Schönheitschirurgie

Schönheitschirurgie: Träume und Albträume

29.08.2002

Immer mehr Deutsche, Frauen und Männer, legen sich unters Messer, um auszusehen wie Venus oder Adonis. Danach leiden viele zwar nicht mehr unter ihrem Aussehen, aber nicht selten unter den Folgen des Eingriffs.

Inhalt

Margit Bachs (Name wurde von der Redaktion geändert) hat sich einen lang gehegten Traum erfüllt. Seit einigen Wochen hat sie einen neuen Busen. Dafür musste sie stolze 5 500 Euro hinblättern, doch die 42-jährige Musikerin ist überzeugt, dass sich die Investition in die eigene Schönheit gelohnt hat: „Am Samstag bin ich zum ersten Mal mit tiefem Dekolletee ausgegangen. Das war ein tolles Gefühl. Jetzt komme ich mir vor wie Venus.“

Aussehen wie Venus oder Adonis – wer würde das nicht gern. Immer mehr Frauen und Männer legen sich dafür unters Messer. Schönheit gilt im öffentlichen Bewusstsein zunehmend als machbar. Diskotheken verlosen Brustvergrößerungsoperationen und immer jüngere Mädchen lassen sich Implantate einsetzen, um ihren Vorbildern Pamela Anderson oder Lara Croft nachzueifern.

Auch vor Männern macht der Schönheitsboom nicht Halt. Nach einer Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie ist hierzulande jeder fünfte Patient beim Schönheitschirurgen männlich – Tendenz steigend. Ganz oben in der Beliebtheitsskala rangiert das Fettabsaugen, gefolgt von der Brustoperation und der Nasenkorrektur. Facelift – das Liften des Gesichts – und Laserbehandlungen holen auf.

Hohe Kosten, hohes Risiko

Dabei sind die Kosten, die in den meisten Fällen selbst getragen werden müssen, alles andere als geringfügig und die gesundheitlichen Risiken erheblich. „Das Risiko steigt, wenn man zum falschen Arzt geht“, warnt Dr. Frank-Werner Peter, der leitende plastische Chirurg des Berliner Zentrums für plastisch-ästhetische Lasermedizin. Denn es sind längst nicht nur Spezialisten am Werk. Schönheits­chirurg, kosmetischer oder ästhetischer Chirurg kann sich schließlich jeder Arzt nennen. Es gibt keine geschützte Berufsbezeichnung. Nur plastische Chirurgen haben eine Ausbildung, in der auch kosmetische Eingriffe gelehrt werden.

„Es ist ein Riesenproblem, dass jeder approbierte Arzt befugt ist, diese Operationen durchzuführen“, sagt Dr. Friedrich von Hesler, leitender Arzt für plastische Chirurgie an der Schlosspark-Klinik Berlin. Doch selbst ein Facharzt kann Komplikationen nicht ausschließen, hängen sie doch immer auch von der individuellen Veranlagung des Patienten ab. Bei dem einen heilt die Narbe fast unsichtbar, beim Nächsten entzündet sie sich und wird zur Wulstnarbe.

Margit Bachs hatte Glück. Von ihren Narben ist drei Wochen nach der Operation kaum noch etwas zu sehen. Als FKK-Anhängerin legt sie besonderen Wert darauf, dass der Schnitt zur Einführung der Kunststoffpolster möglichst unauffällig ist. Statt seitlich unter den Achseln oder in der Brustumschlagfalte unter den Brüsten schneidet der plastische Chirurg auf ihren Wunsch rund um die Brustwarzen. Angst hatte Margit Bachs davor, dass die Empfindungsfähigkeit der Brustwarzen verloren geht oder das Gewebe abstirbt. Bei einem geschickten Chirurgen ist diese Gefahr gering. Margit Bachs ist ihr entronnen, nicht zuletzt durch ihre sorgfältige Wahl des Arztes.

Ob Frau Bachs mit ihrem neuen Busen alt werden kann, wird sich jedoch frühestens in einem halben Jahr herausstellen. Erst dann ist klar, ob sich eine Kapselfibrose entwickelt. Dabei verhärtet sich das Bindegewebe in Reaktion auf den Fremdkörper extrem und zieht sich schmerzhaft zusammen. Dann müssen die Implantate entfernt werden. „Wenn die Dinger wieder raus müssen, betrachte ich das als Wink, dass es nicht sein soll“, sagt Margit Bachs.

Schnittführung und Stützverband

Nach ausführlichen Beratungsgesprächen beginnt die Operationsvorbereitung. Vor jeder Brustoperation ist eine Mammografie angesagt. Der Anästhesist erkundigt sich außerdem nach Allergien und Gesundheitszustand, wie es auch bei medizinisch erforderlichen Operationen geschieht. Dann zeigt der Arzt die Schnittführung oder zeichnet sie auf dem Körper an. Die Operation selbst dauert durchschnittlich ein bis zwei Stunden.

Danach wird ein Stützverband angebracht, um das Verrutschen der Implantate zu verhindern. Nach zwei Tagen kann dieser Verband gegen einen festen BH ausgetauscht werden, der für die nächsten vier Wochen Tag und Nacht getragen werden soll.

Einige Tage Klinikaufenthalt sind meist erforderlich, bis die Drainageschläuche entfernt werden, die die Wundflüssigkeit abtransportieren. Schwellungen und Blutergüsse treten zwangsläufig auf. Wie bei jeder Operation besteht die Gefahr von Nachblutungen, Wundinfektionen oder verzögerter Heilung. Erst drei Wochen nach der Operation sollte die Arbeit wieder aufgenommen werden. Margit Bachs hat sich für diese Zeit Urlaub genommen.

Kein Implantat in bestrahltes Gewebe

Eine test-Leserin hatte nicht so viel Glück. Nach einer Brustkrebsopera-tion hat sich die 52-jährige Lehrerin zu einem Wiederaufbau der Brust entschlossen und ist dabei an den falschen Arzt geraten. Gleich nach der Amputation wurden beidseitig Expander-Kissen eingelegt, um die Haut zu dehnen. Etwa ein Dreivierteljahr lang werden diese Kissen nach und nach mit Kochsalzlösung aufgefüllt. Dann ruhen sie nochmals ein halbes Jahr, bevor die endgültigen Implantate eingesetzt werden – normalerweise.

Unsere Leserin hatte beim Dehnen schon extreme Schmerzen. Das Gewebe war aufgrund der Nachbestrahlung nicht besonders elastisch. Als der Arzt nach sechs Monaten ihren Verdacht bestätigte, eines der Kissen sei ausgelaufen, nahm er sofort den Austausch vor. Er setzte zwei Silikonkissen mit rauer Oberfläche ein. Der plastische Chirurg Frank-Werner Peter kritisiert diese Methode des Brustaufbaus als „eine klare Fehlbehandlung. Es mussten Komplikationen auftreten.“

Die Schmerzen ließen nicht nach: „Es wurde immer härter, immer fester, aber die Ärzte bestanden darauf, dass das normal wäre.“ Ein halbes Jahr später suchte die verzweifelte Frau einen plastischen Chirurgen auf: „Der hat die Kapselfibrose auf den ersten Blick erkannt und gesagt, dass man in bestrahltes Gewebe kein Implantat einsetzen darf.“ Der plastische Chirurg Friedrich von Hesler bestätigt diese Aussage: „Das einfache Implantat geht mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer Kapselfibrose einher, wenn das Gewebe durch Bestrahlung vorgeschädigt ist. Man muss sehr häufig aufwendigere Verfahren anwenden, um einen Wiederaufbau erfolgreich durchzuführen.“ Infrage kommt die Transplantation von Fett- oder Muskelgewebe aus dem Rücken oder dem Bauch.

In einer Umfrage äußerten mehr als 90 Prozent der Befragten Verständnis für Menschen wie unsere Leserin, die nach Unfall oder Krankheit eine Schönheitsoperation durchführen lassen. Nur 19 Prozent aber erkennen an, dass jemand dieses Risiko auf sich nimmt, weil er fürchtet, keinen Partner zu finden. Unsere Leserin findet es nach ihren Erfahrungen „hirnrissig, dass manche Leute das freiwillig machen lassen, nur um ein bisschen besser auszusehen“.

Der plastische Chirurg Frank-Werner Peter kennt aber auch zufriedene Patienten: „Viele sind nach ihrem ästhetischen Eingriff glücklich und entwickeln ein ganz neues Lebensgefühl.“

Pinocchio, Zwergnase und Co.

In den USA gibt es zum Highschool-Abschluss ein zweifelhaftes Geschenk: Die Nasenkorrektur soll den Silikonbusen vom vorderen Platz verdrängt haben. Was oft als kleiner Eingriff gilt, birgt enorme Risiken bei einem schwer vorhersagbaren kosmetischen Ergebnis. Auch nach dem Eingriff sind Unregelmäßigkeiten oder Asymmetrien nicht ausgeschlossen, und in bis zu 20 Prozent der Fälle muss nachkorrigiert werden. Dann kommt der Operateur nicht mehr ohne größeren Schnitt aus. Operationen an der Nasenscheidewand bergen zudem das Risiko, dass sich ein Loch bildet. Das kann Trockenheit der Nase, gehäuftes Nasenbluten oder ein lautes Atemgeräusch zur Folge haben.

Durch die Narben im Naseninneren oder einen Nasenflügelkollaps, der entsteht, wenn zu viel Knorpel entfernt wurde, können dauerhafte Atemschwierigkeiten zurückbleiben. Ständiges Augentränen ist die Folge eines verletzten Tränenkanals, der bei Operationen an der Knochenstruktur in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Der standardisierte Patientenaufklärungsbogen warnt außerdem vor Narbenwucherungen.

„Man muss die Nase immer im Gesamtkontext des Gesichts sehen“, sagt Professor Dr. Jürgen Bier, plastischer Chirurg und Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Berliner Virchow-Klinikums. Der gesamte Gesichtsausdruck kann ein anderer werden, wenn der Gesichtsmittelpunkt verändert ist. Umso wichtiger ist die Beratung, so Frank-Werner Peter: „Es gilt, eine typgerechte Veränderung anzustreben. Unrealistische oder unpassende Vorstellungen müssen dem Patienten ausgeredet werden.“

Großer psychischer Druck

Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass Schönheitsoperationen dann angebracht sind, wenn ein zu großer Leidensdruck besteht. Aber wann ist der Leidensdruck zu groß? Den Beobachtungen der Schönheitschirurgen zufolge gehört der Großteil der Klientel ohnehin zur hübscheren Hälfte der Bevölkerung.

Der seriöse Praktiker wird hellhörig, wenn Leute anfragen, die objektiv keinen Makel aufweisen. Denn der Schönheitswahn hat bereits eine psychische Krankheit hervorgebracht: die körperdysmorphe Störung. Die Betroffenen fühlen sich entstellt, obwohl sie gut aussehen. Erfahrene Schönheits­chirurgen filtern solche Patienten mit gezielten Fragen aus. Doch die Orientierung an herrschenden Schönheitsidealen kann einen enormen psychischen Druck bewirken. Dabei sind die Ideale einem steten Wandel unterworfen. Möglicherweise wird sich manche künstlich Vollbusige ärgern, wenn in einigen Jahren wieder knabenhafte Figuren nach dem Vorbild von Twiggy aus den 60er Jahren angesagt sind.

Rettungsringe und Reiterhosen

Der geschlechterübergreifende Siegeszug des Fettabsaugens wird allerdings nicht zu bremsen sein. Denn ein Comeback der barocken Idealmaße, wie sie auf den Bildern von Rubens zu finden sind, ist nicht zu sehen.

Das Fettabsaugen ist keine Alternative zu einer Diät, denn das Normalgewicht sollte bereits vor dem Eingriff bestehen. Es gibt jedoch hormonell bedingte Fettablagerungen, denen mit Diäten und Sport kaum beizukommen ist. Bei Männern bilden sich dann meist Rettungsringe aus, bei Frauen eher Reiterhosen. Die plastische Chirurgie kennt heute verschiedene Verfahren zur Fettabsaugung. Am häufigsten wird das Tumeszenzanästhesie-Verfahren angewandt. Nur kleine Schnitte sind erforderlich, um die Spritzen mit den Saugkanülen in das Unterhautgewebe einzuführen. Dennoch birgt der Eingriff hohe Risiken, auch wenn sie sehr selten auftreten. In einem von 1 000 Fällen treten Thrombosen auf. Vereinzelt kann es zu Lungenembolien und Schockreaktionen kommen – beides ist lebensgefährlich. Normale Begleiterscheinungen sind Schwellungen, Blutergüsse und Taubheitsgefühle der Haut, die in der Regel bald nach dem Eingriff abklingen.

Gesundheit oder Schönheit

Angesichts dieser Risiken stellt sich die Frage: Gesundheit oder Schönheit? „Wer gut aussieht, hat mehr Chancen im Leben“, nicht nur privat, sondern auch beruflich. Das meinen immerhin knapp 90 Prozent der Frauen in einer Umfrage der Zeitschrift „Brigitte“. Jeder vierte Befragte könnte sich sogar vorstellen, sich unters Messer zu legen, um diesem Ziel ein Stück näher zu kommen.

„Ich finde den Körperkult in unserer Gesellschaft völlig übertrieben“, sagt dagegen jeder zweite Befragte in einer repräsentativen Umfrage des Allensbach-Instituts im Auftrag der Körber-Stiftung. Unsere Leserin mit Wiederaufbau-Implantaten nach Brustkrebs hat für sich entschieden, „dass eigentlich nur Gesundheit wichtig ist“.

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