Schott­land Meldung

Am 18. September stimmen die Schotten darüber ab, ob sie sich von Groß­britannien loslösen wollen. Den Umfragen zufolge wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen werden zwischen den Befür­wortern und Gegnern der Unabhängig­keit. Nicht nur die Politik in Europa ist gespannt auf das Ergebnis, auch die Finanzmärkte zittern. test.de ist der Frage nachgegangen, welche Konsequenzen die Unabhängig­keit Schott­lands für Anleger hätte. Experten sagen Verwerfungen voraus.

Unsicherheit ist Gift für die Märkte

„Ein Erfolg der schottischen Unabhängig­keits­befür­worter würde vor allem für eines sorgen: Fundamen­tale Unsicherheit – und zwar für einen langen Zeitraum“, sagt Frank Engels von Union Investment. „Grund­legende Fragen sind völlig ungeklärt, etwa die der künftigen Währung Schott­lands, einer EU-Mitgliedschaft – oder die der Aufteilung bestehender Staats­schulden. Unsicherheit aber ist Gift für die Kapitalmärkte!“ Union hat daher in einigen ihrer Fonds wie zum Beispiel dem UniDynamicFonds: Europa oder dem UniEuropa bereits im Vorfeld der Wahl das Engagement in britischen Aktien leicht reduziert. Im Fonds UniDividendenAss liegt der Anteil britischer Aktien sogar deutlich unter dem des Markt­index MSCI Europa – was allerdings nichts mit der Wahl in Schott­land zu tun hat, sondern an der Ausrichtung des Fonds auf dividenden­starke Werte liegt.

Der britische Markt ist das Schwergewicht im Index

Im Index MSCI Europe hat Groß­britannien einen Anteil von knapp 33 Prozent. Frank­reich ist mit 15 Prozent gewichtet, die Schweiz mit 14 und Deutsch­land mit 13 Prozent. Insgesamt listet der Index 15 Länder, 437 Unternehmen sind vertreten. Die drei größten Werte kommen aus der Schweiz: der Nahrungs­mittel­konzern Nestlé sowie die Pharmariesen Novartis und Roche. Groß­britannien ist unter den Top Ten Positionen mit vier Titeln vertreten: der Bank HSBC, den Ölkonzernen Royal Dutch und BP sowie dem Pharma­konzern GlaxoS­mith­Kline (Stand 29. August 2014). Für Anleger, die in diesen Index investieren wollen, gibt es börsen­gehandelte Indexfonds, ETF, etwa von Amundi, comstage, db x-trackers, iShares und Lyxor. Für Europa gibt es mit dem Stoxx Europe 600 einen weiteren markt­breiten Index. Er umfasst 600 Titel, die sich zu je einem Drittel auf große, mitt­lere und kleine Werte aufteilen. Als ETF gibt es den Stoxx Europe 600 zum Beispiel von comstage und von iShares.

Schott­land: So klein – und so viel Wirbel

Schott­land hat rund 5 Millionen Einwohner, das entspricht einem Anteil von 8 Prozent an der Gesamt­bevölkerung des Vereinigten König­reichs. Einer Analyse der Deka­Bank zufolge liegt auch der schottische Anteil an der gesamten Wirt­schafts­leistung (BIP) bei 8 Prozent. Allerdings könnte ein unabhängiges Schott­land reicher sein als Groß­britannien derzeit. Das zumindest verspricht die Scottish National Party (SNP). Grund seien die hohen Öl- und Gasreserven des Landes. Weitere wirt­schaftliche Stand­beine wären unter anderem der Fisch­fang, der Tourismus sowie der Finanzsektor. Die Royal Bank of Scot­land hat allerdings schon angekündigt, ihren Haupt­sitz nach London verlagern zu wollen, falls Schott­land unabhängig wird.

Noch herrscht wenig Aufruhr an den Märkten

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Der britische Markt im Vergleich

Auf das Jahr gesehen hat die Aufregung um Schott­land bisher kaum Spuren hinterlassen. Seit Anfang 2014 liegt der Aktienmarkt Groß­britannien mit 8,3 Prozent im Plus – berechnet in Euro. Das ist besser als der Aktienmarkt Europa, der es auf plus 7,8 Prozent bringt, und noch einmal besser als Euro­land mit einem Plus von 5,8 Prozent. Lediglich seit Anfang September liegt die britsche Börse leicht im Minus, wie die Grafik zeigt. Das Pfund hat gegen­über dem Dollar bereits leicht nachgegeben, gegen­über dem Euro ist der Kurs etwa stabil geblieben.

Betroffen wären das Pfund, die Anleihen und die Aktien

Sollte sich Schott­land wirk­lich von England abspalten wollen, sagen Experten Verwerfungen an den Märkten voraus. Die Deka, Fonds­gesell­schaft der Sparkassen, rechnet dann mit einer Abwertung des britischen Pfunds, mit Kurs­einbußen bei Staats­anleihen, und mit Unsicherheiten für diverse Unternehmen, die dort ihren Sitz oder Produktions­stätten haben. In ihren Fonds hat Deka Risiken reduziert, das heißt Überge­wichte an britischen Papieren abge­baut. Im Fonds Deka-EuropaValue lag der Anteil Groß­britanniens per Ende August bei knapp 30 Prozent. Der Fonds investiert in markt­breite Stan­dard­werte. Größte Positionen sind ähnlich wie im Index die Schweizer Firmen Roche, Nestlé und Novartis. Der Fonds Deka-EuropaSelect dagegen hat verstärkt Wachs­tums­werte im Fokus, sein Groß­britannien-Anteil ist etwas geringer. Unter den Top Ten finden sich zum Beispiel der Nahrungs­mittel­konzern Unilever oder das Pharmaunternehmen Novo-Nord­isk aus Dänemark. Beide Fonds schneiden im Fonds-Dauertest von Finanztest aktuell über­durch­schnitt­lich ab, das entspricht einer Bewertung von vier Punkten.

Es kommt auf das Unternehmen an

Auch die Experten der Allianz befürchten sinkende Pfund- und Anleihe­preise sowie Auswirkungen auf die Aktienmärkte, sollte Schott­land für die Unabhängig­keit stimmen. Was die Fonds angeht, sei das letzt­lich aber keine Länder-, sondern eine Unter­nehmens­entscheidung. In den beiden – in etwa baugleichen – Fonds Allianz Wachstum Europa und Allianz Europe Equity Growth ist Groß­britannien verglichen mit dem Index MSCI Europe weniger stark gewichtet. Das hat allerdings nicht speziell mit der Abstimmung in Schott­land zu tun, sondern liegt am Stock-Picking-Ansatz des Fonds. Manager Thorsten Winkelmann kauft gezielt Aktien von meist interna­tional aufgestellten Unternehmen mit guten Wachs­tums­aussichten. Die größten Positionen im Fonds sind zurzeit SAP, gefolgt von Reckitt Benckiser, einem Hersteller von Reinigungs­produkten sowie Haus­halts­waren, und dem Versicherer Prudential. Bisher lag Winkelmann mit seinen Entscheidungen vorn. In der Finanztest-Bewertung haben die beiden Fonds für die Leistung der vergangenen fünf Jahre die Bestnote von fünf Punkten erhalten.

Gelassenheit bei Frank­lin Templeton

Uwe Zöllner von Frank­lin Templeton betrachtet die Ereig­nisse gelassen. Zwar sieht auch er durch eine mögliche Unabhängig­keit Schott­lands große Unsicherheiten auf die Märkte zukommen, doch besondere Risiken zumindest für seinen Fonds erwartet er nicht. Der Manager des Franklin European Growth hat einige britische Titel im Portfolio. Insgesamt ergibt sich im Vergleich zum MSCI Europe sogar ein leichtes Überge­wicht. Er sei zuver­sicht­lich, dass die Unternehmen, in die er investiere, stark genug seien und flexibel auf eine mögliche neue Lage reagieren könnten – zumal sie in der Regel global ausgerichtet seien und ihr Geld außer­halb Groß­britanniens verdienten. Der Fonds ist zurzeit für Neuanleger geschlossen, weil er sonst nicht mehr hand­habbar wäre. „Wir sind bei der Titel­auswahl sehr wählerisch“, sagt Zöllner. Der Fonds investiert unter anderem auch in mitt­lere und kleinere Unternehmen und ist von Finanztest ebenfalls mit fünf Punkten bewertet.

Auch Folgen für die EU befürchtet

Die Fonds­gesell­schaft DWS sieht auch unsichere Zeiten auf den Euro zukommen, sollten die Schotten sich unabhängig machen: Ein Ja-Votum könnte Diskussionen über den Austritt Groß­britanniens aus der EU und die Unabhängig­keits­bestrebungen in anderen EU-Ländern befeuern, etwa in Katalonien. Anderer­seits könnte eine Ablehnung eine Art Erleichterungs-Rallye an den Märkten auslösen.

Ergeb­nisse gibt’s Freitag früh

Umfragen über den Wahl­ausgang dürfen noch bis kurz vor der Wahl veröffent­licht werden. Bisher sagen die meisten dieser Umfragen einen knappen Sieg für „No“ voraus – dann bliebe Schott­land Teil des Vereinigten Königreiches. Eine Umfrage sieht allerdings die Unabhängig­keits­bewegung vorn. Knapp wird es wohl in jedem Fall. Mit dem Ergebnis ist am Freitag in den Morgen­stunden zu rechnen. [Update 19.09.2014] Das Abstimmungs­ergebnis liegt nun vor: Rund 55 Prozent der Schotten haben gegen die Unabhängig­keit und damit für den Erhalt der Union mit Groß­britannien gestimmt. [Ende Update]

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