Interview: Die Verlockungen sind überall

Fragen an Dr. Dr. Gunter Zimmermann, Sozialwissenschaftler und Mitautor des Schuldenkompass 2005 der Schutzgemeinschaft für Allgemeine Kreditsicherung (Schufa), über Ursachen und ­Vermeidung von Schulden bei Jugendlichen.

Finanztest: Welche Faktoren begünstigen Verschuldung bei jungen Erwachsenen?

Zimmermann: Problematisch ist neben der oftmals hohen Handyrechnung die leichtfertige Verschuldung zur raschen Erfüllung eines Konsumwunschs. Das wird begünstigt zum Beispiel durch fehlendes Finanzwissen, in der Familie erlerntes Konsumverhalten und die rasche Verfügbarkeit von Geld durch Kontoüberziehung oder Kreditkarte. Wir müssen aber unterscheiden zwischen der wohl überlegten und der „notgedrungenen“ Verschuldung. Letztere wird verursacht durch ­geringes Einkommen und geringe Ansparmöglichkeiten. Betroffen hiervon sind vor allem Alleinerziehende, junge Familien und auch arbeitslose Alleinstehende.

Finanztest: Wie können junge Erwachsene leichtfertige Verschuldung vermeiden?

Zimmermann: Sie müssen den richtigen Umgang mit Geld und Finanzdienstleistungen sicherlich erst einmal erlernen. Hier sind Elternhaus und Schule in der Verantwortung. Außerdem darf das Selbstwertgefühl des Jugendlichen nicht vorwiegend durch seinen Konsum bestimmt werden. Nicht zuletzt muss ihr ­Finanzwissen verbessert werden. Zahl­reiche Schuldnerberatungsstellen leisten bereits hervorragende Aufklärungsarbeit in den Schulen. Diese Tätigkeit muss vor allem auch finanziell gefördert und unterstützt werden.

Finanztest: Machen es die Banken, Versandhäuser und Mobilfunkunternehmen den Jugendlichen zu einfach, über ihre Verhältnisse zu leben?

Zimmermann: Dispokredite, Teilzahlung, Kreditkarten und Ähnliches ermöglichen sicherlich einen raschen Zugang zu Geld. Andererseits sind die Verlockungen zum Konsum auf Raten allgegenwärtig. ­Wichtig ist, dass alle Beteiligten Verantwortung tragen, um Überschuldung zu vermeiden. Der jugendliche Konsument kann seine Handykosten durch Prepaidkarten kontrollieren und den Urlaub auf Kredit sollte er sich wohl überlegen. Die Banken sollten schon bei den ersten ­Anzeichen einer Zahlungsstörung das Gespräch mit dem Kunden suchen.

Finanztest: Wann wird aus einer ­Verschuldung eine Überschuldung? Wie können junge Leute das vermeiden?

Zimmermann: Der Weg von der Verschuldung zur Überschuldung ist ein Prozess, der häufig von den Betroffenen nicht wahrgenommen oder bewusst ignoriert wird. Das Überschuldungsrisiko hängt auch maßgeblich von der Wohn- und ­Lebensform junger Erwachsener ab: Wer einen Ratenkredit aufnimmt, ledig ist und bei den Eltern oder auch alleine lebt, trägt ein unterdurchschnittliches Überschuldungsrisiko. Eltern gleichen ­finanzielle Engpässe oft aus. Junge Leute, die in einer Partnerschaft im eigenen Haushalt leben, haben dagegen ein höheres Überschuldungsrisiko. Überschuldung verhindert man am besten, wenn die professionelle Hilfe einer Schuldnerberatungsstelle in Anspruch genommen wird, sobald eine Zahlungsstörung auftritt oder der junge Mensch nicht mehr weiß, wie er seine Zahlungsverpflichtungen dauerhaft und fristgerecht erfüllen kann. In der Regel suchen die Betroffenen professionelle Hilfe viel zu spät auf.

Finanztest: Wer hilft den Jugendlichen, wenn sie Rat suchen?

Zimmermann: Das sind zum Beispiel die Schuldnerberatungen der Wohlfahrts- und Arbeitslosenverbände, der Kommunen sowie kirchlicher Einrichtungen. Das Netz ist immer dichter geworden, trotzdem kann der Beratungsbedarf kaum erfüllt werden. Es fehlt Geld. Hier müsste die öffentliche Hand mehr Geld bereitstellen.

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