenen, salzigen Snacks wie Crackern, Nüssen, Brezeln, Toast.
  • Genug trinken. Trinken Sie mindestens 1,5 Liter am Tag. Vielen Schwangeren tun zwischen­durch kalte, klare, kohlensäurehaltige Getränke gut und nach dem Essen ein Pfefferminztee.
  • Auf Mund­hygiene achten. Putzen Sie sich nach dem Essen die Zähne oder spülen Sie den Mund gut aus.
  • Auslöser meiden. Vielen Schwangeren wird schlecht, wenn sie bestimmte Gerüche wahr­nehmen oder besondere Nahrungs­mittel essen. Auch stressige Situationen, Hitze, laute Geräusche, Licht und Fahrten in schwankenden Fahr­zeugen wie dem Bus können Übel­keit fördern.
  • Nach Entlastung suchen. Es kann sich positiv auf die Beschwerden auswirken, wenn die Schwangere sich medizi­nisch gut betreut fühlt und die Familie sie gut unterstützt – zum Beispiel bei der Betreuung älterer Kinder oder im Haushalt.

Rezept­freies Ingwerpulver und Vitamin B6

In Apotheken und Drogeriemärkten finden Schwangeren rezept­freies Ingwerpulver und Vitamin B6. Beides kann gegen leichte Übel­keit helfen, aber nicht gegen Erbrechen.

  • Pulverisierte Ingwerwurzel. Damit die erwünschte Wirkung eintritt, muss das Ingwerpulver hoch genug dosiert werden (1 bis 1,5 Gramm während 24 Stunden). Die Qualität der Studien reicht aber für eine sichere Empfehlung nicht aus, die therapeutische Wirk­samkeit sollte noch besser belegt werden. Mögliche harmlose Neben­wirkung: Einige Schwangere müssen sauer aufstoßen oder bekommen Sodbrennen. Eine kurz­zeitige Anwendung erscheint vertret­bar. Ob auch Ingwertee oder größere Mengen an Ingwer im Essen positive Effekte habe, ist noch unklar.
  • Vitamin B6 (Pyridoxin). Die Vitamin-Präparate sollen das Hormon­ungleichgewicht im Körper regulieren und so die Schwanger­schafts­übel­keit angehen, beschreiben Wissenschaftler in einer Studien­auswertung des wissenschaftliches Netz­werks Cochrane. Das wasser­lösliche Vitamin B6 ist in jeder Körperzelle an unzäh­ligen Prozessen beteiligt, besonders am Stoff­wechsel von Aminosäuren und Proteinen. Wenden Sie B6 nur in Rück­sprache mit Ihrem Arzt an. Mehr Infos auf embryotox.de

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