Schulden Meldung

Wohnungseinrichtung, Heirat, Familiengründung und Hauskauf bringen vor allem die Finanzen der 25- bis 40-Jährigen aus der Balance.

Knapp drei Millionen deutsche Haushalte sind überschuldet. Sie haben die Balance zwischen ihren Zahlungsverpflichtungen und ihrem monatlichen Einkommen verloren. Soweit muss es nicht kommen.

Es kann jeden treffen. Da ist Azubi Jessica, die eine Ausbildungsvergütung von 550 Euro bekommt und bei fünf Gläubigern mit insgesamt knapp 9 000 Euro in der Kreide steht. Von ihr berichtet die Schuldnerberatung für junge Leute in Dortmund.

Und da ist der Banker, der trotz einem guten Monatsgehalt vor einem Schuldenberg von mehreren tausend Euro steht. Wir nennen ihn Michael. Er steht stellvertretend für eine ganz neue Klientel der Schuldnerberatungen.

Sich zu verschulden ist normal in Deutschland. Fast jeder vierte Haushalt muss einen oder mehrere Konsumentenkredite abstottern. Die Deutschen stehen mit mehr als 114 Milliarden Euro in der Kreide – Baukredite nicht mitgerechnet. Sie nutzen die Darlehen zum Beispiel für eine Wohnungseinrichtung, ein neues Auto oder teure Haushaltstechnik. Andere überbrücken damit Finanzlücken, die durch Scheidung, Arbeitslosigkeit oder Krankheit entstehen.

Die Menge machts

„Wer einen Ratenkredit aufnimmt oder mal das Konto überzieht, ist nicht überschuldet“, sagt Klaus Hofmeister von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung. „Überschuldung entsteht meist durch eine Kombination mehrerer Ereignisse. Oft werden mehrere Kredite und andere Verbindlichkeiten nebeneinander aufgenommen. Wenn dann ungeplante Ereignisse wie Geburt oder Arbeitslosigkeit eintreten, reichen Einkommen und Vermögen nicht mehr aus, die Verbindlichkeiten zu decken.“

Jessica hat irgendwann den Überblick verloren. Sie hat nicht nur Dispo- und Ratenkredit laufen, sondern auch beim Versandhaus die Ratenzahlung genutzt. Die Handy- und Fahrschulrechnungen hat sie nicht oder nur unregelmäßig bezahlt. Sie steckt außerdem in einem Vertrag mit einem Fitnessstudio für monatlich 25 Euro. Für Kleidung gehen mindestens 100 Euro pro Monat drauf.

Kreditkarte und Teilzahlung

Kreditkarten fördern das Schuldenmachen. Kartenbesitzer sind „unabhängig von Bargeld“ und können „spontan shoppen“, wirbt Mastercard. Sie kaufen auch dann, wenn sie nichts brauchen, und geben häufig mehr Geld aus als Barzahler. Das EuroHandelsinstitut berichtet, dass für einen Einkauf mit Plastikgeld um 100 Euro ausgegeben würden, bei Barzahlung viel weniger.

Hinzu kommt, dass es bei Kreditkarten zunehmend möglich ist, den Betrag der Monatsrechnung in Raten zurückzuzahlen. Revolving Credit heißt der Kredit, den man durch ein Kreuzchen im Kartenantrag erhält.

Für den Betrag, der am Monatsende nicht beglichen ist, verlangen die Kartenherausgeber zwischen 14 und 19 Prozent effektiv.

Auch bei den Versandhäusern ist es möglich, die Waschmaschine, die HiFi-Anlage und sogar Bekleidung per Teilzahlung zu begleichen. Eine Heimkinoanlage für 1 529 Euro kann der Kunde zum Beispiel in zwölf Monatsraten von 136,13 Euro abstottern. Das entspricht einem Effektivzins von 13,12 Prozent.

Urlaub auf Pump

Als den Deutschen in jüngster Zeit die Reiselust etwas verging, köderten Anbieter wie QuelleKarstadt Bank, Tui und Neckermann mit dem Urlaub auf Pump: „Jetzt buchen, später bezahlen.“ Der Kredit war ausschließlich dazu gedacht, den Urlaub damit zu bezahlen.

Bei Tui heißt das Angebot „Tui Flexifinanz“ mit einem variablen effektiven Jahreszins von 9,75 Prozent. In welchen Raten der Kunde den Kredit abstottert, bleibt ihm weitgehend selbst überlassen.

Die KarstadtQuelle Bank stellt ihre happy holiday Karte zum Jahresende zwar ein. Dafür gibt es aber den KarstadtQuelle Dispo: bis maximal 6 000 Euro für 12,10 Prozent Effektivzins, Mindestraten von 2 Prozent oder 15 Euro – „für Situationen, in denen Sie schnell auf zusätzliches Geld zurückgreifen möchten“. Schulden machen ist so leicht.

Handy und Internet

Der sorglose Gebrauch des Mobiltelefons bringt derzeit vor allem junge Leute in Zahlungsschwierigkeiten. Nach Angaben der Schufa, der Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung, entfielen 39 Prozent aller unbezahlten Rechnungen im Jahr 2002 auf die Telekommunikationsbranche. Schuld daran sind vor allem die bei den jungen Erwachsenen beliebten Klingeltöne, Logos und Handyspiele zum Herunterladen aus dem Internet. Das geschieht über teure 0 190er-Rufnummern, wo die Minute 1,86 Euro kostet.

Teuer wird es auch, wenn Handynutzer auf Tricks hereinfallen. Sie reagieren zum Beispiel auf persönlich gehaltene Kurzmitteilungen (SMS), deren Absender sich nicht offenbart. Drücken sie auf die Rückruftaste, wählen sie oft, ohne es zu wissen, eine 0 190er-Nummer.

Auch Internetsurfer sind vor teurem Nepp im Netz nicht sicher. So haben Wählprogramme (Dialer) ihnen schon unerwartet Telefonrechnungen über Tausende von Euro beschert.

Abhilfe soll zwar das neue Gesetz über 0 190er- und 0 900-Rufnummern bringen. Doch es ist klar, dass Betrüger, die im Netz abzocken wollen, die Hürden überwinden können. Das Risiko überhöhter Rechnungen bleibt hoch. Selbst die Rechnungen für legale Dialer können sich stark summieren und das Budget des Verbrauchers belasten.

Aktien auf Kredit

Manchmal führen riskante Geldge­schäfte zu großen Schulden. Banker Michael hatte Aktien auf Kredit gekauft. Er erlebte den Höhenrausch seiner Aktien bei 60 Euro das Stück und dann den Absturz auf unter 2 Euro.

Dass Aktien auf Pump hoch riskant sind, hätte der Fachmann wissen müssen. Sinken die Kurse der Wertpapiere, die als Sicherheit dienen, kann der Kreditgeber nämlich sofort andere Sicherheiten oder die Rückzahlung fordern.

Bürgschaften meiden

Nicht nur die eigenen Schulden können Menschen zum Verhängnis werden, sondern auch die anderer, wenn sie dafür gebürgt haben. Ein Bürge verpflichtet sich, für die Erfüllung der Verbindlichkeiten des Dritten einzustehen. Wenn der nicht zahlen kann, hält die Bank sich am Vermögen des Bürgen schadlos. Wenn das Ersparte nicht reicht, kommt der Gerichtsvollzieher.

Zwar ist per Gesetz inzwischen anerkannt, dass Bürgen, die „krass überfordert“ und dem Schuldner emotional verbunden sind, nicht zur Kasse gebeten werden dürfen. Hat der Bürge aber ein Eigeninteresse am Kredit, weil er zum Beispiel Miteigentümer des so finanzierten Hauses wird, oder hat er selbst verwertbares Vermögen, muss er zahlen.

Vorsicht Kredithaie

Ein Ende der Schuldenmisere versprechen Kreditvermittler und Schuldenregulierer in unzähligen Anzeigen.

Doch die Gefahr, an Abzocker zu geraten, ist groß. Viele Anbieter firmieren nur unter einem Postfach. Informationen, woher der Kredit kommt und was er kostet, bekommt der Kunde selten oder nur unter teuren 0 190er-Nummern. Oft muss er im Voraus Vermittlungsgebühren bezahlen, die leicht 20 Prozent der Kreditsumme ausmachen. Ob er den Kredit bekommt, ist fraglich.

Jessica hat zum Glück den Weg zur seriösen Schuldnerberatung gewählt. Dort erstellte der Berater eine Übersicht über ihre Einnahmen und Ausgaben und eine Gläubigerliste. Mit denen konnte der Berater eine Stundung vereinbaren. Jessica selbst kündigte den Vertrag mit dem Fitnessstudio und senkte ihre laufenden Kosten drastisch. Wenn sie konsequent ist, sind ihre Einnahmen und Ausgaben in zwei Jahren wieder im Gleichgewicht.

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