Interview: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“

Manchmal kann der Schönheitswahn krankhaft werden. Dann werden kleine äußere Makel zum Ventil für eine psychische Störung. In der Fachwelt heißt diese Krankheit körperdysmorphe Störung (BDD). Die Psychologin Regine Hungerbühler befasst sich seit 1996 mit diesem Krankheitsbild.

Wie viele Bundesbürger sind von der körperdysmorphen Störung betroffen?

Wir gehen davon aus, dass lediglich 1 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber rund 20 Prozent derer, die bei Schönheitschirurgen und Dermatologen anfragen, unter BDD leiden.

Wie lässt sich die psychische Störung von einer normalen Unzufriedenheit mit dem Aussehen abgrenzen?

Das Problem ist: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Es handelt sich bei BDD um eine Wahrnehmungsstörung wie auch bei der Magersucht. Entscheidend ist immer die Angemessenheit der eigenen Beurteilung des Aussehens und der individuelle Grad des Leidens.

Wie wird die körperdysmorphe Störung diagnostiziert?

Das erste Kriterium ist eine übermäßige Betroffenheit und Beschäftigung mit dem Makel. Der Kranke verwendet viele Stunden darauf, den Makel zu verbergen und macht sich viel mehr Sorgen, als er müsste. Dazu kommt als zweites Kriterium: Durch die Beschäftigung mit dem Makel entsteht ein übermäßiger Leidensdruck. Der Kranke vermeidet soziale Kontakte und wird unter Umständen auch depressiv. Wenn nur das erste Kriterium erfüllt ist, dann deuten die Symptome noch nicht auf eine krankhafte Störung.

Weshalb suchen so viele Betroffene Hilfe beim Chirurgen?

Viele machen ihr persönliches Glück von dem Makel abhängig, nach dem Motto: Wenn ich nicht diesen Makel hätte, wäre ich glücklich. BDD-Patienten haben alles überprüft und sind der Meinung, dass nur eine Schönheitsoperation helfen kann. Außerdem neigen sie oft zu selbstverletzenden Verhaltensweisen. Eine Schönheitsoperation kann auch eine solche autoaggressive Handlung sein.

Wann würden Sie eine Schönheitsoperation für sinnvoll halten?

Wenn die Erwartungen an den Erfolg des Eingriffs realistisch sind und nicht alles davon abhängig gemacht wird, sollte die Entscheidung jedem selbst überlassen bleiben. Prüfen kann man sich durch einen Vergleich von Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung selbst, indem man seinen Makel auf einer Skala von eins bis zehn einordnet und dann Bekannte und Freunde dasselbe tun lässt. Es gibt auch Patienten, die vor einer Schönheitsoperation die Kriterien für BDD erfüllen, aber danach nicht mehr. Also kann der Eingriff manchmal durchaus sinnvoll sein. Andererseits besteht auch die Gefahr, dass die BDD durch die Operation erst ausgelöst wird.

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