Immer wieder versuchen Inkassofirmen, Außenstände mit illegalen Methoden einzutreiben. Doch die Schuldner können sich wehren.

Wer sich die Internetseite von www.russisch-inkasso.de anschaut, fühlt sich wie auf einem Streifzug durch die Unterwelt: Finstere Typen ­ angeblich alles frühere russische Soldaten und Polizisten ­ bieten Geschäfts- und Privatkunden an, "ihr Geld wieder zu beschaffen". "Unkonventionelle Methoden" sorgten für eine im Vergleich zur Inkassokonkurrenz äußerst hohe Erfolgsquote, prahlen die Schuldeneintreiber.

Worin die unkonventionelle Strategie besteht, verraten sie auch gleich: Nach einem harmlosen Brief, dass "Russisch-Inkasso" eingeschaltet wurde, folge der "persönliche Kontakt" zum Schuldner. Zahle der auch dann noch nicht, würden er und seine Familie privat aufgesucht. Die weiteren Schritte werden "aus rechtlichen Gründen" verschwiegen, nicht jedoch das Ergebnis der Bemühungen: "Spätestens jetzt haben Sie Ihr Geld."

"Bevorzugt in den neuen Bundesländern werden solche illegalen Methoden immer wieder angewandt", berichtet Carsten Ohle, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU). Leider bekomme sein Verband solche schwarzen Schafe jedoch "nicht an den Kanthaken". Zwar mache sich schnell strafbar, wer so Schulden eintreibe oder eintreiben lasse. Doch die Opfer seien so eingeschüchtert, dass sie nicht als Zeugen aussagen wollten. Deshalb würden die brutalen Geldeintreiber nur selten angeklagt.

Obwohl sich diese brachiale Art des Geldeintreibens Russisch Inkasso nennt, wird sie längst nicht nur von Russen angewandt. So gibt es etwa Deutsche, die als Trittbrettfahrer die Angst der Schuldner vor der "Russenmafia" ausnutzen. Ratgeber wie "Nie wieder faule Außenstände mit Russisch Inkasso" geben ihnen Handlungstipps.

Aber auch im klassischen deutschen Inkassogewerbe gibt es nach Auskunft von Werner Sanio, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung, nach wie vor Fälle, in denen "üble Inkassomitarbeiter mit massiven Drohungen arbeiten, um Schuldner einzuschüchtern". So habe in einem Fall ein Außendienstler gedroht: "Ich habe den Auftrag, Sie zu verhaften!"

Inkasso unter Richteraufsicht

Die anderen Schuldeneintreiber sind zwar auch keine Engel. Ihre Methoden haben jedoch wenig mit solchem Brachialinkasso gemein. Denn wer in Deutschland Forderungen eintreiben will, benötigt dafür eine Erlaubnis vom Präsidenten des zuständigen Amts- oder Landgerichts. Und die bekommen nur Unternehmer, die zuvor ihre persönliche Zuverlässigkeit und Sachkunde gegenüber dem Gericht unter Beweis gestellt haben. Wer dann Schuldner mit verbotenen Methoden unter Druck setzt, hat den Entzug der Lizenz zu befürchten.

Mehrere Hundert Inkassobüros gibt es in Deutschland. Gläubiger wie Banken, Versandhäuser oder auch die Bahn schalten sie ein, wenn sie sich nicht selbst mit ihren säumigen Schuldnern auseinander setzen wollen. Einige der Inkassofirmen kaufen die Forderung für einen Bruchteil des Betrags auf und setzen sie für sich selbst durch. In der Regel werden die Inkassofirmen jedoch im Namen der Gläubiger für diese aktiv. Der Schuldner muss dann am Ende seine Schulden und die Kosten der Inkassofirmen begleichen.

Vor allem Mahnschreiben

Hält das Inkassobüro eine Geldforderung für durchsetzbar, schickt es ein erstes Mahnschreiben an den Schuldner. Darin bittet es in freundlichem Ton um Zahlung oder Rückmeldung bei Zahlungsschwierigkeiten. Wer sich daraufhin nicht rührt, erhält eine direkter formulierte Ermahnung, endlich zu zahlen. Kommt auch dann keine Reaktion, greifen die Inkassospezialisten zum Telefonhörer, um nachzuhaken und gegebenenfalls einen Hausbesuch des Außendienstmitarbeiters zu vereinbaren.

BDIU-Geschäftsführer Ohle zufolge zahlt rund die Hälfte der Schuldner spätestens nach diesem Besuch. Die restlichen Fälle müssen die Inkassobüros abgeben, denn sie dürfen nur außergerichtlich arbeiten. Hat ein Gläubiger auch nach mehrfachem Mahnen sein Geld nicht bekommen, kommt er nur mit gerichtlicher Hilfe weiter. Dabei kann ihm nur ein Anwalt helfen. Viele Inkassounternehmen kooperieren mit Vertragsanwälten, an die sie die Mandate in diesem Stadium weitergeben.

Faule Gebührentricks

Seriöse Inkassofirmen bedrohen zwar keine Schuldner. Dafür versuchten aber viele immer wieder, für ihre Tätigkeit überhöhte Gebühren zu kassieren, sagt Schuldnerberater Werner Sanio.

Das Bürgerliche Gesetzbuch erlaubt dem Gläubiger zwar durchaus, sich die Kosten für das Eintreiben offener Forderungen vom säumigen Schuldner erstatten zu lassen. Dazu gehören auch die Gebühren eines Inkassobüros. Wie hoch dessen Lohn sein darf, sagt das Gesetz aber nicht. Deshalb versuchen viele Inkassofirmen, mehr zu verlangen, als ihnen zusteht.

Inzwischen haben die Gerichte jedoch in vielen Einzelfällen geklärt, wie viel ein Inkassounternehmen für seine Arbeit verlangen darf. Als absolute Obergrenze gilt demnach das Honorar, das ein Anwalt nach der Bundesrechtsanwaltsgebührenordnung für dieselbe Arbeit verlangen dürfte (Oberlandesgericht Bamberg, Az. 8 U 59/93). Dieses Honorar steigt mit der Höhe des Betrags, um den gestritten wird.

Versucht ein Inkassounternehmen etwa mittels Mahnschreiben für ein Versandhaus 300 Mark für ein Paar Inlineskates einzutreiben, darf es dafür ­ wie ein Anwalt ­ alles in allem rund 50 Mark verlangen. Ginge es um 10.000 Mark für einen Gebrauchtwagen, wären 564 Mark Inkassogebühren angemessen. Der Satz kann sich ausnahmsweise dann erhöhen, wenn das Inkassobüro nicht nur Mahnschreiben verfasst, sondern noch erfolgversprechenden Mehraufwand betreibt, um an das Geld zu kommen. So dürfen die Schuldeneintreiber etwa dann etwas mehr verlangen, wenn sie nach dem umgezogenen Schuldner erst noch suchen mussten.

BDIU-Geschäftsführer Ohle geht dagegen generell von einer höheren Obergrenze aus. Demnach dürfte in den Beispielfällen immer rund das Doppelte an Gebühren verlangt werden. Aber selbst diese Beträge werden von vielen Inkassounternehmen deutlich überboten.

Gebührenfreies Inkasso

Überhaupt kein Geld darf für das Inkasso jedenfalls dann verlangt werden, wenn der Schuldner von vornherein klar gemacht hat, dass er nicht zahlen kann oder will. Denn dann ist ein Prozess unumgänglich (Oberlandesgericht Düsseldorf, Az. 5 U 28/96).

Der Gläubiger darf sich auch nicht die Kosten eines Inkassobüros erstatten lassen, das zu seinem eigenen Konzern gehört und nur als Tochterfirma ausgegliedert worden ist.

Kommt es zum Prozess, darf sich der Gläubiger neben dem Anwaltshonorar nicht auch noch die Kosten für ein Inkassobüro ersetzen lassen. Die doppelte Abrechnung ist nur dann ausnahmsweise erlaubt, wenn sich der Schuldner zunächst so verhalten hat, als werde er ohne Prozess zahlen.

Unbedingt reagieren

Kommt eine Geldforderung ins Haus, ob Mahnschreiben oder Mahnbescheid, ist es auf jeden Fall wichtig zu reagieren. Egal ob der Schuldner vor hat zu zahlen, die Forderungen erst prüfen lassen will oder ob er überhaupt nicht zahlen kann ­ er sollte es dem Gläubiger mitteilen.

Wer dagegen nach Art des Vogel Strauß den Kopf in den Sand steckt, läuft Gefahr, über Verzugszinsen die Forderung beträchtlich zu erhöhen. Ignoriert der Schuldner erst einen gerichtlichen Mahnbescheid und später den gleich lautenden Vollstreckungsbescheid, tritt der Gerichtsvollzieher in Aktion. Er darf dann für den Gläubiger die eingetragene Forderung pfänden, selbst wenn darin zu hohe Gebühren enthalten sind.

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