Schulbücher Test

Unser Test von 17 Bio- und Geschichtslehrbüchern zeigt: Trotz komplizierter Zulassungsverfahren enthalten alle Bücher Fehler, einige sogar auf jeder Seite. Auch didaktisch sind viele schwach.

Jungen Menschen erklärt das Schulbuch die Welt. Gepaart mit einem guten Lehrer bringt es ihnen ein Fach näher. Und weckt im Idealfall ein so starkes Interesse, dass es ein Leben lang hält und vielleicht zum späteren Beruf führt.

Was aber, wenn das pädagogische Hilfsmittel Nummer eins die Welt auf den Kopf stellt statt geraderückt? Wenn es Fehler und Verzerrungen enthält, die den künftigen Absolventen in jedem Wissensquiz sang- und klanglos untergehen lassen?

Der Tipp eines Biolehrers brachte uns auf die Spur. Er beklagte sich über viele Fehler in den Lehrwerken. Daraufhin haben wir zehn Biologie- und dazu sieben Geschichtsbücher auf sachliche Richtigkeit durchforstet sowie ihre fachliche Eignung und didaktische Qualität beurteilt. Unser Fazit: Der Biolehrer hat recht. Es gibt sehr viel Verbesserungsbedarf.

Auf jeder Seite ein Fehler

Im Fach Biologie stellten wir Bücher für die siebente bis zehnte Klasse auf den Prüfstand, speziell die Kapitel über Aufbau der Zelle, Fotosynthese und Verdauung. Mit ernüchterndem Ergebnis: Jedes der zehn Biobücher ist mit Fehlern behaftet.

Der Gerechtigkeit halber unterschieden wir zwischen gravierenden und kleineren Fehlern, wie fehlenden Beschriftungen an Bildern und sprachlichen Schnitzern. Am schwachen Gesamteindruck änderte das nichts: Im Schnitt fand sich auf jeder fünften geprüften Seite ein wichtiger Fehler – bei Biologie heute entdecken 2 und Netzwerk Biologie 2 sogar auf rund jeder dritten Seite. Kleinere Fehler mitgerechnet, waren beide Bücher aus dem Schroedel Verlag sogar auf jeder geprüften Seite fehlerhaft. Aus unserer Sicht unhaltbar für ein Schulbuch – im Prüfpunkt Fehlerfreiheit hieß die Note deshalb „mangelhaft“.

Wenn der Uhu den Fuchs frisst

Da passiert es schon mal, dass eine Nahrungspyramide den Uhu über den Fuchs stellt. Oder dass ein Experiment mit Brennspiritus ohne die erforderlichen Warnhinweise abgedruckt wird. Es fällt auch auf, dass viele Bücher ähnliche Fehler transportieren, so zum Beispiel falsche Angaben zum Mikroskopieren und zur Funktion von Leber und Galle. Die Fehler, ob groß oder klein, sollten bei einer Neuauflage dringend korrigiert werden.

Didaktisch besonders schwach

Auch aus didaktischer Sicht überzeugen die Biobücher wenig. Hier wird beurteilt, wie Gliederung, Texte, Fragestellungen und Bilder den Lehrstoff vermitteln. Allein Nautilus und Bioskop verdienen hier ein „Gut“. Für jedes zweite Biobuch heißt es dagegen „ausreichend“, meist wegen schwacher Methodik und nutzerunfreundlicher Aufbereitung. Dazu zählen Aufgaben, die die Sinne zu wenig ansprechen, es gibt zu wenig Lernhilfen und volle Seiten mit kleiner Schrift.

Die Inhalte sind zu wissenschaftlich dargestellt und kompliziert formuliert. Das wiegt besonders schwer bei Schülern, die nur noch eine halbe Stunde pro Tag zum Buch greifen. Werden die Schüler allerdings selbst befragt, beteuern sie, die fachliche Qualität sei ihnen wichtiger als die Aufmachung. Wir ließen rund 550 Gymnasiasten die Biobücher im Test und 330 Schüler die Geschichtsbücher beurteilen. Wie so oft in Konsumentenbefragungen fällt ihre Meinung anders aus als die der Experten: Ihre Favoriten – Duden Biologie sowie Geschichte und Geschehen – schneiden im Test nur mäßig bis schlecht ab. Und umgekehrt treffen die für uns besten Bücher nicht automatisch den Schülergeschmack.

Hohe Informationsdichte

Trotz ihrer offensichtlichen Schwächen sind die Biologiebücher für den Unterricht nicht ungeeignet. Sie haben meist ein mittleres fachliches Niveau. Wie kann das sein bei so viel Fehlern? Wir haben die fachliche Eignung getrennt betrachtet. Alle Bücher punkten mit Lehrbuchtexten, die eine hohe Informationsdichte bieten. Zudem gehen fast alle in den verschiedenen Kapiteln auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse ein.

Wenig aktuell kommt dagegen so manches Geschichtsbuch für die Klasse zehn daher. Wir prüften gegenwartsnahe Themen wie das Alltagsleben in der DDR und die Vereinigung Europas. Bei drei Büchern mindern viele veraltete Angaben das fachliche Niveau, sie bedürfen einer Überholung: Anno 4, Das waren Zeiten sowie Geschichte und Geschehen. Wie in Biologie fielen auch hier einige Bücher wegen ihrer hohen Fehlerquote auf: Geschichte und Geschehen, Zeit für Geschichte, Horizonte 4. Falsche Jahreszahlen und Verkürzungen führen bei Horizonte zu „mangelhafter“ Fehlerfreiheit.

Falsche Jahreszahlen in Geschichte

Dabei ist es nicht immer leicht, in Geschichte Fehler schwarz auf weiß nachzuweisen – von falschen Jahreszahlen einmal abgesehen, die wir tatsächlich fanden. Generell wird in Geschichte viel gedeutet und interpretiert. Deshalb lassen sich Fehler hier nicht so einfach auszählen wie in den Biologiebüchern. Fallen die Darlegungen und Interpretationen allerdings zu einseitig aus, lassen sie sich sehr wohl ankreiden. Ein gutes Geschichtsbuch beleuchtet ein Ereignis immer aus mehreren Perspektiven. Die Schüler sollen lernen, sich selbstständig und kritisch mit Fakten, Quellen und Klischees auseinanderzusetzen.

Verzerrung des DDR-Alltags

Fehler und Verzerrungen treten gehäuft in den Kapiteln zur Geschichte der DDR auf. So wird die Lebenssituation in vielen Büchern vereinfacht dargestellt, die Rolle der Frau auf das sozialistische Ideal beschränkt, die Entwicklung der Planwirtschaft unvollständig beschrieben. Die Einführung der Jugendweihe wird mal mit 1954, mal mit 1955 angegeben. Genauere Darstellungen wären wünschenswert, denn heutige Schüler wissen recht wenig über die DDR. Eine Befragung der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur ergab, dass fast 40 Prozent aller Gymnasiasten Erich Honecker und nicht Wilhelm Pieck für den ersten und einzigen Staatspräsidenten der DDR halten.

Aus didaktischer Sicht ist nur ein Geschichtsbuch im Test „gut“, mit sehr verständlichen Texten, die einen großen Alltagsbezug haben: Zeiten und Menschen 4. Die meisten anderen Bücher schneiden hier „befriedigend“ ab. Ihr Layout ist zwar oft ansprechend, die Aufgaben zum Lernen zu Hause kommen aber zu kurz. Manchmal werden den Schülern Wertungen zu stark vorgegeben.

Konsequenzen föderaler Schulpolitik

Natürlich fragt man sich, warum Fehler und Verzerrungen nicht beseitigt werden. Arbeiten die Verlage doch mit Fachredakteuren zusammen, werden die Bücher doch von Kommissionen der Länder geprüft. In der Masse der Akteure ist ein Hauptschuldiger schwer auszumachen (siehe Interview und Infografik). Zudem verfügt jedes Bundesland über andere Schulbücher, denn Schulpolitik ist Ländersache. Für den Test haben wir Bücher aus Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ausgewählt.

Jedes Buch muss sich am Lehrplan seines Kultusministeriums orientieren. Gemessen an allen Bundesländern, Schularten und Fächern gibt es hierzulande an die 3 000 Lehrpläne. Den Verlagen macht der Föderalismus zu schaffen: Die Großen unter ihnen produzieren für einen Titel bis zu 16 Länderausgaben. Welches Schulbuch dann beim Schüler landet, entscheidet letztlich seine Schule. Lehrer berichten, dass aus Zeitdruck oft übereilt entschieden wird. Häufig begrenzt ein Preislimit der Schulleitung die Auswahl von vornherein. Ein Fehlgriff muss über Jahre ausgebadet werden. Kommunen und Länder fahren die Lernmittelausgaben seit Jahren herunter. Eltern gaben 2006 im Bundesdurchschnitt 22 Euro für neue Lehrbücher aus, recht wenig also. Trotzdem zahlten sie damit noch immer mehr als der Staat.

Ausweg einheitliches Schulbuch?

Angesichts unserer Ergebnisse erscheint die Idee vom einheitlichen Schulbuch naheliegend, mit der Bundesbildungsministerin Annette Schavan neue Diskussionen angestoßen hat. Fehler ließen sich auf diese Weise besser in den Griff bekommen, Schüler könnten bei Umzügen in ein anderes Bundesland leichter an den Unterricht anknüpfen. Doch über diese Frage entscheiden allein die Kultusminister der Länder.

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