Immer mehr junge Leute geraten in Zahlungsschwierigkeiten. Auslöser ist oft der sorglose Umgang mit dem Handy.

Matthias* ist gerade 18 Jahre und hat bereits über 450 Euro Schulden. Gleich mit seiner Volljährigkeit hat er bei einem Mobilfunkanbieter einen Vertrag über 24 Monate geschlossen, ein schickes Handy gabs „für 1 Euro“ dazu. Die erste Abrechnung betrug 80 Euro. Dass der Betrag nur für die ersten paar Tage des Vertrags zutraf, weil er Mitten im Monat geschlossen wurde, hat Matthias nicht überblickt. Er hat weiter telefoniert. Nach nur gut vier Wochen steht nun eine Rechnung von 457 Euro zur Debatte.

So oder ähnlich beginnen in Deutschland Schuldenkarrieren. Matthias ist einer von Hunderttausenden junger Erwach­senen, die bei der Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung (Schufa) mit Negativmerkmalen gemeldet sind. Und die Gruppe ist in den vergangenen zwei Jahren größer geworden. Im Jahr 2004 ­waren über 750 000 18- bis 24-Jährige so registriert. Deren Zahlungsmoral war damit deutlich schlechter als die der Gesamtbevölkerung. So steht es im aktuellen Schuldenkompass 2005 der Schufa.

Aber nicht nur das Handy trägt zur Verschuldung bei. Auch der Versand- und Internethandel melden der Schufa häufiger Zahlungsschwierigkeiten junger Leute. Gut 450 000 der jungen Menschen haben hier ihre Zahlungsverpflichtungen nicht einhalten können, sagt der Schuldenkompass. Im Durchschnitt haben die jungen Leute schon 3 500 Euro Schulden.

Die Volljährigkeit wird ausgenutzt

Bis zum 18. Geburtstag sind die Schulden der Kinder im Grunde die ihrer Eltern. Minderjährige sind „beschränkt geschäftsfähig“ und dürfen nur mit dem Einverständnis ihrer Väter und Mütter Verträge schließen und Konten eröffnen.

„Mit dem 18. Geburtstag nutzen dann viele Jugendliche die neue Freiheit und verlieren beim bargeldlosen Zahlungsverkehr den Überblick“, sagt Bettina Heine von der Schuldnerberatung des Diakonischen Werkes in Berlin. „Aus Unerfahrenheit, weil sie die Risiken von Vertragsabschlüssen nicht überblicken und weil sie erhebliche Defizite im Bereich der finanziellen Allgemeinbildung haben.“

Der erste Handyvertrag wie bei Mat­thias ist da nur der Türöffner für weitere Schulden. Gelockt wurde auch er von Flirt-SMS, mit denen er seine Traumpartnerin finden könne – für 1,99 Euro pro SMS. Klingeltöne, Megalogos, Internetinhalte fürs Handy (WAP), Newsletter zu Musik und Kurzmitteilungen für 104 ­Euro allein im ersten Monat. Keinem dieser Angebote konnte Matthias widerstehen. Schnell kamen so insgesamt mehrere hundert Euro im Monat zusammen.

In die Bredouille kommen die jungen Erwachsenen auch, wenn sie in eine eigene Wohnung ziehen und die ersten eigenen großen Anschaffungen machen. Möbel, elektronische Geräte und teure Bekleidung über den Versandhandel oder auf Raten kaufen. „Da unterscheiden sie sich dann nicht mehr so von den älteren erwachsenen Schuldnern“, ist die Erfahrung von Bettina Heine. Hinzu kommen Ausgaben für ­Miete, Strom und Benzin fürs Auto – alles Ausgaben, für die bisher häufig die Eltern ­aufkamen.

Schulden sind Vorgriff aufs Gehalt

Schulden sind eigentlich nichts Negatives. So sieht es Gunter Zimmermann, Sozialwissenschaftler und Mitautor des Schuldenkompass 2005. „Das Sich-Verschulden gehört heute ebenso wie das Sparen zu den normalen wirtschaftlichen Vorgängen in dem Lebenszyklus einer Person. Wichtig ist jedoch, dass die Verpflichtungen aus einem Kredit genau bedacht werden. Sie stellen schließlich einen Vorgriff auf ein zukünftiges Einkommen dar.“

Darüber wissen Matthias und seine Altersgenossen zu wenig. Das hat schon vor einem Jahr eine Studie des Commerzbank Ideenlabors herausgefunden. Die Tabuisierung des Geldes sei unter anderem Ursache dafür, dass sich viele Deutsche zu wenig mit ihren privaten Finanzen beschäftigen. „Es muss selbstverständlich sein, über Geld zu reden – auch über das eigene“, sagt Professor Stefan Hradil, der die Studie wissenschaftlich begleitet hat. „Familie, Schulen und Banken sind gefordert.“

Bettina Heine und ihre Mitarbeiter wollen helfen, die Wissenslücken der Jugendlichen zu schließen und haben dabei die Unterstützung des Commerzbank Ideenlabors. Die Schuldnerberaterin geht in Berliner Schulen und macht mit den Schülern der Abschlussklassen das Spiel „Was was kostet“. Die Oberschüler sollen lernen, über das Tabuthema Geld zu sprechen: Wie teuer ist eigentlich die Miete für eine kleine Wohnung, was kosten das Fitnessstudio, der Fernseher und die Monatskarte? Das Spiel steht auch Lehrern aus ­anderen Bundesländern zur Verfügung.

Die Berliner Schuldnerberatung hat ­außerdem eine Infobroschüre zum Thema Mobilfunk für Jugendliche erstellt – ­peppig aufgemacht im Handyformat. Darin gibt es Tipps und Tricks zum Sparen.

Auch andere Banken erkennen mittlerweile die Notwendigkeit, etwas für die finanzielle Bildung ihrer künftigen Kreditkunden zu tun. „Als Kreditinstitut leben wir vom Kreditgeschäft, wir sehen uns aber auch in einer Verantwortung, gegen Überschuldung aktiv zu werden“, so Theophil Graband, Vorstandsvorsitzender der norisbank. „Deshalb haben wir unter anderem das Projekt Finanz-ABC initiiert und wollen damit die finanzielle Grundbildung verbessern helfen.“ Im ­Unterricht sollen Realschüler nicht nur lernen, dass bestimmte Wünsche und Lebensstile bestimmte Ausgaben nach sich ziehen, sondern auch, die eigene finanzielle Lage realistisch wahrzunehmen.

Nicht den Kopf verlieren

Zum allgemeinen Finanzwissen gehört auch der Umgang mit Gläubigern und deren Forderungen. Viele Schuldner reagieren kopflos, ignorieren Zahlungsaufforderungen oder machen weitere Schulden, um andere Forderungen zu begleichen.

Matthias hat es richtig gemacht und sich rechtzeitig bei Bettina Heine gemeldet. Sie wird jetzt den Kontakt mit dem Mobilfunkbetreiber aufnehmen und verhandeln, wie Matthias seine Schulden Stück für Stück abbauen kann.

*Name von der Redaktion geändert.

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