Schulranzen Test

Damit die Kleinen auf ihrem Schulweg gut zu sehen sind, müssen ihre Ranzen grell leuchten – zu jeder Tages­zeit und bei jedem Wetter. Nur normgerechte Modelle schaffen das.

Kinder haben keine Knautschzone. Auto­fahrer müssen sie im Straßenverkehr möglichst früh erkennen. In der Dunkelheit genauso wie tags­über, wenn die Scheinwerfer ausgeschaltet sind. Das gilt besonders für Schul­anfänger. Sie können Gefahren und Entfernungen noch nicht richtig einschätzen, laufen urplötzlich auf die Fahr­bahn oder dem Freund hinterher. Dann muss der Auto­fahrer reagieren. Je früher er die Gefahr erkennt, desto schneller kann er bremsen. Wenige Augen­blicke entscheiden, ob es zum Crash kommt.

Katzen­augen reichen nicht

Haupt­sache früh gesehen werden, heißt deshalb die Devise bei Schulranzen. Viele Eltern wähnen sich auf der sicheren Seite, wenn sie ein buntes Modell mit reflektierenden Streifen kaufen. Die Reflex­streifen funk­tionieren aber nur, wenn das Auto­licht sie anstrahlt. Rundum sicher ist ein Ranzen erst, wenn er auch tags­über, bei Niesel­regen und Sonnen­schein grell leuchtet. Dafür sorgen fluoreszierende Signalflächen.

Wie ein sicherer Schulranzen aussieht, legt die Norm DIN 58124 fest. Sie ist kein Gesetz, aber Maßstab für gute Qualität. Danach sollen 10 Prozent der Rück- und Seiten­flächen retroreflektieren: das Licht der Scheinwerfer bei Dunkelheit zurück­werfen. Das ist der Katzen­augen­effekt. Zusätzlich sollen mindestens 20 Prozent fluoreszieren: am Tag und in der Dämmerung weithin leuchten. Dafür sind kontrast­reiche, orangerote oder gelbe Flächen vorgesehen mit hoher Leucht­kraft wie Warn­westen. Auch müssen sie noch genügend leuchten, wenn sie nach und nach altern.

Neu sind die Stan­dards nicht. Wir testen seit Jahren danach. Sicherheit hat bei uns Vorfahrt. Dennoch finden Eltern in den Geschäften häufig Ranzen ohne das komplette Sicher­heits­paket. Das Problem: Sie können sichere und unsichere Modelle schnell verwechseln. Die Ranzen heißen oft genauso, haben die gleichen Motive und kosten ähnlich viel. Das zeigt auch dieser Test. Sechs der acht guten Modelle haben unsichere „Geschwister“. Ausgestattet mit retroreflektierenden Streifen, verzichten sie auf leuchtende Signalfarben. Am Tag kann der Auto­fahrer sie schlechter erkennen als ihre normgerechten „Zwillinge“. Das erhöht das Unfall­risiko, test-Qualitäts­urteil: mangelhaft.

Auch Scout-Ranzen sind unsicher

Darunter finden sich erst­mals auch drei Scouts. Sie heißen Buddy-Style-Set, Mega-Style- und Nano-Style-Set, sind verwandt mit den guten Basismodellen (siehe Tabelle). Bislang waren Scout-Ranzen stets gut. Anbieter Sternjakob hat die Sicher­heits­stan­dards mit entwickelt. Jetzt bietet Scout auch nicht normgerechte Modelle an. In der Fernsehsendung „plusminus“ vom 21. November 2012 begründete Sternjakob das mit dem Kunden­wunsch. Eltern wollten einen modischen Ranzen ohne fluoreszierendes Orange. Scout spart bei der Style-Kollektion aber auch an retroreflektierenden Flächen. Trotzdem preist er sie als „stylish und sicher“ an. Das ist dreist.

Auch andere widmen der Sicherheit zu wenig Interesse. Vier mangelhafte Ranzen aus dem Haupt­test kommen ebenfalls ohne Signal­orange daher: Ergobag E-12, McNeill Ergo light Trecking, Step by Step Touch sowie Tatonka Starter Light. Tatonka, Step by Step und Ergobag bieten über­haupt keine Modelle mit fest platzierten orangenen Warn­farben. Ergobag liefert Signalflächen separat, für 10 Euro. Das sind „Läpp­chen mit Reiß­verschluss“ für vorn und seitlich. Der Ruck­sack leuchtet dann zwar mehr, aber die Signalflächen über­decken die ohnehin zu kleinen retroreflektierenden Streifen. Weiteres Manko: Ergobag hält nicht dicht, wenn er längere Zeit im Nassen steht oder es kräftig schüttet. Nach dem Regentest – einem simulierten heftigen Schauer mit tiefen Pfützen – sammelte sich im Inneren rund ein halber Liter Wasser, Vordertasche und Boden waren durch­nässt. In den anderen Modellen bleiben die Bücher trockener. Eher erwischt es den Inhalt der Vordertasche oder Seiten­fächer – hier macht das nicht viel aus. Etliche Seiten­taschen haben Löcher, aus denen Nässe abfließen kann.

Ergobag und Tatonka wachsen mit

Schulranzen Test

Erst­klässler sind unterschiedlich groß und schwer. Sie wachsen schnell. Ein guter Ranzen sollte dem Rechnung tragen und viele Anpassungs­möglich­keiten bieten. Verstell­bare Trage­riemen haben alle. Ergobag, Step by Step und Tatonka bieten zusätzliche Schultergurte zur besseren Gewichts­verteilung. Auch ein Hüftgurt entlastet. Ein Brust­gurt verhindert, dass die Riemen von den Schultern rutschen. Die Gurte sind manchmal dabei, manchmal für wenig Geld nach­zukaufen. Wir hatten sie dabei.

Etwas Besonderes haben sich Ergobag und Tatonka ausgedacht: ein verstell­bares Rücken­teil. An sich eine feine Sache, der Ranzen wächst mit. Doch es hapert an der Umsetzung. Beim Ergobag gestaltet sich das Verstellen auf die aktuelle Länge des Kinder­rückens als ziemlich fummelige Angelegenheit. Außerdem steht der Ruck­sack in seiner tiefsten Einstellung recht nah am Kopf des Kindes, engt die Bewegungs­freiheit ein. Für kleine Erst­klässler ist das ungünstig. Einfacher und verständlicher hat Tatonka das Problem gelöst. Der Starter Light ragt weniger über, der Ranzen sitzt bei kleinen Schülern besser (siehe Fotos).

Verschlüsse oft kleine Wunder­werke

Im Praxis­test mussten die Modelle beweisen, wie gut sie sich im Schul­alltag bewähren. Experten untersuchten, wie der Ranzen auf dem Rücken sitzt, wie stabil und standsicher er ist, wie er sich packen lässt und ob alles Nötige hinein­passt. Unterstüt­zung bekamen sie von drei Mädchen und drei Jungen einer ersten Klasse. Die Kinder – von klein und schmächtig bis groß und kräftig – probierten jeden Ranzen ausgiebig aus. Mit allen kamen sie mehr oder weniger problemlos zurecht. „Schulranzen sind ausgereift. Ihr praktischer Nutzen ist besser geworden“, kommentiert der Testleiter. Als „kleine tech­nische Wunder­werke“ entpuppen sich zum Beispiel manche Verschlüsse. „Deckel zu, Klappe zu“ – so das Motto etwa beim Sammies. Der Magnetdreh­verschluss schnappt von allein ein, wenn der Deckel nach vorn klappt. Schnell und einfach: Das mögen Kinder. Hingegen brauchen sie beim McNeill Ergo Light Compact beide Hände zum Verschließen.

Alle halten den Schul­stress aus

Ranzen müssen einiges ertragen. Sie werden geschubst, fallengelassen, im Matsch oder auf der Heizung abge­stellt. Diesen Stress haben wir nachgestellt: in einer Fall­trommel, in der Klimakammer und auf einer 60 Grad heißen Metall­platte. Die Kandidaten zeigten sich erstaunlich robust. Selbst Plastikschnallen halten das schadlos aus. Tritt aber jemand drauf, können sie kaputt­gehen. Dann müssen neue angebracht werden. Nach unseren Infos liefern alle Firmen im Test Ersatz. Bei anderen Blessuren können sie nicht helfen. Der Ranzen wird schnell dreckig. Die meisten lassen sich feucht abwischen, am besten mit ein wenig Hand­spül­mittel oder Neutral­reiniger. Nur Step by Step und Sammies schließen es aus.

Noch ein Wort zur Chemie. Wir haben die Ranzen auf Phthalat-Weichmacher und poly­zyklische aromatische Kohlen­wasser­stoffe (PAK) untersucht. Da gab es keine Bean­standungen. Allerdings fanden wir in den Griffen der Scout-Ranzen Buddy Basic und Nano Basic erhöhte Mengen an Nonylphenoleth­oxylaten. Diese Chemikalie wird unter anderem in der Textilver­arbeitung einge­setzt, ist giftig für Fische und schwer abbaubar. Ob und in welcher Konzentration sie dem Menschen schadet, ist nicht geklärt. Grenz­werte fehlen. Wir haben die Schad­stoffe trotzdem kritisch bewertet – schließ­lich geht es auch ohne.

Dieser Artikel ist hilfreich. 286 Nutzer finden das hilfreich.