Schulbeginn Test

Weichmacher im Buntstift, Benzol im Faserstift, Schwermetalle in der Deckfarbe: Jedes zehnte der über 100 geprüften Produkte hätte nicht verkauft werden dürfen.

Kaum hat nach den großen Ferien die Schule wieder begonnen, brummt das Geschäft mit den Schreibwaren. Für die Erstausstattung eines ABC-Schützen zum Beispiel sind laut einer Umfrage des Handels etwa 150 Euro fällig. Der Schulranzen ist dabei noch nicht eingerechnet. Bei Stiften, Malkästen und Co. konkurrieren die bekannten Markenhersteller mit Produkten aus dem Niedrigpreissegment. Die Preisspanne ist enorm: Ein einzelner Buntstift beispielsweise ist beim Discounter Tedi schon für 4 Cent zu haben, ein Buntstift von Faber-Castell kostet 71 Cent.

Wir haben Schulbedarf aus allen Preislagen getestet – und zwar vor allem solche Produktgruppen, bei denen es Anhaltspunkte für eine Schadstoffbelastung gab. Funktion und Langlebigkeit der Schreibwerkzeuge haben wir nicht untersucht. Daher gibt es auch kein test-Qualitätsurteil, sondern nur Einzelurteile für die jeweils gefundenen Schadstoffmengen.

Europaweit gelten Grenzwerte

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Wie der Test zeigt, waren 11 der 105 Produkte so stark mit einem Schadstoff belastet, dass sie nicht hätten verkauft werden dürfen. Vor allem Produkte von Billiganbietern hielten die Vorgaben nicht ein, aber auch auf Marken ist nicht immer Verlass.

Die Bewertung der meisten Stoffe orientiert sich an Grenzwerten, die europaweit gelten und die beispielsweise in den EU-Spielzeugnormen (EN 71, siehe Glossar) festgelegt sind. Buntstifte, Faser-, Gel- und Wachsmalstifte sowie Deckfarbkästen werden als Spielzeug betrachtet, weil sie von Kindern bis 14 Jahre auch zum Spielen verwendet werden. Hersteller und Importeure bestätigen durch das CE-Zeichen (siehe Glossar), dass ihr Produkt den europäischen Sicherheitsvorschriften für Spielzeug entspricht. Diese Selbstauskunft der Anbieter wird jedoch nicht von einer unabhängigen Stelle kontrolliert. „Das CE-Zeichen wird von Verbrauchern oft als Prüfzeichen fehlinterpretiert, es ist aber eigentlich für die Überwachungsbehörden gedacht“, erläutert Christian Gicklhorn, Abteilungsleiter beim Prüfinstitut LGA QualiTest.

Bunt und belastet

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Erschreckende Ergebnisse gab es besonders bei den Buntstiften: Fast jeder zweite Buntstift enthielt in der Lackschicht die Phthalat-Weichmacher DEHP, BBP oder DBP, die in der EU für Spielzeug generell verboten sind. Da der Grenzwert dieser fortpflanzungsgefährdenden Chemikalien in neun Buntstiften überschritten war, hätten sie nicht in den Handel kommen dürfen. Mit den Buntstiften von Stabilo war auch ein teures Markenprodukt dabei.

Darüber hinaus fanden wir im Lack der meisten Buntstifte erhebliche Mengen des Phthalat-Weichmachers DIBP. Für diesen Stoff gibt es bisher keinen Grenzwert, das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) betrachtet ihn aber als fortpflanzungsgefährdend wie den in Spielzeug verbotenen Weichmacher DBP. Die meisten Buntstiftlacke waren außerdem leicht mit löslichen Bariumverbindungen belastet, die in größerer Menge gesundheitsschädlich sind. Wenn ein Kind am lackierten Stift kaut, besteht zwar keine unmittelbare Gefahr, über einen längeren Zeitraum sollten die Schadstoffe aber nicht aufgenommen werden.

Weich, aber riskant

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Im Prüflabor: Um lackierte Buntstifte auf freisetzbare Metalle wie Chrom oder Blei zu analysieren, wird abgeschabter Lack mit Salzsäure versetzt und gerührt. So wird die Aufnahme der Schadstoffe über die Magensäure simuliert.

Zahlreiche Schadstofffunde gab es auch bei anderen Produkten: Das krebserzeugende Lösemittel Benzol fanden wir im Smily-Fasermaler von Woolworth. Da hier der Grenzwert überschritten war, hätte auch er nicht verkauft werden dürfen. Blei- und chromhaltige Farbe ermittelte das Labor im Deckfarbkasten von pbs factory. Auch er hätte niemals ins Regal gedurft.

Tipp: Wenn Sie bereits eines der nicht verkehrsfähigen Produkte gekauft haben, sollten Sie es ins Geschäft zurückbringen und dafür Ersatz verlangen. Sechs der Anbieter von nicht verkehrfähigen Deckfarbkästen, Bunt- und Faserstiften haben bereits reagiert und uns mitgeteilt, ihre Produkte aus dem Handel zu nehmen.

Mit Schadstoffen belastet waren auch mehrere Radiergummis, vor allem solche aus PVC. Sie schonen zwar das Papier und radieren besonders gründlich, ihnen werden aber oft noch große Mengen an Phthalaten zugesetzt, um den an sich spröden Kunststoff weich zu machen. Der Radierer „Pelikid“ von Hertie etwa bestand zu 23 Prozent aus dem fortpflanzungs­­gefährdenden DEHP. Der Grenzwert für Spielzeug war damit um mehr als das 200-Fache überschritten. Da Radiergummis allerdings nicht als Spielzeug betrachtet werden, darf so ein Produkt weiter verkauft werden. In unserer Bewertung orientieren wir uns dennoch an den Grenzwerten für Spielzeug, denn erfahrungsgemäß knabbern Kinder gern an weichen Radiergummis. Zudem gestalten viele Hersteller ihre Produkte mit bunten Comic- oder Tiermotiven bewusst kindgerecht. Ebenfalls stark mit DEHP belastet und damit „mangelhaft“: das bruchsichere und flexible Lineal von Toppoint.

Trügerische Sicherheit

Keine Ausreißer gab es bei den Wachsmalstiften, und auch in den Tintenpatronen fanden wir nur in vier Fällen etwas mehr Konservierungsstoffe als nötig. Da unsere Untersuchung aber nur eine Stichprobe sein kann, geben auch die guten Bewertungen keine Garantie. Hersteller können ihre Produktion jederzeit auf andere Farbstoffe umstellen, die möglicherweise mit Schwermetallen belastet sind. Dass zum Beispiel Wachsmalstifte nicht immer unbedenklich sind, zeigt ein Blick auf die Internetplattform www.icsms.org. Hier kann man nach gefährlichen Produkten suchen, vor denen die Überwachungsbehörden mithilfe des europäischen Schnellwarnsystems Rapex warnen (siehe auch www.evz.de). Zu schadstoffbelasteten Wachsmalern finden sich gleich sechs Einträge. Manche enthielten mehr als 15 Mal so viel Blei wie erlaubt.

Kritik an den Überwachungsbehörden kommt vom Bundesverband der Verbraucherzentralen: „In den letzten Jahren sind in der Marktaufsicht immer mehr Stellen abgebaut worden. Nur ein ganz geringer Prozentsatz der Ware wird geprüft“, sagt Monika Büning, Referentin für Produktsicherheit. Für mehr Sicherheit müsste die CE-Kennzeichnung an Pflichtprüfungen durch neutrale Institute gekoppelt werden.

Sauberes Schreibzeug

Statt sich zu Beginn des Schuljahrs im Discounter einzudecken, ist es für die Gesundheit besser, nach umweltfreundlichen und schadstoffgeprüften Produkten zu suchen.

Tipps: Kaufen Sie zum Beispiel Buntstifte aus naturbelassenem Holz ohne farbige Lackschicht, denn vor allem die Lacke erwiesen sich als belastet. Wählen Sie PVC-freie Radierer oder solche aus Naturkautschuk; die kommen ohne Phthalat-Weichmacher aus. Das Gleiche gilt für Lineale aus unlackiertem Holz. Sie halten auch länger als die meisten Kunststoffprodukte.

Auf Prüfzeichen sollte man sich nicht blind verlassen, sondern sich erst einmal über die Vergabekriterien informieren. Die leuchtend rote „spiel gut“-Plakette zum Beispiel, die wir auf Buntstiftverpackungen fanden, wird zwar nicht an PVC-haltiges Spielzeug verliehen, systematische Schadstoffprüfungen finden jedoch nicht statt. Für das „Proof“-Zeichen des Tüv Rheinland sowie die Label „LGA tested“ und „LGA Qualitätszertifikat“ gehören Schadstoffprüfungen dagegen zum Pflichtprogramm.

Alternative Einkaufsquellen

Eine gute Einkaufsquelle können auch Schülerumweltläden sein, die in der Schulpause eine Auswahl an Schreibwaren verkaufen. Die Idee hinter den kleinen Schülerfirmen: Einkauf und Verkauf, Buchhaltung und Marketing werden allein von Schülern gemanagt. „So beschäftigen sich die Schüler auch mit Produktqualitäten, etwa den Umweltfolgen oder dem Schadstoffgehalt“, sagt Heiko Starck von der Aktion 21. Der kleine Verein hat in Berlin schon die Gründung von 14 solcher Schulshops gefördert. Erste Hilfe beim Aufbau eines Umweltladens an der eigenen Schule bietet die Website des Vereins www.aktion21.de.

Tipp: Eltern oder Lehrer können auch selbst eine Einkaufsgemeinschaft organisieren. Ökologisch orientierte Großhändler beliefern nicht nur Schulshops, sondern auch Privatleute. Bei größeren Stückzahlen gibt es Mengenrabatt.

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