Schulterschmerzen Der Patient kann vieles selbst tun

Die Schulter ist das beweglichste Gelenk des Körpers. Muskeln, Bänder und Gelenkkapseln geben dem Kugelgelenk Halt und Kraft für die Bewegung. Es ist aber auch besonders empfindlich und verletzungsanfällig. Viele leiden deshalb unter Schulterschmerzen. Das größte Problem sind einseitige Belastungen und Bewegungsmangel, sagt Professor Joachim Grifka. Er beantwortet hier Fragen zu den häufigsten Schulterproblemen.

Inhalt

1 Was sind die häufigsten Schul­ter­be­schwer­den?

Oft ist schon das Anheben der Arme über die Horizontale schmerzhaft. Viele Patienten klagen über Schmerzen bei Druck auf der Schulter, also zum Beispiel nachts beim Liegen auf der Schulter. Bei Sportlern kommt es durch einseitige Überlastung oder Verletzungen zu Einklemmungen und Instabilitäten. Dann treten Schmerzen bei bestimmten Bewegungen und zusätzlicher Krafteinwirkung auf.

2 Wodurch werden sie verursacht?

Am häufigsten sind die Strukturen der Muskeln und Sehnen unter dem Schulterdach betroffen. Dabei handelt es sich um die Muskeln, die den Arm vor allem bei der Bewegung über die Horizontale hinaus nach vorn und zur Seite heben. Zwischen diesen Muskeln und dem Schulterdach befindet sich ein Schleimbeutel als Verschiebeschicht. Er kann bei einseitiger Belastung und bei Verschleißerkrankungen gereizt werden. Dadurch kommt es zu einer zusätzlichen Verdi­ckung, die große Schmerzen schon bei geringen Bewegungen macht und auch bei seitlichem Druck auf die Schulter Probleme verursacht. Bei Sportlern und bei Überlastungen im Alltag kann es zu Rissen im Bereich der Schulterkapsel kommen. Dann ist die Gelenkfunktion gestört und es können Instabilitäten auftreten.

3 Wer ist besonders gefährdet?

Gefährdet sind zum einen alle, die eine schlechte Haltung und zu wenig Bewegung haben. Dann ist die Gelenkstellung der Schulter ungünstig und die Muskeln verkümmern. Schon geringe Bewegungen und Belastungen, die ansonsten ganz normal geleistet werden könnten, stellen dann eine Überlastung dar. Verschleißbedingte Veränderungen findet man vor allem bei älteren Menschen. Zum Beispiel kann die Sehnenplatte ausgedünnt oder teilweise gerissen sein, weshalb das Heben des Arms schmerzhaft eingeschränkt ist. Sportler sind oft einseitig übertrainiert. Das Muskelungleichgewicht führt zu Überlastungen. Außerdem können Verletzungen zu Kapsel- und Bänderrissen führen. Im Extremfall kommt es zum Ausrenken der Schulter.

4 Mit welchen Untersuchungen kann der Arzt die Ursachen feststellen?

Vieles kann er schon durch eine einfache körperliche Untersuchung feststellen. Um die Strukturen im Inneren zu beurteilen, insbesondere für die Muskel-Sehnen-Platte und die Gelenkkapsel, hat sich die Ultraschalluntersuchung als Routine in der Orthopädenpraxis etabliert.

5 Sind auch technische Untersuchungen notwendig?

Wenn der Verdacht auf eine Störung der Muskel-SehnenStrukturen vorliegt und tiefer liegende An­teile in ihrem Zusammenhang mit den knöchernen Strukturen beurteilt werden sollen, hilft die Kernspintomografie.

6 Wie werden die Beschwerden behandelt?

Geringfügige und lediglich vereinzelt auftretende kurzfristige Beschwerden können gut lokal mit Salben oder gezielten Spritzen behandelt werden. Stets muss man der Ursache auf den Grund gehen. Handelt es sich um längerfristige Beschwerden, helfen vor allem Krankengymnastik, Verhaltensänderungen im Alltag, gezieltes Muskeltraining.

7 Woran liegt es, dass Patienten sich oft monate- oder sogar jahrelang mit ihren Schulterschmerzen plagen?

Aufgrund des komplexen Zusammenspiels von Muskeln, Bändern und Kapsel kann es schwierig sein, die Ursache der Beschwerden sofort exakt zu lokalisieren. Aus Erfahrung weiß man aber, welche Strukturen besonders anfällig sind. Die vom Patienten geschilderten Beschwerden und die Untersuchungszeichen leiten dann schnell zur Diagnose. Betroffene sollten sich mit Schulterbeschwerden nicht zu lange plagen und so schnell wie möglich zum Arzt gehen. Oft sind scheinbare Besserungen nur vor­übergehend und es hilft nicht, die Schmerzen ständig mit Medikamenten zu unterdrücken. Dann kommt es oft zu Verschlechterungen wie Schleimbeutelschwellung mit Einengung unter dem Schulterdach. Muskeln und Sehnen werden weiter zerstört und im Schleimbeutel bildet sich eine schmerzhafte Reizung aus.

8 Was können Patienten selbst tun, um den Heilungsprozess zu unterstützen?

Der Patient muss stets selbst etwas dazu beitragen. Wenn feststeht, welche Überlastung zu Beschwerden führt, können gezielt Muskeln trainiert werden, um eine ungünstige Belastungssituation zu behandeln. Auch bei anfänglichen Beschwerden mit reiner Reizung des Schleimbeutels ist es durch gezieltes Training und lokale Maßnahmen möglich, die Schmerzen zu beseitigen. Dann kann man sich eine Operation ersparen.

9 Was kann man tun, um Schulterproblemen vorzubeugen?

Die Vorsorge beginnt bei der richtigen Haltung des Rückens. Die Schultern müssen aus ihrer Vorneigung in die normale, gerade Position. Wer anhaltend sitzt, muss auf einen aufrechten Körper und geraden Kopf achten. Dann ist die knöcherne Einstellung des Schultergelenks günstig, um den Bewegungsraum der Schulter auszunutzen und auch über Stunden Schreibtischtätigkeiten auszuführen. Für den Freizeitbereich gilt, bei den verschiedenen Sportarten stets auch die Gegenmuskeln zu trainieren. Es ist wichtig, sich selbst zu informieren und einseitigen Überlastungen von vornherein entgegenzuwirken.

10 In welchen Fällen und wie schnell ist eine Operation sinnvoll?

Grundsätzlich sollten zunächst alle Möglichkeiten der nichtoperativen Behandlung ausgenutzt werden. Oft wird viel zu schnell operiert. Mit geeigneten Verhaltensmaßnahmen und gezielten Übungen kann der Patient vieles selbst tun. Durch begleitende Krankengymnastik mit Übungen der Schulterschule und kleineren ärztlichen Hilfen ist es auch bei begrenzten Rissen in der Muskel-Sehnen-Platte möglich, ohne Operation die volle Funktion der Schulter wieder zu erlangen. Entscheidend sind Ausmaß der Degeneration oder Verletzung und die Beschwerdesymptomatik. Es sollte jedoch nicht dazu kommen, dass ein Patient eine Dauermedikation gegen Schmerzen durchführt. Heute kann in der Regel mit kleineren Eingriffen geholfen werden.

11 Wann sollte minimal-invasiv operiert werden?

Arthroskopische Operationen sind ein Standard für die Behandlung tief liegender Veränderungen im Schultergelenk oder unter dem Schulterdach. Der Vorteil der Arthroskopie liegt darin, durch kleine Einstiche in die Tiefe des Gelenks zu kommen, alle Strukturen gut sehen und gezielt bearbeiten zu können. So können heute Veränderungen des Schleimbeutels, des Knorpels (Arthrose), der Bänder (Abrisse bei Sportverletzungen) oder knöcherne Veränderungen des Schulterdachs arthroskopisch operiert werden. Wichtig ist die nachfolgende, schnelle Krankengymnastik, um die Beweglichkeit wieder in vollem Ausmaß zu erzielen. Eine Ausnahme bilden Verletzungen, bei denen Bänder und Gelenkkapselanteile einheilen müssen oder wenn Sehnenansätze erst wieder am Knochen anwachsen müssen.

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